journey of faith

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    Trilogie | Der Glaube an sich, bleibt der Glaube an sich selbst.

    In den 2000er Jahren entstanden einige Kurzgeschichten/ Rohtexte die ich 2010, unter dem Namen TRILOGIE zusammengefasst, in einer passwortgeschützten Datei auf einem USB-Stick gespeichert habe. Da ich das Passwort im Laufe der Zeit vergessen hatte, konnte ich die Datei jahrelang nicht öffnen. Vor einiger Zeit habe ich den Stick wiederentdeckt und nach mehreren Versuchen gelang es mir, die Datei zu öffnen!

    Der Name, TRYLOGIE, leitet sich jedoch nicht von den drei Zyklen der Textsammlung ab, sondern von der Geschichte der Wachsfarben-Zeichnung „Der Glaube” aus dem Jahre 1989! Jene Zeichnung fiel noch im Entstehungsjahr 1989, im Büro einer Künstlerin in Lahr einem Brand zum Opfer. Ein Jahrzehnt später ( 2001 ) habe ich anhand eines Polaroid Fotos eine neue Zeichnung angefertigt, die leider auch nicht die Zeit überdauert hat. Im Jahre 2008 habe ich eine dritte Version gezeichnet. Die zweite und dritte Farbzeichnungen sind keine Kopien der ersten Zeichnung. Jede der drei Zeichnungen spiegeln meinen eigenen Glauben wieder, der nie der gleiche zu sein scheint, obwohl er ewig derselbe geblieben ist – sogar über den Feuertod hinaus. Ein ähnliches Schicksal ereilte nach meinem Exodus auch einige meiner Ölgemälde auf Karton und Leinwand, die ebenfalls bei einem Brand zerstört wurden.

    Die Trilogie beginnt mit den Worte eines Unwissenden der sich seiner Überheblichkeit durchaus bewusst ist.
    Wäre des Lebens Rätsel lösbar, so würde ich ihr kleines Geheimnis mit der Leichtigkeit eines Unwissenden lösen, den Samen der Erkenntnis in die Herzen der Wissenden säen, und mit derer Weisheit Früchte euren Hunger stillen, euren Durst an derer Quelle Weisheit löschen. Wäre des Lebens Rätsel unlösbar, so würde ich ihr kleines Geheimnis mit der Leichtigkeit eines Ahnungslosen lösen, das Mysterium heimlich in mein Schweigen versenken, und Sie würden diese Zeilen nie lesen.

    Glücklicherweise bin ich weder wissend noch unwissend, also darf ich euch hier und jetzt ohne bedenken die Entstehung der Trilogie-Geschichte erzählen.

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    ~

    Manchmal lege ich den Bleistift aus der Hand, tauche der Einsamkeit Feder in meine Schwärze und schreibe Bilder in das leere Weiß der Blätter, zeichne Geschichten in die Zeit, träume Menschenträume in ihre Herzen, plauder von der Wahrscheinlichkeit des Unmöglichen aus der Sicht der möglichen Wahrscheinlichkeit, erzähle Märchen und zeuge eine Welt in der alles gleichberechtigt werden und vergehen darf.

    Für den Hauch eines Wimpernschlages gestatte ich einen kleinen Spaziergang an den Ufern meines Wassers. Man darf auch gerne durch das Seichte schreiten, laufen, tanzen oder in des Strandes feuchtem Dünensand stillstehend verharren, sanft einsinken, verweilen, meiner Wellen Wörter Klang-Spiel lauschen, die eigene Fantasie in der Abendsonne Strahlen wärmen und den Sonnenuntergang mit Wünschen und Sehnsüchten beschenken.
    Wenn sich die Augen am nächsten Morgen wieder öffnen wird die Nacht Ihr Geschenk an die Sonne längst vergessen haben und man wird nie wieder so nahe am Unaussprechlichen verweilen können.
    Eines sollten man jedoch vermeiden; sich in des Wassers Armen hinaustreiben lassen, in den gespiegelte Sonnenuntergang hineinschwimmen, in des Meeres lockenden Sog eintauchen oder in das Abgrund Tiefe untertauchen. Man sollte die Wörter-Bilder meiner Fantasie mit gebührendem Abstand lesen, betrachten, deuten!

    Mittels Beispielen, Symbolen, Metaphern wurde das hier dargestellte umschrieben. Es ist kein Geheimnis, dass manch hier gelesene ( Ideen, Gedanken, Meinungen, Ansichten ) schon irgendwann, irgendwo so ähnlich gedacht, geschrieben oder ausgesprochen wurde. Die Einmaligkeit dieser, meiner Aussagen befindet sich in des Lesers Auge im Auge der Zeit.
    Man wird hier einiges auch aus dem Daoismus wiederfinden, wiedererkennen. Die daoistischen Sammlungen literarischer Texte der chinesischen Philosophen und Dichter, Lǎozǐ ( Daodejing ), Zhuāngzǐ ( Nánhuājīng / Das wahre Buch vom südlichen Blütenland ), sowie Lièzǐ ( Chōngxū Yhēnjīng / Das wahres Buch vom quellenden Urgrund ) ermöglichten mir meine Gedanken Welt zu verstehen, in Worte zu fassen, auszusprechen.
    Ich habe zwar einiges gelesen aber glücklicherweise weniges behalten. Keine der vielen Denkrichtungen habe ich vertiefen wollen, was ich im Nachhinein nicht bereute. Mein Geist ist frei vom Wissen der Wissenden, auch wenn meine Neugier in manch eine Gedankenküche reingeschnuppert hat. Die Fuzzylogik finde ich nicht nur wegen ihrer Unschärfe interessant.
    Logik kann auch ein Anker sein, mit dessen Hilfe man in ruhigen sowie stürmischen Zeiten das eigene Denken begründen, absichern, anbinden, festketten möchte und vergisst dabei, dass so der eigenen Phantasie oft keine Möglichkeit bleibt, in die offenen Tiefen, der uns angeborenen infantilen Fiktion, hinauszutreiben.

    Geschichte im Auge der Zeit hat mich seit jeher fasziniert. Ägyptische Mythologie ( Isis- und Osiriskult ) ist mir nicht fremd. Aus diesem Grund tauchen in meinen Zeichnungen auch Symbole aus dieser Gedankenwelt auf. Dem fernöstlichen Drachen bin ich vor längerer Zeit begegnet und habe ihn mir instinktiv einverleibt. Könnte auch sagen: Der fernöstliche Drache ist mir vor langer Zeit begegnet und hat mich einverleibt.
    Das Spiel der Illusion ( illudere – ludere – spielen ) mit Formen und Farben ist mir vertraut.

    Die Textsammlung TRILOGIE besteht aus drei Zyklen: dem Bilderzyklus, dem Bäumezyklus und dem Drachenzyklus.
    Die Kurzgeschichten der ersten beiden Zyklen entstanden gemeinsam mit den jeweiligen Zeichnungen. Die Illustrationen/ Fotos zu den Drachentexten sind neueren Datums. Die 34 Zeichnungen der ersten beiden Zyklen existieren nicht mehr, abgesehen von ein paar, die ich verschenkt hatte. Ursprünglich bestand der Bäumezyklus aus über 60 Bleistiftzeichnungen.

    Der Bilder- Bäume- und Drachenzyklus wurde auf DIN A2 Zeichenpapier gezeichnet.
    Den Bilderzyklus ( Frühjahr-Sommer 2008 ) entstand vorwiegend Nachts begleitet von der Musik Beethovens. Die „Waldstein-Sonate“ hat mich in fast allen Bildern inspiriert. Zur Abwechslung habe ich manchmal Chopin und Mozart gehört.
    Der Bäumezyklus ( Sommer-Herbst 2008 ) zeichnete ich in der Parkanlagen Solitude unter Einwirkung purer Yang Musik. Hardrock vom feinsten, laut und wild. Zwischendurch sind auch Kodo Rhythmen von Tataku in die letzten Bilder eingeflossen. Ich spreche hier nicht von Musik Kultur sondern von Yin und Yang.
    Der Drachenzyklus ( 2008-2010 ) ist meiner gelebten Fantasie entsprungen.

    ~~~o~~~

     TRILOGIE
    Der Glaube an sich, bleibt der Glaube an sich selbst

    BILDERZYKLUS ( Zehn Bilder-Geschichten )
    Der Vogel
    Der Kelch
    Der Traum
    Das vierte Bild
    Horus, Die goldene Pforte
    Horus, Anch das Lebenskreuz
    Der Falke
    Der Drachenfelsen
    Auf der Suche nach der verlorenen Zeit
    Exitus

    * * *

    BÄUMEZYKLUS ( Vierundzwanzig von vierzig Bilder-Geschichten )

    Drachenzeit
    Der Tod und der Baum
    Der Waldläufer
    Der Australier
    Déjà vu
    Nichts
    Der Schlossbaum/1
    Jadelicht
    Die weise Dame
    Die Hundeherrin
    Der wissende Tamile
    Der Morgen Qi Baum
    Regenzeit
    Der Schlossbaum/2
    Baumgeschichten
    Menschenbaum
    Rückblick
    Kinderaugen
    Der Drachensee
    Der Schlossbaum/3
    Der Feenbaum
    Blätterreise
    Krähenwiese
    Herbstzeit

    * * *

    DRACHENZYKLUS ( Vierundzwanzig Bilder-Geschichten )

    Also
    Drachenperle
    Die Libelle
    Café Noir und weiße Blüten
    Nebel QiGong
    Schneesturm QiGong
    Lǐ Bái und meine Drei Worte
    Lǐ Bái in einer stillen Nacht
    Atemblume QiGong
    Teeschalen QiGong
    Das Geheimnis der drei Wünsche
    Die Asterismus Quelle
    Trostlos unter Wolken
    Das unsichtbare Flügeltropfen Bild
    Rosenweg
    Der Paradiesvogel
    Wortlos
    Drachengold
    Wiederkehr
    Labyrinth
    Das Wiegen des Herzens
    Die Pforte
    Wolfsaugen
    Der Prozess

    ~~~o~~~

    Die TRILOGIE ist weder ein Buch noch ein Sammelsurium an Weisheiten.
    Sie ist kein Weg, also nicht begehbar und auch kein Ziel, also nicht erreichbar, und auch nicht erstrebenswert!
    Sie lehrt nicht und sie erklärt nicht. Sie lockt nicht und verführt nicht, auch wenn manchmal ( lesend oder in der Reflexion ) der Eindruck entstehen könnte, ihre Gedanken seien aus irgend einem Druckwerk, Predigerbuch abgeschrieben oder abgeleitet worden!
    Diese Geschichte, die scheinbar schreibend sich selbst geschrieben hat, beschreibt einen der vielen möglichen Wege zu sich selbst. Der Widerspruch in meiner Gedankenwelt spiegelt den Widerspruch der realen Welt. Wie jede unvollendete Geschichte hat auch diese kein Ende. Sie schreibt mich einfach weiter und weiter!
    Manchmal genügt das Gefühl der Gewissheit, des anderen Wunschträume erfüllen zu können. Was bleibt? Der Zweifel und die Gewissheit das Unerreichbare leben zu können!

    信言不美,美言不信
    (xìn yán bù měi, měi yán bú xìn)
    Wahre Worte sind nicht schön, schöne Worte sind nicht wahr
    Dao De Jing, Kap. 81

    Ach ja, „Wäre des Lebens Rätsel lösbar so würde ich…“
    Vor langer Zeit gab mir ein lieber und weiser Mensch folgende Wörter mit auf den Weg:
    „Sohn, schau hinauf zu den Sternen und schau hinunter in deine Hand, das unermesslich Große, sichtbare und unsichtbare dort oben sowie das winzig kleine unsichtbare und unteilbare in deiner Handfläche, sie sind beide das Gleiche und gleichzeitig das Selbe. Sie sind eins!“

    Ich glaube er wollte mir sagen: das Universum in all seinen Erscheinungsformen ist ein Fraktal.
    Taucht man in den TRILOGIE-Zyklus ein, wird diese Fraktal Struktur sichtbar. Jeder Zyklus, jedes Kapitel, jedes Bild, jeder Absatz, jede Zeile (und auch Wort) ist ein Spiegelbild ein und derselben Botschaft, die eigentlich mit einer Handvoll Perlen/ Wörter gezeichnet wurde: Zeit – Raum – Sehnsucht – Liebe – Demut – Trauer. Taucht man in diese Wörter-Bilder ein so entsteht diese Geschichte.

    Die Zeit wird meine Bilder gnadenlos verschlingen,
    doch ein leises, unergründliches sanftes Rauschen,
    Echo meiner Wörter / Bilder wird in euren Herzen,
    in Resonanz mit Daos Klängen, weiter mitschwingen.

    TRILOGIE | Amadeo, Oktober 2010

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    „Also”

    Also

    Als meine Haare schwarz und meiner Jugend Neugier Augen Bläue mich geleitete, beschloss ich meine Neugier an jener Quelle Ort zu stillen, an der jeder Dürstende nach Wissen graben würde.
    Ich hörte von der ebenso legendären wie sagenumwobenen Stätte, an der für jede Frage zehntausend Antworten, übersichtlich geordnet und wände hoch gestapelt, bereit lagen.
    Gelebtes und erdachtes Wissen unserer Vorfahre, aufgereiht in Form von kleine Zeichen, Buchstaben, zu kurzen Schnüren, Sätzen, verknüpft, in denen der Welt nahe und auch weltfremde Weisheit für die Ewigkeit gedacht, niedergeschrieben und eingefroren, gebunden in Büchern auf mich wartete.

    Also machte ich mich auf und ging nach Wissen.

    Ich las jedes Buch, das ich auftreiben konnte und das meinen flinken Augen unter die Finger kam. So wurde ich über die Jahre hinweg lesend von einem Buch zu anderen weitergereicht. Mit jeder neuen „erlesenen” Erfahrung/ Antwort tauchten zehntausend neue Fragen auf. Ich stellte mir die unmöglichsten Fragen und suchte nach mögliche Antworten. Fragen wie diese: Wie viel Menge an Ereignis lässt die Welt in einem einzigen Augenblick Zeit zu und wie viel kann sie verkraftet!Diese Frage zeugte die nächste Frage: „Wie lange, wie viel Zeit dauert ein Augenblick“, und so weiter.

    Irgendwann war ich so weit dass ich mir auf jede Frage eine Antwort zusammenreimen konnte. Bald sprach sich herum, dass der „Große Bruder“, wie ich damals leider genannt wurde, jederzeit die Unwissenheit anderer mit Rat und Tat zu lindern verstand.
    Doch anstatt mich in Zufriedenheit mit mir selbst und der Welt im Scheine des Erfolges treiben zu lassen, stand ich still im Schatten meiner Selbst und wurde unsicher, denn mit der Gewissheit tauchte nämlich ihr Spiegelbild, der Zweifel auf. Ich begann, mich von der erlesenen Weisheit des Wissens zu distanzieren.
    Mein Lesen wurde selektiv und irgendwie oberflächlich!
    Ich überflog die Wörter, Zeilen, Sätze, Seiten, Bücher und kehrte nur dann zum Anfang eines Gedankens zurück wenn die Magie eines Wortes oder Bildes meine Neugierde weckte.

    Ich machte mich auf und ging hinaus.

    Ich ging hinaus und begann, die Welt zu betrachten, zu beobachten und zu verstehen.
    Jene Welt, in der wir geboren werden, aufwachsen, leben und sterben. Eine einzigartige, wunderschöne Welt, die wir Menschen, seit jeher bekannt, verraten haben.

    Wir teilen und definieren diese Welt, indem wir ihr Werte zuschreiben, vielleicht auch, um sie besser verstehen zu können, dabei ist sie weder eine gute noch eine schlechte Welt. Wir erschaffen unsere eigene, künstliche, Welt und vergessen, dass die eigentliche Lebenskunst darin besteht, diese eine, unsere Welt, zu respektieren und in ihr zu leben!
    Im Namen des Wohlstands und des persönlichen, kollektiven oder ideologischen Vorteils brechen wir alle möglichen (nicht von Menschenhand geschriebenen) Regeln, Gesetze der Mutter Natur.
    Wir züchten, reproduziere, manipulieren und vermehren im Namen der Wissenschaft des Profits den genetischen Code von uns und und anderer Lebewesen.
    Im Namen des Wohlstands und des persönlichen, kollektiven oder ideologischen Wahnsinns züchten, reproduziere, manipulieren und vermehren wir Besitz und Reichtum, führen Kriege, töten, schlachten, verschlinge, fressen und opfern unsere Träume, unser Fleisch und Blut und jenes aller anderer Lebewesen.
    Ich war nie Teil von etwas, das Menschen bindet, zusammenhält. Das Gesetz der Zugehörigkeit schloss mich aus, entfernte mich aus einer Struktur, der ich nie angehörte.
    Die Gemeinsamkeit des Denken und des Handeln prägt ein Systems, das alles in Gut und Schlecht ( Böse ), Schön und Hässlich, Richtig und Falsch einteilt und dadurch definiert. Diese Zugehörigkeit bietet Schutz und auch ein scheinbares Gefühl der Sicherheit.
    Es kam so weit, dass der Feind des Feindes zum Freund wurde. Der Freund des Feindes jedoch Feind blieb.
    Als Feind oder als Freund geboren, konnte man trotzdem überleben, vorteilhafte Koalitionen bilden und seine eigene Ziele setzen und erreichen. So wurde der Freund zum Freund-Feind und aus Feind wurde Feind-Freund. Man zeugte ein Gleichgewicht der agierenden Kräfte und konnte munter weitermachen.
    Die Weltordnung wurde immer und immer wieder neu hergestellt.

    Wer nicht für Etwas, eine Sache, einen Gedanken oder einen Glauben ist, der ist automatisch dagegen. Dieser Automatismus des Denkens und des Handelns kann das Individuen und die Massen manipulieren.
    Diese Sicherheit der Zugehörigkeit verleiht den Sterblichen eine unkontrollierbare Macht. Diese Macht ist gnadenlos, rücksichtslos, denn sie verdunkelt, täuscht und verführt die Seelen der Menschen. Sie lockt oder zwingt die Willigen, sie verstößt oder zerstört die Unwilligen.

    Überall wo ich auch auftauchte, begegnete ich dieser Macht. Sie war jedes Mal anwesend und beäugte mich und meinen Weg mit Argwohn und voller Misstrauen. Sie sah in mir eine potenzielle Gefahr und lockte mich dennoch oder gerade deswegen mit Chancen und Erfolgsaussichten. Ich lehnte dankend ab.
    Die Sprache der Macht wird überall gesprochen und verstanden.
    Man sagte mir: „Nimm dich in Acht, du hegst ketzerische Gedanken“. Das war das einzige Mal, dass ich so etwas wie Stolz empfand. Nicht, weil ich mich darüber gefreut hätte oder deswegen, sondern weil ich endlich verstanden hatte.

    Ich war weder ein Teil von etwas noch etwas von irgend was. Ich war weder hier, noch war ich nicht hier. Ich war Überall und gleichzeitig Nirgendwo. Ich sagte: „Ich bin überall dort, wo ihr hin wollt“. Ich wurde ausgelacht und ausgestoßen.

    Ich machte mich frei und ging hinaus.

    Ich ging hinaus und fing an die Welt zu betrachten, zu beobachten und zu verstehen.
    Ich setzte mich nieder und legte meine Handflächen auf die Erde.
    Ich tastete, fühlte, spürte und ich roch und schmeckte, was man Erde nennt.
    Ich ließ los, versank in ihrer Dunkelheit, säte den Samen, ließ ihn keimen, ließ ihn sprießen, ließ in in das Licht der Sonne treiben, wachsen, sich entfalten und ließ mich sterben.

    Ich hob meine Arme empor, streckte meine Hände in den Frühlingshimmel und wurden Pflanze.
    Ich wurde Gras, Strauch, Baum, Wald.
    Ich wurde Wurzel, Stamm, Ast, Zweig, Blatt, Krone.
    Meine Finger öffneten sich, wurden Blüte, Frucht und Samen.
    Der Herbstwind strich durch mein Haar, löste meine Blätter, und ich flog mit den Wolken über das Land.

    Ich sprach mit mir selbst und ich sprach mit den Pflanzen und mit den Tieren.
    Ich lernte ihre Sprache; ich lernte sie zu lesen und ich lernte sie zu sprechen.
    Ich habe keine mündliche Antwort erwartet, aber ich habe gelernt, zuzuhören.
    Manch einer hielt mich für verrückt, aber ich glaube, es war eher Mitleid mit jemandem wie mich.

    Die Herbstreife brachte mit dem Regen auch mein Wasser und meine Regenbogenfarben.
    Irgendwann setzte ich mich an den großen Fluss, an dem schon Hesse und seine Lehrer und deren Lehrer Lehrer schon saßen, und beobachtete sein, mein, unser, euer und auch niemandes sonst Wasser.
    Fremde Menschen und manch Freund setzten sich an meine Seite, redeten, erzählten, lachten, weinten und ich hörte ihnen schweigend zu. Ich sah sie alle im Fluss der Zeit schwimmen, gleiten, tauchen und ich sah sie untergehen und davon treiben.

    Irgendwann beugte ich mich über das Wasser.
    Ich schaute in den Spiegel und suchte nach meinem Spiegelbild.
    Ich sah weder mein eigenes Antlitz, noch jenes eines Freundes oder eines Fremden.

    Ich beugte mich tiefer und tiefer über das Wasser.
    Ich wurde Wasser und das Wasser ward Fluss.
    Ich wurde Fluss und der Fluss war… Drache.
    Ich wurde eins mit jenem Geschöpf, das ich selbst schon ewig war.

    Also | Amadeo, 2009

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    „Die Libelle”

    Die Libelle

    Der erste Novembertag in diesem Jahr ist auch ein wunderschöner sonniger Novembersonntag.
    Heute Morgen, kurz nach neun Uhr, bin ich noch einmal (vielleicht das letzte Mal in diesem Jahr) zu meinem Schloss hinausgefahren, habe Qi Gong geübt und mein letztes Bild gezeichnet.
    Jetzt stehe ich draußen auf dem Balkon und rauche meine Mittagszigarette.

    Während ich die warmen Sonnenstrahlen genieße und meinem Gedanken Geflüster nach lausche fliegt ein kleines, helles Licht an meinem Gesicht vorbei. Mein Blick folge seinem Flug und ich erblicke eine kleine Libelle auf dem Balkongeländer landen.
    Ich denke, Anfang November, Libelle?
    Neugierig nähere ich mich und strecke meine linke offene Hand langsam der Libelle entgegen. Sie erhebt sich und ich befürchte, sie durch meine Armbewegung verscheucht zu haben. Doch welch ein Wunder, sie fliegt auf meine ausgestreckte offene Handfläche zu und landet auf meinem Daumenballen. Ich hebe langsam meine Hand in Augenhöhe, drehe sie vorsichtig seitlich, Richtung Gesicht und sehe ihr direkt in die Augen!
    Insektenaugen sind keine Menschen Augen. Ich kann sie nicht so ohne weiteres mit meinen Augen durchdringen, lesen, also lasse ich sie (die Kleine) auf mich blicken. Ihre Augen wirken nicht nur groß, sie sind im Verhältnis zu ihrem Kopf riesengroß und sie sind seidenmatt dunkel, fast schwarz.
    Ich flüstre mit leiser, leiser Stimme: „Hallo Kleines wie geht es dir?“
    Sie schaut mich an. Ich atme sachte in ihre Richtung. Ihre kleinen, winzigen Flügel vibrieren wie… winzig kleine Blätter im Wind. Was sie sieht, glaube ich zu ahnen, doch was sie dabei denkt, kann ich mir nicht vorstellen.

    Nach einer Weile, es dürften so um die zehn, zwölf Sandkörner aus meiner Zeit in die Ewigkeit gerieselt sein, erhebt sich das Insekt und fliegt ganz nahe an meinem Kopf vorbei und davon. Ihre Flügel streifen meine Haare im Flug, so als würde sie sich mit einer letzten, leichten Berührung von mir verabschieden wollen.

    Dieses Erlebnis ist keine Fiktion, keine Illusion, keine erfundene Geschichte.
    Ich fühle mich winzig, nichtig… denn ich sah in den Augen dieses kleinen Wesens etwas Geheimnisvolles, Unaussprechliches, Zeitloses!
    Ich sah…

    Die Libelle | Amadeo, 2009

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    „Café Noir und weiße Blüten”

    Café Noir und weiße Blüten

    „Ankunft Rom, 28.8“.
    Der Zug hielt lustlos inne. Sie hob ihren Blick, sah durch das trübe Fenster in die laute Nacht hinaus und zuckte merklich zusammen. Sie war angekommen. Irgendwo dort draußen würde er auf sie warte. Sie legte das Buch mit dem ungewöhnlichen Namen, Café Noir, in dem sie mehr als die halbe Reisezeit über gelesen hatte, in ihre schwarze Beuteltasche, stand auf, trat in den engen überfüllten Gang und ließ sich in den lärmenden Armen der Menschenmenge in das Getöse der ewigen Stadt hinaus treiben.

    Als wir uns das erste Mal begegneten kannten wir uns schon länger als zwei Jahre! Eines Tages öffnete ich ahnungslos die gemeinsame Türe und stand unverhofft vor ihrem vorwurfsvollen Blick.
    Ihre laute, schrille Stimme funkelte mir entgegen. Worüber wir an jenem Tag sprachen (eigentlich sie zu mir sprach) war „nicht der Rede wert“, doch dass sie mit mir sprach war wertvoller als all das Reden!
    Ich kannte weder ihren Namen noch wusste ich wer sie war. Ich sah in ihre Augen und ich sah Traurigkeit. Ich taufte und nannte sie Felicia.

    Monat für Monat schlichen sich ein paar Tage aus unserer kostbaren Zeit.
    Eines morgens sprach ich zu ihr und langsam wachte sie auf.
    Ich fragte sie: „Wohin gehst du?
    Sie setzte sich neben mich, an das Ufer meiner Farben, und antwortete: Ich gehe nirgendwohin. Ich bleibe hier an deiner Seite.”

    Man sagt: „Der Weg ist das Ziel.
    Die einen meinen, sie hätten ein Ziel vor Augen, und der Weg sei zeit-los ankommen.
    Die anderen meinen, sie hätten einen Weg zu gehen, und das Ziel sei zeit-voll ankommen.
    Doch der Zeit- und Raum-lose braucht weder Weg noch Ziel!

    Man sagt: „Alle Wege führen nach Rom“.
    Die einen meinen, sie wäre die Ewige Ankunft.
    Die anderen meinen, Ankunft sei überall Rom.
    Doch wenn Rom das Ziel, dann wehe dem, der Rom erreicht!

    „Ankunft Rom, 28.8“, waren seine letzten Worte. Seine schmerzvollen Schritte führten ihn die Steintreppe hinauf. Dort oben angekommen legte er eine weiße Rose auf seine versteinerte Brüstung nieder.
    Zwar heilt die Zeit alle Wunden die sie selbst gerissen, doch manchmal brennt der Schmerz der Narben heller als die verklärte Erinnerung selbst.

    Café Noir | Amadeo, 2008

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    „Nebel QiGong”

    Nebel QiGong

    Letzte Nacht wollte ich, nach einigen Wochen Unterbrechung, draußen auf dem Balkon wieder mal QiGong üben und Nacht-Qi einatmen.

    Kurz nach Mitternacht trat ich in die dunkle Kälte hinaus und stand plötzlich in einem weichen, weißgrauen Meer aus Nebel-Wasser-Tropfen.
    Im Schutze der nächtlichen Stille hatte sich der Abendnebel heimlich und auf leisen Pfoten durch unsere leeren Straßen in unsere Stadt eingeschlichen und verteilt. Er schwebte über Sträuchern, Bäumen und sogar hoch oben, über der Häuser schlafender Dächer und tauchte all das Umgebene, Vertraute, im Lichtschein der Straßenbeleuchtung, in ein surrealistisches Schein-Licht ein.

    Der Rauch meiner Zigarillo löste sich wortwörtlich im Nebel… in Nebel auf.
    Es war kalt und des Nebels Atem klebte feucht-nass auf meinem Gesicht.
    Es war kein optimales QiGong Wetter, also blieb ich draußen, saugte das Laster in meine kranken Lungen ein und machte anschließend meine Übungen.
    Bevor ich meine Augen schloss sah ich schwach leuchtende kleine Lichtpunkte über meinem Kopf schweben und wusste, dass dort oben – über der Nebel-Decke – der klare Sternenhimmel sein Licht in die einsame Schwärze der Unendlichkeit erstrahlen ließ.

    Irgendwann, während meiner Übungen, fuhr ein Auto störend laut an unserem Haus vorbei und ich öffnete meine Augen. Die Kälte hatte Riesenlöcher in das grau-weiße Leib gerissen und jagte die Nebelschwaden durch die toten Straßen. Die nachtschwarze Schatten-Meute hetzte den letzten Nebelfetzen durch die Gassen in die Hinterhöfe hinterher, stellte und verschlang die Beute.
    Ich konnte mich nicht mehr konzentrieren. Ich ging in die warme Wohnung, machte die üblichen Meridianübungen und ging nach einer Stunde wieder hinaus.

    Diesmal war der Himmel voller Sterne.
    Hell erstrahlte die Nacht und genau im Zenit schwebte ER ( astronomisch nicht ganz richtig, klingt aber besser als, „in der Äquatorzone“ oder „fast im Zenit“ ): Orion und seine zwei Begleiter, Procyon und Sirius.
    Der Orion ist zu dieser Jahreszeit, Mitternachtsstunde, unumstrittener Herrscher am Nachthimmel.
    An seinem Gürtel hängt das kleine Schwert und dort in dem Bereich, den man Trapez nennt, kann man mit bloßem Auge den Orion-Neben sehen.
    Der irdische, und der astrale Nebel waren in dieser Nacht meine zwei Begleiter.

    Nebel QiGong | Amadeo, 09 Dezember 2008

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    „Schneesturm QiGong”

    Schneesturm QiGong

    Heute Nacht, kurz nach Vier Uhr, ging ich nach draußen und stellte mit Verwunderung fest, dass es geschneit hatte und an manchen Stellen Schnee lag. Ich schloss die Augen, entspannte mich und atmete die reine, frische Luft tief ein.
    Es roch nach mehr. Ein kleiner Schnee-Sturm kündigte sich an.
    Irgendwann, während meiner QiGong Übungen kam mit dem Wind auch der Schnee zurück. Es wurde stürmisch, wild, es wurde laut und alles geriet in Bewegung. Es tobte ein kleiner Sturm und ich stand mittendrin!

    Herrlich, wohltuend war das Gefühl dass mich überwältigte. Ich fühlte das wilde, gefährliche, ursprüngliche das mich berührte, in seinen Bann zog. Etwas mächtiges umhüllte mich. Es war aber nicht so als würde ES in mich eindringen, sondern so als würde ICH hinein-gezogen, auf-gesogen, auf-genommen werden.
    Es schneite.
    Ich spürte den Schnee auf meiner Haut, auf meinem Gesicht. Er war weder kalt noch unangenehm!

    Als ich die Augen nach mehr als einer viertel Stunde wieder öffnete, war alles um mich herum von einer hellen, weißen, geschlossenen Schneedecke bedeckt. Ich fühlte mich wohl, es war mir überhaupt nicht kalt, im Gegenteil mir war heiß! Durch meinen Körper floss das wohltuende, frische Schnee-Sturm Qi.
    Ich habe nicht gewusst wie viel Hitze Kälte erzeugen kann! Ich bin wie ein Neugeborenes eingeschlafen und auch jetzt noch, nach zwölf Stunden, spüre ich die Wärme in mir!

    Schneesturm QiGong | Amadeo, 22 November 2008

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    „Lǐ Bái und meine Drei Worte”

    Lí Bái und meine Drei Worte

    Zwei Tage vor Heiligabend begegnete mir Lǐ Bái.
    Ellen kam auf mich zu, wünschte mir ein Frohes Fest und überreichte mir wortlos ein Päckchen. Erstaunt nahm ich das Geschenk entgegen und fragte unsicher nach dem Grund ihres Schenkens. Ihre Antwort war mehr als nur ein vielsagendes Lächeln.
    Ich löste die kunstvoll gebundene Schlaufe, öffnete das rot-weiß-silberne Geschenk-Papier und hielt ein schlichtes, kleines grün-blau-graues Büchlein in den Händen.
    Li-Tai-Pe, Nachdichtungen von Klabund”.
    Ich öffnete das Buch, blätterte und las die ersten Zeilen aus dem letzten Gedicht:
    Ich male Lettern, von der Einsamkeit betreut.
    Der Bambus wellt wie Meer. Aus Sträuchern fällt der Tau wie Perlenschnüre.
    Ich werfe Verse auf die leuchtenden Papiere,
    Als seien Pflaumenblüten in den Schnee gestreut.”

    … und mir fielen die ersten Zeilen aus meine Trilogie ein:
    Manchmal lege ich den Bleistift aus der Hand, tauche der Einsamkeit Feder in meine Schwärze und schreibe Bilder in das leere Weiß der Blätter, zeichne Geschichten in die Zeit, träume Menschenträume in ihre Herzen.
    Ich war sprachlos. Da lebte vor langer, langer Zeit ein Kind Daos, das so ähnlich wie ich fühlte.

    * * *

    Die chinesische Schrift ist ein Relikt aus längst verflossener Zeit. Trotzdem, oder gerade deswegen ist sie, entgegen der weit verbreiteten Meinung, leicht ( leichter ) zu lesen als man denken würde!
    Ihre Zeichen ( Silben ) enthalten meistens mehrere Komponente, sogenannte Piktogramme, Ideogramme, Phonogramme, Radikale und Wort-Komponente, die im Vergleich zu einer Alphabet-Schrift, eine sichtbare, lesbare Botschaft enthalten und vermitteln. Diese Zeichen, Hàn Zì, sind eng mit jener Zeit verbunden, in der die Natur das Denken, Fühlen und die Sprache/ Schrift der Menschen auf der ganzen Welt prägte.

    Das Zeichen ( auch ein Radikal ), [ rén ], MENSCH, bildet mit einem Zusatzstrich das Wort, [ da ], GROSS, und mit einem zweiten Strich das Wort, [ tiān ], HIMMEL. Also, größer als ein MENSCH ist… GROSS, größer als GROSS ist… nur noch der HIMMEL, wobei das Wort GRÖSSTE / HÖCHSTE/ ÄUSSERSTE/ SEHR/ EXZESSIV, [ tài ], nur aus dem Zeichen, [ da ], GROSS und dem Radikal Tropfen/ Punkt[ zhu ] besteht!

    Das Radikal, [ rén ], MENSCH, ( links ) und das Radikal, [ mù ], HOLZ/ BAUM, ( rechts ) bilden zusammen das Wort, [ xiū ], AUSRUHEN. Also, ein Mensch lehnt an einem Baum und ruht sich aus…
    Das Zeichen mit der Bedeutung, DENKEN/ MÖCHTEN/ WOLLEN/ VERMISSEN/ SICH SEHNEN, [ xiǎng ], wird oben mit dem Zeichenpaar EINANDER [ xiāng ], bestehend aus dem Radikal HOLZ/ BAUM, [ mù ], und dem Radikal Auge, [ mù ], und unten mit dem Radikal HERZ, GEFÜHL, [ xīn ] geschrieben. Also, jemand der hinter einem Baum steht und mit seinen Augen etwas betrachtet/ anschaut, das sein Herz begehrt, an das er denkt, sich danach sehnt und es gerne haben/ möchte…

    Das schönste Zeichen/ Wort/ Bild ( wie könnte es auch anders sein ) wird folgendermaßen geschrieben:
    Als Langzeichen, [ ài ], oben mit eine Hand/ Kralle, [ zhǎo ], darunter ein Dach/ Schutzdach/ Deckel, [ mián ], darunter das Zeichen, Herz/ Gefühl, [ xīn ], und unten die Zeichenkomponente, schlendern/ langsam gehen, [ zhǐ ]!
    Als Kurzzeichen, [ ài ], oben eine Hand/ Kralle, [ zhǎo ], darunter ein Dach/ Schutzdach/ Deckel, [ mián ], und unten zwei Hände, eine linke Hand und eine „rechte Hand” die gemeinsam das Wort FREUND, [ yǒu ], bilden!
    Beide, das Langzeichen und das Kurzzeichen, werden „ài” ausgesprochen und bedeuten GERN/ LIEBE.
    Jeder kann die Botschaft beider Zeichen ableiten, lesen, deuten und verstehen.

    * * *

    In meine Kalligraphie aus dem Jahre 2009 kann man dieses Zeichen, [ ài ], sehen. Die drei Wörter/ Zeichen, 我爱妳 [ Wǒ ài nǐ ], werden von oben nach unten gelesen und bedeuten „Ich liebe dich”. Am unteren Rand befindet sich mein Siegel mit dem Traditionellen Chinesischen Zeichen [ lóng ] für Drache. Die zwei kleinen Zeichen, 水龙 [ Shuǐ lóng ], bedeuten Wasserdrache.
    Ein Alphabet ermöglicht uns zwar jedes beliebige Wort niederzuschreiben, doch das dazugehörige Bild dürfen wir nach eigenem Belieben selber malen.

    Lǐ Bái und meine Drei Worte | Amadeo, 2009 / Kalligraphie „我爱妳”[ wǒ ài nǐ ], 2009

    ~~~o~~~

    Während der Vernissage einer Ausstellung hatte ich folgenden Satz zu der mir bekannten Künstlerin gesagt: „Edda, dieses eine Bild gefällt mir besonders gut”. Sie fragte mich weshalb gerade jenes Bild. Ich antwortete: „Weil ich es einfach schön finde”. Darauf sagte sie lächelnd: „Heutzutage ist es schon fast eine Beleidigung wenn jemand ein Bild nur schön findet.”
    Was sie natürlich nicht wusste, ich hatte zwar s|c|h|ö|n gesagt doch gemeint hatte ich… Es dauerte ein Glas Sekt und eine Zigarette lang bis sie ihr Bild mit meinen Augen sah!

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    „Lǐ Bái in einer stillen Nacht”

    Lí Bái in einer stillen Nacht

    Lǐ Bái, 李白, ( 701-762 ) war der bedeutendste Dichter der Tang Dynastie. Sein Name bedeutet „Weiße Pflaume”: , [ Lǐ ], Pflaume / , [ Bái ], weiß. Im Erwachsenenalter lautete sein Name, Tàibái, [ 太白 ], „Morgenstern”, laut einem Traum, den die Mutter vor der Geburt gehabt haben soll. Lǐ Bái war auch unter seinem Pseudonym, Qīnglián Jūshì, [ 青蓮居士 ], „Einsiedler vom Blauen Lotos”, bekannt. Sein Beinamen war, Shīxiān, [ 詩仙 ], „Unsterblicher der Dichtkunst”, und, Jiǔxiān, [ 酒仙 ], „Unsterblicher des Weins” !

    Eines der bekanntesten Gedichte von Lǐ Bái ist „ Yèsī ” 夜思, „Nachtgedanken”. Das Gedicht ist auch unter dem Titel „ Jìngyèsī ” 靜夜思, „Gedanken in einer stillen Nacht” bekannt.
    Der Dichter Lǐ Bái verwendet Silben Wörter, die er wie kleine Perlen, Edelsteine, Diamanten durchsetzt mit Kieselsteinen auf einen Seidenfaden, Seidenschnur aufreiht und eine Art Gefühls-Perlenkette erschafft.

    Links: Originalvierzeiler bestehend aus je fünf Zeichen/ Wörter.
    Mitte/ Rechts: Pinyin-Transkription ( Alphabetschrift ) und deutsche Übersetzung.
    床前明月光 || Pinyin: chuáng – qián – míng – yuè – guāng = Bett – vor – hell – Mond – Strahl
    疑是地上霜 || Pinyin: yǐ – shì – dì – shàng – shuāng = zweifeln – ist – Erde – auf – Frost
    舉頭望明月 || Pinyin: jǔ – tóu – wàng – míng – yuè = heben – Kopf – blicken – hell – Mond
    低頭思故鄉 || Pinyin: dī – tóu – sī – gù – xiāng = senken – Kopf – denken – alt – Heimat

    Folgende Übersetzung stammt von Vincenz Hundhausen:
    Vor meinem Bette spielt ein weißes Licht.
    Ist es der Morgen schon? Ich weiß es nicht.
    Und wie ich zweifelnd hebe mein Gesicht,
    seh‘ ich den Mond, der durch die Wolken bricht.
    Da muß ich mich zurück aufs Lager senken
    und heimatlos an meine Heimat denken.”

    Die chinesische Schrift ist ein Relikt aus längst verflossener Zeit. Trotzdem, oder gerade deswegen ist sie, entgegen der weit verbreiteten Meinung, leicht ( leichter ) zu lesen als man denken würde!
    Ihre Zeichen ( Silben ) enthalten meistens mehrere Komponente, sogenannte Piktogramme, Ideogramme, Phonogramme, Radikale und Wort-Komponente, die im Vergleich zu einer Alphabet-Schrift, eine sichtbare, lesbare Botschaft enthalten und vermitteln. Diese Zeichen, Hàn Zì, sind eng mit jener Zeit verbunden, in der die Natur das Denken, Fühlen und die Sprache/ Schrift der Menschen auf der ganzen Welt prägte.

    In meine Kalligraphie von 2009, ein Geburtstagsgeschenk für meine Nichte Iris, ist der Vierzeiler senkrecht mittig angeordnet und wird von rechts nach links, bzw. von oben nach unten, gelesen. Oben, auf der rechten Seite, steht der Titel, 靜夜思, [ Jìngyèsī ] und unten der Name des Dichters, 李白, [ Lǐ Bái ]. Auf der linken Seite befindet sich der Name, „Wasserdrache”, 水龙 [ Shuǐ lóng ], darunter mein rotes Sigel mit dem Traditionellen Chinesischen Zeichen, „Drache”, [ lóng ] sowie das Datum und die Widmung.

    Lǐ Bái in einer stillen Nacht | Amadeo, 2009 / Kalligraphie, 27 Juli 2009

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    „Atemblume QiGong und der Ursprung des Lichts”

    Atemblume QiGong und der Ursprung des Lichts

    Ich stehe am Ufer meines grün-bunten Grasmeeres und hoffe, dass der Regen ausbleibt.
    Über meinem Haupt wirbelt der Mittagswind die zerzausten Wolkenlocken am Sonntagshimmel durcheinander und treibt ihre formlosen Gebilde mit dem Westwind über die flachen Berge nach Osten.
    Vor mir liegt die nasse Juliwiese in ihren satten Farben. Filigran-weiß-bunte Farbtupfer schweben Sinn-los zwischen den grünen Grashalmen. Blau-violette Farbkleckse wiegen ihrer Schönheit Blüten auf den weichen Wellenkämmen.

    Von Westen nähert sich ein schwarzer Schatten, fliegt eilenden Flügelschlags über die aufgewühlten Landschaft vor meinen müden Augen vorbei und verschwindet mit einem lauten Krächzen im Geäst der nahen Sträucher.
    Der Rabenvogel flieht vor den nahenden Regenwolken, die auf dem Wind daher reiten und glücklicherweise in Sichtweite an meiner bevorstehenden QiGong Stunde vorbeiziehen werden.

    Eigentlich wollte ich heute frühmorgens hier draußen auf der einsamen Wiese am Fuße des Grünen Heiner die frische Morgen-Qi Luft atmen üben, doch gestern Abend neigte sich die wohltuende Nacht nur widerwillig über die angeheiterte Gemütlichkeit der lauten Geburtstagsfeierenden Gartengesellschaft.

    Es war, wieder mal, so ein Treffen, wo sich all die einfanden die vor langer Zeit gemeinsam aufwuchsen und in die Jahre reiften.
    Erinnerungen saßen an unseren Tischen und stillten unseren unersättlichen Hunger mit jenen genüsslichen Gerichten, die uns über Jahrzehnte hinweg den Duft der alten Heimat vorgaukelten.
    Ein Trinkspruch und einige Lieder zur Mitternachtsstunde am Lagerfeuer ehrten des Gastgebers halb runden Geburtstag, der auch schon mehr als ein halbes Jahrhundert zurücklag.
    Ich dachte an die grauen Zeiten und ein Gedicht kam mir in den Sinn: „Nachtgedanken“.

    An meiner Seite, am Feuer der Erinnerungen, saß zu jener späten Stunde auch mein alter Freund Li Bai. Gerne hätte ich gemeinsam mit ihm meinen Schmerz in seiner Weinkaraffe ertränkt, doch leider stand mir noch die Heimfahrt bevor und ich hatte schon den halben Nachmittag die Nostalgie in kleinen Mengen an Branntwein, Klaren und auch weniger klaren Einsichten, Schluckweise genossen.

    * * *

    Ich bin müde.
    Ich stehe am Ufer meines grün-bunten Grasmeeres und hoffe, dass der Regen nicht vorbeizieht.
    Ich hebe mein Gesicht und spüre die kleinen, weichen, hauch-feinen Regentropfen sachte meine Haut benetzen. Für einen Augenblick lässt der Wind die Wolken auf mein Haupt regnen, dann treibt er seine Himmelherde weiter nach Osten.

    Ich nehme meinen Stand ein und fange an zu atmen. Das Qi ist heute außergewöhnlich mächtig. Ich nehme mir vor, diesmal die Augen wären der Übungen nicht zu schließen.
    Mit dem Duft von Irish Coffee, den ich letzte Woche in einer kleinen Abschiedsrunde getrunken habe, tauchen auch jene Worte wieder auf, die von der Möglichkeit erzählten sich ohne Vorgaben einer bestimmten Übung, Bewegung in den Armen des Qi willenlos treiben zu lassen!

    Also hebe ich meine Arme in Höhe des unteren Dantian schulterbreit vor meinen Körper, schließe meine Augen, strecke meine Hände, mit den Handflächen nach innen gerichtet nach vorne und sinke leicht, weich in die Knie. Ich wende die linke Handfläche nach außen und drehe mich, Schulter/ Becken langsam nach links bis meine Hände seitlich/hinten ankommen. Ich wende beide Handflächen, drehe mich zurück (nach vorne) und weiter nach rechts bis meine Hände rechts seitlich/hinten weilen, wende die Handflächen und wiederhole diese Bewegung drei Mal.
    Ich streiche durch das Qi-Wasser und spüre seinen Widerstand. Behutsam öffne ich meine Hände und lasse Das Qi durch meine Finger gleiten. Es fühlt sich genau so an, als würde man durch Wasser streichen, gleiten. Ich stelle mir vor, ich stünde brusttief in einem See aus Qi und nehme mit jeder Bewegung, Drehung, meines Körpers seine Energie auf.
    Vor der letzten rechts/hinten Drehung bleibt meine linke Hand vorne und nur die Rechte wandert ein letztes Mal nach hinten und kehrt mit meinem Körper in die Anfangsposition zurück.
    Ich halte eine Sphäre an Energie zwischen meinen Händen.
    Ich stehe eine Weile unbewegt, genieße und lege anschließend meine Hände auf den Dantian, spüre nach.

    Nach einer halben Stunde beschließe ich mit der „Atemblume“ die QiGong Stunde zu beenden.
    Drei Mal lasse ich den Samen keimen, sprießen, wachsen, aufblühen, aussähen und sterben.
    Jedes Mal, wenn meine Arme mit den zusammengelegten Handflächen nach oben steigen/auftauche, spüre ich den leichten Widerstand der Luft, die mich im Zenit daran hindert meine Handflächen mühelos von einander zu lösen!
    Zwischen den Handflächen lasse ich jedes Mal einen Blumenkranz wachsen, erblühen.
    Abschließend streiche ich, ohne Berührung über Gesicht und Körper, lasse aus meinen Händen Qi auf mich hernieder rieseln, lege meine Hände auf den Dantian und stehe eine Weile unbewegt im Qi-Meer.

    Ein störendes Geräusch holt mich auf die Wiese zurück. Der Fahrradständer hat sich in das weiche, nasse Erdreich gebohrt und legt mein Zweirad mit einem lauten Stöhnen auf die Seite.
    Ich hebe es auf und gehe meiner Grasspuren folgend den Weg Richtung Feldweg zurück.
    Erst jetzt wird mir bewusst, stelle ich mit Verwunderung fest, dass sich das Gras, dort wo ich letzten Sonntag QiGong übte, noch nicht aufgerichtet hat obwohl es die letzten Tage des öfteren geregnet hatte.
    Ich bin also heute Morgen meiner eigenen Grasspur hierher gefolgt. Ich stehe auf meinem Feldweg und sehe noch einmal zurück, folge meiner frischen Spur im Ufersand der Zeit.
    Ich wünschte mir, ich könnte bis zu jener Stelle, Krümmung unseres Weges zurückgehen, an der dein Licht

    Atemblume QiGong | Amadeo, 19 Juli 2009 / MEIN Déjà-vu 2015

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    „Teeschalen QiGong”

    Teeschalen QiGong

    Glanzvoll spiegelt der riesengroße Wandspiegel die Fülle des Raumes in meine Augen. Jede noch so zarte und winzige Bewegung, jede noch so kleine und fast unsichtbare Schwingung, jede Geste wird aufgefangen und reflektiert.
    Und noch etwas viel wertvolleres als all das Sichtbare, Wahrnehmbare, Berührbare spiegelt in mein Bewusstsein.
    Es ist ein wohltuendes Gefühl der Zufriedenheit, das in der Fülle des gemeinsamen Qi Flusses durch die Adern der Sterblichen fließt, denn ihr Funke, ihr Feuer, ihre Art zu lehren hat auch diesmal die Seelen der Menschen berührt und jeden auf seine Weise sensibilisiert, herangeführt und für QiGong geöffnet. Die klangvolle Harmonie ihrer Bewegung und ihrer Stimme sagt mehr, als Worte aussprechen könnten.

    Ich halte die kleine, weiße Teeschale auf meiner rechten Handfläche und lege meine linke Hand auf den Energiepunkt Tor des Lebens, Mingmen. Ich senke, drehe, hebe und strecke meinen Körper seitwärts, vorwärts und auch leicht rückwärts, führe meine Hand und sie führt mich. Ich schließe meine Augen und langsam verstummen die Geräusche um mich herum.
    Ich bin ganz bei mir selbst.

    …und die Flamme der Kerze brennt langsam ihrer Asche entgegen.

    Nach einer Weile höre ich Schritte und Stimmen und öffne vorsichtig meine Augen. Ich stehe allein vor meinem schwarzen Spiegelbild. Ich halte inne, blicke nach unten und suche meine leere Teeschale, aber sie ist nicht leer, mein Schwarz füllt ihre Leere aus.
    Obwohl mich meine Gedanken ablenken, übe ich weiter, beobachte jede meiner Bewegungen und stelle fest, dass meine Bewegungskoordination unter meiner kontrollierten Konzentration zu leiden scheint. Und das ist auch gut so, denn aus der strauchelnden Bewegung meines Körpers taucht langsam eine geschmeidige weiße Silhouette auf. Ihre Art zu sein stellt meine Präsenz gnadenlos infrage. Ich werde mir meiner Unfähigkeit bewusst, schnüre ein letztes Mal meine schwarzen Schuhe, nehme meine schwarze Tasche und verschwinde.

    Teeschalen QiGong | Amadeo, 24 März 2010 / Foto, 2013

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    „Das Geheimnis der drei Wünsche”

    Das Geheimnis der drei Wünsche

    Diese Legende besagt, dass jedem, der einem Drachen begegnet, drei Wünsche erfüllt werden. Die Bedingung ist, dass diese Wünsche weder ausgesprochen, noch niedergeschrieben oder gedacht werden dürfen!

    Die meisten Sterblichen wünschen sich Reichtum, Schönheit und Glück. Der Drache wir keinen dieser drei irdischen Wünsche erfüllen, denn der Drache erfüllt Menschen-Träume.

    Man muss allerdings wissen, dass Drachen sich nie zeigen, nur die Wirkung ihrer verschleierten Anwesenheit verrät sie manchmal, denn niemand hat den unsichtbaren Traumfänger je zu Gesicht bekommen, geschweige denn mit ihm gesprochen oder ihn bewusst berührt, und auch diese Geschichte ist nur eine Legende!

    Das Geheimnis der drei Wünsche | Amadeo, Dezember 2008

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    „Die Asterismus Quelle ~ Nadirs Tränen”

    Die Asterismus Quelle ~ Nadirs Tränen

    Als wir heute Mittag an diesem mir fremden Gotteshaus vorbeigehen wollten war ich derjenige der beschloss hineinzugehen. Es war weder Neugier noch Wissenshunger, sondern leise Orgelklänge die aus der offenen Türe heraus strömten und mich hinein lockten.

    Wir saßen in der menschenleeren Kirche und lauschten den Klängen der Orgel nach, die sich leicht mütig und auch schwer voll, aufsteigend und niedersinkend, schwebend im Raum verteilten.
    Ich fragte mich für wen wohl der Organist zu dieser strahlenden Mittagsstunde spielen mag. Für seinen Herrn, oder vielleicht seiner eigenen Fingerfertigkeit wegen? Vielleicht für beide.

    Ich schloss meine Augen.
    Auf den Schwingen meiner Gedanken schwebte ich langsam zu ihrem Sternenhimmel hinauf, wendete meinen Blick und betrachtete sie alle; die Stehenden, die Sitzenden und die Kriechenden. Manch einer hatte mich wegen meines eigenen Glaubens beschimpft, beleidigt und verachtet. Man nannte mich einen Atheisten, einen Ungläubigen, ein durch ketzerischer Gedanken vergiftetes Wesen. Ich schwieg ihren Schmerz in mein Wasser…

    Irgendwann stimmte ich in die Orgelklänge ein und sang leise mit. Es war kein Singen mit Wörtern sondern eher ein Summen, begleitet von weichen, wellenförmigen Bewegungen meiner rechten Hand Finger. Obwohl ich das Lied nicht kannte, konnte ich manch Schlussakkord der Melodie noch vor dem Anklingen aussprechen.
    Mein Summen wurde lauter und schwang gemeinsam mit den Orgelklängen zur Decke empor.

    Nach einer Weile berührte ihre Hand meine, umschloss sie und drückte sie behutsam.
    Ich öffnete meine Augen und sah sie fragend an.
    „Wer bist du?“, fragte sie. Ich sah sie an und schwieg.
    „Wer bist du?“, fragte sie nochmals und ihre Augen sahen mich flehend an.
    Ich sah tief in ihre Augen, wendete mich von ihr ab und schloss meine Lider.
    Sie löste ihre Hand aus meiner, stand auf und ging in den hellen Tag hinaus.
    Ihre Frage habe ich nie beantwortet.

    Obwohl sie ein tiefgläubiger Mensch war ( sie nannte sich selbst Lamm Gottes ) wussten wir beide, dass sie weder Lamm noch eine Frau aus Magdala war.
    Als sich unsere Wege trennten sagte sie zu mir: „Mein Weg, den ich gegangen, endet hier mit dir, doch deiner fängt mit mir erst an“.
    Sie sollte recht behalten, obwohl ich glaube, dass wir weder das Selbe noch das Gleiche meinten!

    Die Asterismus Quelle ~ Nadirs Tränen | Amadeo, 2008 / Grafik von 1990

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    Unter Asterismus versteht man eine Ansammlung von meist hellen Sternen die zwar gemeinsam ein „Bild” ergeben aber kein herkömmliches Sternbild darstellen. Das bekannteste unter ihnen ist der Große Wagen im Sternbild Ursa Major/ Großer Bär. Die Metapher Asterismus symbolisiert in meiner Erzählung jenen imaginären Ort am Himmel, wo sich die vermeintlich heilige Quelle des Glaubens befindet, aus der manch Gläubiger Mensch sein Wissen schöpft.
    Nadir ist der geographische Fußpunkt unter jedem von uns und der Gegenpol zum himmlischen Zenit/ Zenitpunkt „über jedem von uns”.

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    „Trostlos unter Wolken”

    Trostlos unter Wolken

    Heute, Montag, habe ich mir ausnahmsweise einen freien Tag gegönnt.
    Kurz nach neun Uhr fahre ich zu meinem Schloss hinaus, mit der Absicht das Ölbild, das ich vor einer Woche zu malen angefangen hatte, zu vollenden.

    Es ist angenehm kühl. Auf den Grashalm-Spitzen schwebt ein hauchdünner Tauschleier. Ich stelle meine kleine Staffelei auf der Wiese hinter dem Schloss neben der Pferdekoppel, an derselben Stelle wie letztes Mal, in das frisch gemähte Gras und fange an zu malen.
    Der Selbe Wald, die Selben Bäume, die Selbe Wiese – und doch ist heute nichts so wie letztes Mal! Heute sieht die Landschaft auf meinem Bild anders, irgendwie trostlos aus. Nach zwei Stunden packe ich meine Sachen und gehe zu dem kleinen Weiher, QiGong üben.

    Doch heute kein QiGong.
    Stattdessen setze ich mich an das Ufer des Sees und betrachte die Wasserpflanzen und Wildenten. Meine Gedanken kreisen gemeinsam mit den Wellen eines vorbei schwimmenden Wasservogels. In schließe erwartungsvoll meine Augen, aber ich weiß nicht, worauf ich warte…
    Unruhe machte sich breit.
    Ich stehe auf, gehe zum Schloss und setze mich auf der Nordseite der Wiese auf eine Steinbank. Die Mittagssonnenstrahlen rieselt warm auf mich hernieder. Ich öffne meinen Rucksack, entnehme das kleine weiße Buch, „Eine Schale, ein Gewand” Zen-Gedichte von Ryōkan, und fange an zu lesen:

    „Die Nacht ist frisch und kühl,
    Der Stab in der Hand gehe ich durch das Tor.
    Glyzinien und Efeu wachsen zusammen
    entlang des gewundenen Bergpfades.
    Die Vögel singen leise in ihren Nestern
    und in der Nähe schreit ein Affe.
    Als ich eine Höhe erreiche,
    taucht in der Ferne ein Dorf auf.
    Die alten Kiefern sind voller Gedichte;
    Ich bücke mich nach einem Schluck klaren Quellwassers.
    Es weht ein sanfter Windhauch
    und der runde Mond hängt hoch oben am Himmel.
    Ich stehe an einem verlassenen Haus
    Und fühle mich wie ein Kranich,
    der sanft durch die Wolken gleitet.”

    Trostlos unter Wolken | Amadeo, 27 September 2010

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    „Das unsichtbare Flügeltropfen Bild”

    Das unsichtbare Flügeltropfen Bild

    Jenseits des Ostens, hinter den südlichen Bergen eines fernen, fremden Landes, träumte vor mehr als einem Jahrhundert ein Jüngling seine Visionen in Stein.
    Irgendwann verließ er seine Heimat, zog mit dem Morgen-Wind nach Westen und lebte seine Träume.

    Drei Jahrzehnte später trieb ihn die Abend-Sehnsucht zurück in die Weite seiner Kindheit. Im prallen Gepäck seines Ruhms hütete er einen geheimnisvollen Schatz; die Formel der vollendeten Form-Illusion.

    Im Namen der Gedenkens schuf der Franzose Constantin Brâncuși ( der kein Franzose war ) drei Kunstwerke, die er in seiner Heimat jenseits der Wälder, in Tg. Jiu, aufstellen ließ. Im Osten pflanzte er eine Säule, in Westen einen Tisch und daneben ein Tor.
    „Die unendliche Säule“, eigentlich „Die endlose Säule“, besteht aus fünfzehn ganzen und zwei halben geometrischen Elementen, Oktaeder, die der Künstler übereinander stapelte und „Perlen“ nannte.
    „Das Tor des Kusses“, formte der Künstler aus drei massiven Steinblöcken, die er als Triumph-Bogen der Liebe gewidmet, über den Weg spannte.
    „Der Tisch des Schweigens“, eine Hommage an die Perfektion des Kreises und seiner sphärischen Form, wurde aus einem mächtigen Steinblock gehauen und auf einen Steinsockel gelegt. Die runde Steinplatte säumte er mit einem Kranz aus zwölf Stein-Stühlen. Ihre elegante Form, je zwei Halb-Kugeln, übereinander gesetzt, einer Klepsydra nachempfunden, erinnert an die Vergänglichkeit der Zeit.

    Als das Werk vollendet war kamen die Menschen, von naher und ferner Neugier getrieben, angereist und betrachteten misstrauisch seine Trilogie.
    Manch einer blickte zum Himmel empor und war bestürzt, das Ende der Endlosigkeit zu sehen.
    Manch einer durchschritt die steinerne Pforte und wurde schmerzvoll enttäuscht.
    Manch einer setzte sich wortlos an den Tisch und lauschte vergebens der inneren Stille.

    Eines Tages umkreiste eine Taube die Säule, flog durch das Tor und landete sachte auf dem Stein-Kreis. In ihrem Schatten jagte ein Rabe hinterher, wirbelte der Feder Schwärze in den farbenprächtigen Himmel und stürzte kreisend auf des Vogels Weiß. Licht und Schatten vereinigten sich. Das Weiße und das Schwarze trennte „sie“ und formte auf der runden Scheibe das unsichtbare Flügeltropfen Bild – Tàijí Tú.
    Zwei Menschenkinder umkreisten die Säule, durchschritten das Tor und setzten sich an den Stein-Tisch.
    Sie beugte sich zu ihm über und legte ihr Liebe in seine Hände.
    Eine schwarze Träne fiel in sein Weiß.
    Er beugte sich zu ihr über und legte seine Liebe in ihre Hände.
    Eine weiße Träne tropfte in ihr Schwarz.

    Ursprünglich hatte ich vor, alle zwölf Stühle zu besetzen. Aber die Schönheit dieses einzigartigen ersten Bildes hielt mich davon ab, die anderen Gäste einzuladen. Sie, die wahren Mächte der sterblichen Schwächen, werden dieses Mal draußen vor der Pforte bleiben. Allein meine Demut lege ich zu ihrer beiden Füße nieder.

    Das unsichtbare Flügeltropfen Bild | Amadeo, 2010

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    „Der Paradiesvogel”

    Der Paradiesvogel

    Er lag schweigend auf dem Rücken, ausgestreckt im dichten grünen Gras des weichem Bettes, und betrachtete die weißen Wolkengebilde, die am aufgehenden Morgenhimmel vorbeizogen.
    Zur seiner Rechten saß die Schöne Mĕilì und träumte mit geschlossenen Augen vor sich hin.
    Nach einer Weile erhob sie ihr Gesicht in das Licht der wärmenden Sonnenstrahlen, öffnete ihre Augenlider und blickte gen Himmel.
    Über ihr ergoss sich das Blau in all seinen Nuancen weit über den Horizont hinaus. Kleine weiße Wolkenfelder schwebten lautlos über ihrem Kopf, veränderten ständig ihre Form, verweilten manchmal, für einen kurzen Augenblick, in ihren eigenen Grenzen und zeichneten sichtbare Gebilde in des Himmels Blau.
    Im Zenit, zwischen den vielen möglichen weißen Erscheinungsformen, sah sie ihn schweben, den prächtigen weißen, sagenumwobenen Paradiesvogel.

    Sie drehte sich zu ihm, beugte sich über sein Antlitz, sah ihm in die Augen und sagte: Ich wünschte, ich könnte so frei und losgelöst sein wie er. Ich wünschte ich könnte überall hin fliegen.”
    Zhuāngzǐ sah sie an und schwieg. Sie hob ihren Kopf und blickte erneut zum Himmel empor.
    Nach einer Weile hörte sie ihn mit leiser Stimme sagen:
    Die Freiheit des Paradiesvogels dort oben am Himmel, auf die du dich beziehst, ist auch sein Käfig. Des Käfigs Sinn aber meine Liebste ist der Tod. Der Paradiesvogel kann nur in uns Menschen überleben. Du kannst ihn zwar nicht in uns sehen, aber er kann nur in unseren Herzen leben. Sobald du ihn am Himmel sehen kannst, ist er von uns verraten worden und zum sterben verbannt in des Himmels Blau hochgeflogen. Willst du ihn in deinem Herz behalten, darfst du es niemals verschließen!”

    Sie lauschte seinen Worten und sprach:
    Würde ich mein Herz geöffnet lassen würde er doch aus meiner Brust entfliehen.”
    Geliebtem, dem ist leider nicht so wie du glaubst, sagte Zhuāngzǐ und fügte hinzu: Solang du dein Herz nicht verschließt, wird er bei dir bleiben, eben weil er weiß, dass er jederzeit fortfliegen könnte. Diese Gewissheit reicht ihm. Nur so kann er dein treuer Begleiter sein und bleiben, der mit dir dorthin fliegt, wohin dich deine Träume zu tragen begehren. Schau ihn dir bitte noch einmal an, er wird sich bald auflösen und aus deinem Leben für immer entschwinden. Wenn du dir wünscht, dass er auch in dein Herz einkehrt, öffne es solange du noch kannst.”

    Sie vernahm seinen Worten und tat was ihr geraten.
    Des Paradiesvogels Erscheinungsbild verlor seine Form, löste sich auf und entschwand behutsam in den Strahlen der Morgensonne. Sie spürte wie sich ihre Brust mit jedem neuen Atemzug bebend hob und senkte und ihr Herz berührte bis die Gewissheit ihrer eigenen Liebe sie überwältigte.
    Mit einem sanften Lächeln wandte sie sich ihm zu und wollte sich ihm mitteilen, aber der Platz neben ihr war leer. Leer, so leer als hätte er nie neben ihr gelegen, lag der Wiese Stille zu ihren Füßen. Nur die letzten sich aufrichtenden Grashalme verrieten seine Abwesenheit.

    Der Paradiesvogel | Amadeo, 2009

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    Der Name Mĕilì bedeutet, die Schöne.
    Zhuāngzǐ (um 365 v. Chr. – 290 v. Chr.) war ein chinesischer Philosoph und Dichter. Sein berühmtestes Werk, „Zhuāngzǐ”, trägt den Ehrenvollen Titel, „Nánhuājīng” ( Das wahre Buch vom südlichen Blütenland ), und ist, neben dem daoistischen Klassiker Lièzǐ, das auch unter dem Namen „Chōngxū Yhēnjīng ( Das wahres Buch vom quellenden Urgrund ) des Lièzǐ bekannt ist, eines der schönsten daoistischen Sammlungen literarischer Texte, die ich je gelesen habe.

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    „Wiederkehr”

    Wiederkehr

    Letzten Dienstag, kurz vor 19 Uhr, packte ich meine Bücher und machte mich auf den Weg. Die Strecke, die ich zurücklegen wollte, war mir seit vielen Jahren bekannt. Sie war mir mehr als vertraut, denn er war und ist Teil meines Weges: Autobahn, Bundesstraße, Unterführung, Bahnhof, lange Hauptstraße, erste Brücke links Richtung Metter und an der großen Kreuzung links die steile Straße hinauf ins Ellental. Was ich an jenem Abend noch nicht wusste, doch jetzt Gewissheit ist; diese Fahrt war mein letzte Reise in das Reich der Mitte.

    Der lange Weg wir länger und länger. Es ist dunkel. Die Lichter der Straßenlaternen und die Augen der Autos blenden mich. Ich überquere die Brücke der Erinnerung. Noch ein paar Atemzüge und ich bin angekommen.
    Auch dieses Mal werde ich in den Spatzenäcker Weg einbiegen, mein kleines gelbes Auto hinter Reiners altem weißen Daimler parken, aussteigen und durch das Gartentor gehen, unser Anwesen betreten, unseren Hof, unser Haus und unser Heim (dass uns niemals gehörte). Die stöhnenden Gelenke des grünen, eisernen Gartentores werden auch dieses Mal quietschend meine Schritte durch den wunderschönen Garten Richtung Haus leiten. Reiners heller Metalltisch mit seinen zwei geschwungenen Gartenstühlen wird auch dieses Mal, bei Kerzenlicht, unter dem Apfelbaum auf den Leseabend meines Nachbarn warten.

    Ich fahre die Hauptstraße entlang und sehe rechts vor der Kreuzung den weißen, niederen Lattenzaun auf der hohen Steinmauer, zwischen Gehweg und unserem Rosengarten, im Laternenlicht leuchten. Ich weiß nicht, ob dieses Weiß meine Farbe ist, jenes Weiß, das ich mit meinem Erstgeborenen Anfang der Neunzigerjahre gestrichen habe. Ich weiß nur, dass ich mich heute Abend verfahren habe und dass ich hier doch richtig bin.

    Ich biege nach links in die schmale Straße ein und fahre diesen Weg weiter. An der ersten Kreuzung schaue ich nach rechts und sehe meinen Junior aus meiner Erinnerung heraus auf mich zukommen. Seine halb gesenkten, aufgeregten Augen schauen mich vorwurfsvoll an.
    Es war einer jener Sommertage Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre, an denen wir uns wie so oft gemeinsam an einen langen Tisch setzten, aßen, tranken und in Erinnerungen schwelgten. Irgendwann fuhren wir Männer mit unseren Kindern zu einem kleinen Sportplatz am Rande der Stadt und kickten ein paar faule Bälle in den Nachmittagshimmel. Unsere Kinder spielten auf dem benachbarten Spielplatz. Nach einer Stunde stiegen wir in unsere Autos ein und kehrten zu unserer Frauen Kaffee und Kuchen zurück.
    Selbst heute höre ich noch die schrille Frage in die fröhlich heitere Runde schmettern: „Wo ist Junior?“ Ich stieg ins Auto und fuhr den Weg zurück, den ich gekommen war. Etwa auf halbem Weg kam er mir verärgert entgegen. Ich hielt an, er stieg ein und sagte mit vorwurfsvoller Mine: „Papa wieso hast du mich vergessen!“
    Ich fragte ihn verlegen: „Wo bist du gewesen, Junge, wo hast du dich versteckt?” Ich hätte es ahnen können, eigentlich wissen müssen, denn damals plätscherte eine kleine Wasserader auf dem Spielplatz, und wo Wasser ist, dort ist er auch heute noch zu finden!

    ~~~o~~~

    Jetzt, wo die Kleinen erwachsen worden sind und ab und zu bei uns einkehren, öffnen wir gelegentlich eine Flasche Grappa und genehmigen uns einen oder mehrere Schluck Nostalgie. Mit jedem geleerten Glas füllen sich ihre jungen Herzen mit Wehmut, denn jene Zeit, meinen sie, war die schönste Zeit ihrer Kindheit. Ihre Erinnerungen schwelgen an jenen Ort zurück, an dem sie ihre verspielte Fantasie austoben konnten. In einem riesigen Hof, mit einem wunderschönen Garten voller Obstbäume, einem alten Haselnussstrauch und einem farbenprächtigen Rosensteingarten.
    Und jedes Mal, wenn wir über jene Zeit sprechen, sagt Junior mit gespielt-ernsthafter Mine und vorwurfsvoller Stimme: „Papa, erinnerst du dich noch an jenen Tag, an dem du mich vergessen hast?“

    Und der Erstgeborene legt noch einen drauf und sagt: „Genau, und wie war das damals mit mir, Ende der 70er Jahre, an jenem stürmischen, kalten, dunklen Winterabend? Nur wir beide, allein, auf dem Heimweg ,und du, Papa, hast nicht sofort gemerkt, dass dein damals fünf Monate junger Sohn vom Schlitten in den Schnee gefallen war und einfach weiter gelaufen bist?“
    Aber dies ist schon eine andere Geschichte. Diese liegt jenseits der östlichen Berge, verborgen unter der Schneedecke einer längst verflossenen Zeit.
    Manchmal werden die unsichtbaren Wege der Erinnerung Zeitversetzt sichtbar.

    Wiederkehr | Amadeo, 19 November 2009

  • journey of faith

    „Labyrinth”

    Labyrinth

    Es heißt, Sie sei in einer gedankenlosen Glaskugel eingesperrt und warte auf etwas ganz Bestimmtes. Aber niemand weiß, worauf, denn selbst diejenigen die ihr begegnet sind, haben es nicht herausfinden können.

    Also, trete ich aus dem Labyrinth meiner Gedanken hervor, bündel meine Hoffnungen und mache mich ebenfalls auf den Weg, um die Wahrheit der Wahrheit herauszufinden. Meine himmlische Begleiterin wirft meinen Schatten in den hellen Tag, ihr jüngeres Geschwister erhellt meine Nacht. Beide werden mich zu ihr geleiten, denn dort, im Reich der Sterblichen, werde ich ihr bestimmt begegnen!

    Die Ferne nähert sich Schritt für Schritt und langsam taucht ein seltsames Felsengebilde im Wüstensand auf.
    Zehntausend Menschenkinder, angereist aus den vier Himmelsrichtungen, tummeln sich, wie Ameisen, zwischen den zahlreichen Felsbrocken die sie ( wie Sandkörner in Windeseile ) zu Würfelsteinen zurecht schleifen und auf einer Plattform mit quadratischer Grundfläche aufreihen. Oben im Zenit dieser Pyramide werden die vier Ecken zu einem imaginären goldenen Punkt zusammenlaufen und verschmelzen.

    Ich setze mich auf einen kleinen Felsbrocken unweit dieses Treibens und beobachte sie bei der Arbeit.
    Die Zeit schlendert teilnahmslos an mir vorbei, bleibt vor der Grundstein Reihe der ersten Steinebene stehen und fragt neugierig den ersten Eckstein: „Was machst du da?“
    Der Stein antwortet: „Ich stütze und trage die nächste Steinebene.“
    Die Zeit fragt: „Warum?“
    Der Stein antwortet: „Ich weiß es nicht, aber wenn du morgen wieder vorbeikommen, frage doch bitte den, den ich morgen tragen werde, vielleicht weiß er, warum oder weshalb!“

    Tag für Tag erscheint die Zeit, fragt und geht wieder. Keiner der Steine kann ihre Frage beantworten.
    Am letzten Tag, als der letzte Stein gesetzt wird, taucht die Zeit wieder auf, schwebt zur Spitze empor und fragt die goldene Nadel: „Was machst du da oben?“
    Der Pharao antwortet: „Ich throne auf meines Volkes Fleisch.“
    Die Zeit fragt: „Wieso?
    Der Mensch-Gott antwortet: „Weil ich der Sinn ihres Daseins bin“.
    Die Zeit fragt: „Wieso du?“
    Der Gott-Mensch antwortet: „Weil ich ihnen die Wahrheit offenbart habe!“
    Die Zeit fragt: „Welche Wahrheit meinst du?“
    Aber der tote Mann kann nicht antworten.

    Die Zeit fragt die vier Steine unter dem Schlussstein: „Welche Wahrheit meint er?“
    Sie antworten gemeinsam: „Unsere Wahrheit.“
    Die Zeit lächelt und vergeht…

    Ich erhebe mich, trete näher. Auch ich möchte die Wahrheit, und den geheimnisvolle Sinn, des unteren, ersten, Ecksteins ergründen. Was ich sehe, lässt meine Frage verstummen.
    Der Eckstein ist, wie alle anderen Steine, selbst eine kleine Pyramide!

    * * *

    Eigentlich sollte mein Dreieck die Form der Pyramide generieren, die wiederum Vorlage für meine kritischen Betrachtung über jede diktatorischen Gesellschaftsstruktur werden sollte! Aber bei allem Respekt vor meiner Wut und meinem Zorn, die sich in meinen schreibenden Fingerspitzen aufgestaut haben, hänge ich schmunzelnd an dem kleinen Eckstein Bild fest und versuche, mein Gedanken Bild zu ergründen und zu verstehen!

    Labyrinth | Amadeo, 2009

  • journey of faith

    „Das Wiegen des Herzens”

    Das Wiegen des Herzens

    Ich streifte sein weißes Gewand über, setzte seine weiße Krone auf, nahm Platz auf seinem Thron und schloss meine Augen. Hinter mir standen seine beiden Schwestern, Gemahlinnen, Isis und ihre Zwillingsschwester Nephthys. Vor mir trotzte die große goldene Waage mit der leeren Waagschale auf der einen Seite und Maat, der weißen „Feder der Wahrheit“, auf der Waagschale der anderen Seite. Thoth, Anubis, Horus und die gefräßige Ammyt standen erwartungsvoll neben der Waage. Aber sie warteten vergebens, denn ich war weder Osiris, noch Richter oder Vollstrecker. Ich saß da hörte schweigend zu.

    Das Herz der Macht drängte sich vor, und legte sich Machtbewusst auf die leere Schale, die weiße Feder der Wahrheit wurde Nichtmacht und stellte das Gleichgewicht wieder her.
    Das Herz des Mannes legte sich Selbstbewusst auf die leere Schale, die weiße Feder der Wahrheit wurde Frau und stellte das Gleichgewicht wieder her.
    Das Herz der Liebe legte sich behutsam auf die leere Schale, die Feder der Wahrheit wurde Hass.
    Enttäuscht riss ich mein Herz aus meiner Brust und schleuderte es wütend Ammyt vor die Füße.

    Meine leere Brust füllte sich mit Trauer.
    Liebe wurde Schale. Horus hob mein Herz auf und legte es vorsichtig in die Hände der Liebe.
    Hass wurde Schale. Die weiße Feder tauchte erneut auf und ließ die Macht der irdischen Wahrheit in den göttlichen Himmel schweben.
    Voller Entsetzen sah ich, wie sich die Waagschale meiner Herzens Seite tiefer und tiefer neigte.
    Meine sündiges Leben überwog also mehr als alle meine guten Taten.
    Im Angesicht dieser Tatsache war ich eindeutig schuldig!

    Die Stimme der Liebe bat mich mit ihren Augen zu sehen.
    Ich öffnete zögernd meine Lider.
    Auf der einen Seite sah ich die „Liebe“ auf der anderen Seite sah ich die „Wahrheit“ und endlich erkannte ich, dass nichts auf der Welt, weder das göttliche noch das irdische Prinzip der Wahrheit, stärke und mächtiger war als die Liebe selbst.

    ~~~o~~~

    Dies ist ein Abbild des berühmten „Papyrus des Hunefer“, ca. 1300 v. Chr. und zeigt „Das Wiegen des Herzens“ aus dem Ägyptischen Totenbuch. Sie war Teil jener Zeremonie, die Sterbliche auf ihrer letzten Reise ins Reich der Toten begleitete.
    Rechts, in seinem Schrein sitzt Osiris, der Gott des Totenreichs ( mit der Atef Krone auf dem Kopf und den beiden Symbolen, Krummstab und Flagellum, in seinen Händen ), und hinter ihm stehen seine beiden Gemahlinnen Isis ( mit der Hieroglyphe Thronsitz auf dem Kopf ) und ihre Zwillingsschwester Nephthys ( mit den Hieroglyphen Herrin und Haus auf dem Kopf ).
    Links, neben der Waage, steht der Gott Anubis ( dargestellt mit Schakalkopf ) und hält den toten Hunefer an der Hand. Anubis wiegt das Herz des Toten gegen die Feder der Wahrheit, Maat. Wenn Hunefers Herz mehr wiegt als die Feder der Wahrheit, würde die dämonische Totenfresserin Ammyt ( dargestellt mit Krokodilkopf ), das Herz des Toten fressen. Der Gott Thot ( dargestellt mit Ibiskopf ) notiert das Ergebnis dieser Prüfung, in der das Herz des Verstorbenen, stellvertretend für Hunefers Charakter und Lebensweise, auf der linken Waagschale, gegen die Feder der Maat, die kosmische Weltordnung, auf der rechten Waagschale aufgewogen wird.

    Als ich diese Bild zum ersten Mal sah, war ich nicht nur von der Schönheit der Formen, der Farben und der Harmonie/ Gestaltung beeindruckt, sondern auch von der Geschichte, die sich darin verbirgt.
    Die Pforte zum Reich der Mythologie, hieß „Kadmos, kurze Geschichte der Schrift“, und war das erste Buch, das ich vor mehr als vier Jahrzehnten aus dem Staub der Geschichte auflas.
    Die Ironie meiner Geschichte ist, dass ich zwar die Entstehung und Geschichte der Schrift ergründet habe, doch nie wirklich gelernt habe, sie fehlerlos anzuwenden.

    Das Wiegen des Herzens | Amadeo, 2009

  • journey of faith

    „Die Pforte”

    Die Pforte

    Mir wird einiges zugetraut und auch manches nachgesagt.
    So wurde mir einst zugetragen, das jemand hinter meinem Rücken und seiner vorgehaltenen Hand das Gerücht verbreitet hätte, ich sei Zeit meines Lebens kein unbeschriebenes Blatt und auch keine Kirchentür gewesen, was natürlich und offen sichtlich nicht der allgemeinen Unwahrheit entsprechen kann, denn wenn man ganz genau hinsieht, kann man auch heute noch die fast unsichtbaren Narben der Anklageeisen sehen, die in meine Seelenpforte eingeschlagenen wurden.

    Ich weiß zwar nicht, was genau derjenige gemeint haben könnte, was ich jedoch weiß, ist, dass wir alle Sünder sind, selbst jene die es leugnen, denn jedes Geschöpf wurde schon mal wegen irgendeines Vergehens vorgeführt, beschuldigt, angeprangert, verurteilt, und manch einer sogar gesteinigt.
    Dabei bin ich weder ein Jemand, der sich im Rampenlicht suhlt, noch ein Niemand, der sich im Schatten seiner selbst verstecken muss. Die Pforte zur Welt meiner Gedanken steht für jeden sichtbar offen. Allerdings muss man beachten, dass der Durchschreitende nur eine der zehntausend möglichen Welten betreten kann, eine die lesend, scheinbar nur für ihn erschaffen wurde.

    Der Drachenzyklus ist eine dieser unendlich vielen Märchenwelten. Die Metapher des Drachens scheint keinem erkennbar anderen Zweck zu dienen als dem eines Fabelwesens, das auf der Suche nach dem Sinn einer Frage, durch eine imaginäre Zeit in der Zeit, zurück zum Ursprung einer Antwort reisen könnte.
    Obwohl Drachenwesen für eine unsichtbare Welt erschaffen wurden, ist ihre Nähe, Anwesenheit, manchmal spürbar. Diejenigen, die sich ihm unbewusst nähern, sich öffnen, werden ihm begegnen. Der Drache ist kein Wegelagerer. Es ist eher so als würde Zufallszeit die Zufallsschritte derer lenken, die an sein Ufer treiben.

    Schreitet jemand durch sein Wolkenmeer und öffnet dabei seine Hände, lässt Wind durch seine geöffneten Finger gleiten, der kann ihn spüren.”
    Schreitet jemand durch sein Grasmeer und öffnet dabei seine Hände, lässt Halme durch seine geöffneten Finger streichen, der kann ihn spüren.”
    Schreitet jemand durch sein Wassermeer und öffnet dabei seine Hände, lässt Tropfen durch seine geöffneten Finger fließen, der kann ihn spüren; den Drachen”

    Schreitet jemand durch sein Wolkenmeer und öffnet dabei sein Herz, lässt ihn durch seine geöffneten Finger gleiten, der kann sie spüren.”
    Schreitet jemand durch sein Grasmeer und öffnet dabei sein Herz, lässt ihn durch seine geöffneten Finger streichen, der kann sie spüren.”
    Schreitet jemand durch sein Wassermeer und öffnet dabei sein Herz, lässt ihn durch seine geöffneten Finger fließen, der kann sie spüren; die Qi-Liebe.”

    Manchmal lösen die Schritte der anderen größere Wellen aus, die sein Wasser sachte zurückschwingen lassen. Dies kann Sprache/ Wort, Geste/ Bewegung und auch mehr sein.
    Aber manchmal lösen ihre Schritte eine riesige Flutwelle aus, die sein Wasser über die Ufer treten lassen. Wenn eine gewachsene Struktur eine gewünschte Veränderung behindert und damit die innere Harmonie zerstört und Disharmonie hervorruft, wirkt er sachte dagegen. Er öffnet zwar den Kreis zieht sich dann aber zurück, weil er nicht vollendet! Dies überlässt er dem Dao. Die vollendete Kreisform schließt sich von selbst!

    Die Menschenkinder werden ihn dafür nicht lieben, denn der Liebe Ernte ist der Hass. Er weiß das, deshalb erwartet er weder Zustimmung, noch Anerkennung, noch Lob, noch irgend ein Zeichen, Wort, Geste, Zugeständnis oder Entgegenkommen. So unerwartet wie er auftaucht, wird er irgendwann wieder verschwinden und nur wenige werden Es verstehen!

    Die Pforte | Amadeo, 2009

  • journey of faith

    „Wolfsaugen”

    Wolfsaugen

    Heute liegt ein wunderschöner Tag vor mir.
    So gerne würde ich mich ebenfalls hinlegen, ausstrecken, räkeln und vor mich hin und auch her dösen, einfach nur scheinen und genießen.
    Doch heute ist irgendwie alles anders als sonst.

    Ich lege die Zeitung, in der ich gerade eben noch gelesen habe, auf die kalte Bank neben mein Käsebrötchen.
    Ich weiß nicht, was heute mit mir los ist. Es fällt mir schwer, das Gängige zu begreifen, meine üblichen Handgriffe zu koordinieren und selbst die einfachsten Gedankengänge und Sätze zu verstehen, ganz zu schweigen jene der mir fremden Menschen.

    Sie sagten mir, man hätte mich in diesem Park gefunden. Ich habe nicht verstanden, was sie damit meinten. Wie kann ein Mensch verloren gehen. Sie sagten, dass ich wahrscheinlich, ja sogar Sicher, das Opfer meiner eigenen Fahrlässigkeit sei und dass ich die volle Verantwortung dafür tragen müsse, weil ich selbst der Auslöser für den Raubüberfall sei. Ich weiß es nicht. Ich höre meine eigenen Gedanken, aber ich verstehe meiner und sie nicht!

    Ich komme jeden Tag in diesen Park, setze mich auf eine der vielen leeren Bänke, lese jeden Morgen die gleichen neuesten, guten und auch weniger traurigen, aber dennoch uninteressanten Nachrichten, sehe und betrachte jeden Morgen die vielen bunten und auch weniger lustigen Bilder.
    Jeden Morgen esse ich mein braves Brötchen, mal mit Käse, mal mit Fleisch gespickt und auch mit Gemüse belegt, frisch zubereitet vom freundlichen Mann nebenan. Und ich trinke jeden Morgen sein köstliches, braunes, übermäßig süßes Getränk.
    Ich bilde mich weiter und nähre mich fort.

    Würde ich mich jetzt auch noch jeden Morgen immer wieder an mich selbst erinnern, wäre ich der glücklichste Mensch auf Erden. Denn jeden Morgen stelle ich mir die gleiche Frage: „Wer bin ich?“, und jeden Morgen erbreche ich die gleiche enttäuschende Antwort aus…
    Ich weiß es nicht und ich höre mich sprechen, doch ich verstehe meiner nicht!

    Die Zeitung von heute Morgen ist genauso dick wie die gestern und das Käsebrötchen schmeckt genauso schlecht wie das Gestrige, aber heute ist da noch etwas anderes, etwas, dass gestern nicht da war. Ein schleichendes Geräusch, das sich allmählich in mein Bewusstsein einschleicht.
    Nervig monoton und trotzdem irgendwie melodisch. Es ist wie ein Rauschen, dass langsam an- und gleichzeitig abnimmt, für einen Moment lang verstummt und dennoch nachhallt. Ein Auf und Ab, wie das Rauschen einer fernen Brandung, die der Wind über die wunderbar grüne Wiese herüber weht.

    Und es kommt näher und näher.
    Ich drehe mich nach rechts, nichts, wende meinen Kopf nach links, schaue zum Himmel empor, nichts. Nur ein Mensch, dessen wage Silhouette von Sträuchern und Bäumen verdeckt ( für mich fast unsichtbar ), im Gegenlicht der morgendlichen Sonnenstrahlen durchscheint, bewegt sich langsam auf mich zu.
    Seine wiegenden Bewegungen scheinen sich dem unerklärlichen Rauschen anzugleichen, als würde er Schritt für Schritt auf dieses rhythmische Geräusch hin, tänzelnd vorwärts schreiten. Nach einer Weile kann ich ihn deutlicher sehen und stelle mit Enttäuschung fest, dass er bloß ein einfacher Straßenkehrer ist, der seiner Arbeit nach geht. Eines dieser Geschöpfe, die in ihrem Leben nichts erreicht haben.

    Und er kommt näher und näher.
    Mit jeder seiner ausladenden Handbewegung beschreitet er einen kleinen Abschnitt seines Weges und hinterlässt einen sauberen Eindruck. Bis auf die wenigen Blätter und Blüten, die wie durch ein Wunder von seinem Besen unberührt liegen bleiben.
    Auch wenn er offenbar so aussieht, als ob er weder Reichtum noch Besitz sein Eigen nennt, scheint er seine Arbeit im Einklang mit sich selbst und seiner Welt zu verrichten und wirkt zufrieden und vielleicht sogar glücklich. Denn anders kann ich mir sein leidenschaftliches Verhalten und seine ausgeglichene Erscheinung beim besten Willen nicht erklären.

    Seine Bewegungen sind zwar geschmeidig jedoch von einer zurückhaltenden, stoischen Eleganz. Er schwingt den Besen im Rhythmus seiner eigenen Musik, wie ein Dirigent, der gleichzeitig sein Orchester spielt. Sein altes, langes, weißes Haar liegt auf seinen gebeugten Schultern und schwingt, tänzelnd mit jeder sanften Bewegung seine Körpers Echo versetzt mit.
    Seine alten grauen Kleider sehen verschlissen aus, sind aber sauber und viel zu weiß für jemanden wie ihn. Seine alten Schuhe tragen ihn mit der Leichtigkeit einer unberührbaren Wolke den Kiesweg entlang. Er scheint zu schweben und berührt die Erde nur mit seines Besens Fingerspitzen.

    Und er kommt näher und näher, steht vor mit und schweigt.
    In diesem Moment hält meine Erinnerung inne, verharrt einen Augenblick, fließt zurück und reflektiert mich in die Zeit, die vor mir liegt.

    Ich sehe ihn an, höre mich denken: „Was will der Penner von mir?“, und ich sage: „Was?“
    Er spricht und fragt: „Herr, lesen sie diese Zeitung noch?“, und zeigt mit dem Finger auf meine Zeitung.
    Ich sehe ihn entgeistert an, höre mich denken: „Was will der mit meiner Zeitung, womöglich kann er meine Sprache lesen?“, und höre mich fragen: „Wieso?“
    Er antwortet und sagt: „Herr, wenn sie dieses Blatt nicht mehr benötigen, würde ich es gerne mitnehmen.“
    Ich höre mich denken: „Du willst meine Zeitung, willst du vielleicht auch noch mein Essen?“, und höre mich sagen: „Du kannst sie haben.“
    Er bückt sich, hebt die Zeitung auf und legt sie in seinen fahrbaren Müllsack.
    Ich höre mich denken: „Hoffentlich haut der bald ab, sonst sieht mich jemand noch mit ihm reden.“
    Er steht vor mir und schweigt.
    Ich sehe ihn vorwurfsvoll an und höre mich fragen: „Was? Ist noch was?“
    Er antwortete und sagt: „Herr, essen sie noch von dem da?“, und zeigt auf mein halb verzehrtes Brötchen.

    Ich hörte mich denken: „So eine dreiste Unverschämtheit habe ich schon lange nicht mehr erlebt. Jetzt will der mir tatsächlich auch noch mein eigenes Essen weg fressen. Der hat gestern Abend bestimmt sein letztes Geld versoffen und liebäugelt jetzt mit meinem Käsebrötchen“, und hörte mich sagen, „Wer hart arbeitet, der hat auch genügend Geld und muss nicht betteln und auch nicht Hunger leiden. Aber ich will nicht so sein, komm hol dir den Happen.“
    Er nimmt das Brötchen nicht sondern fragt: „Sie schenken mir das da?“, zeigt auf meine Essen und fügt hinzu, „Das schnelle Brötchen gehört also mir?“
    Ja, nimm es“ , höre ich mich laut antworten, und leise denken: „und hau endlich ab.“

    Er packt mein Essen und legt es in den Müllsack auf meine Zeitung. Ich bin empört, lasse meinem Ärger freien Atem und höre mich laut schreien: „Was soll das, erst bettelst du und dann wirfst du das von anderen Menschen schwer erarbeitete und dir gespendete Essen einfach so in den Müll?“
    Er antwortet und sagt: „Herr, sie haben mir diesen Brocken geschenkt, wieso ärgert sie mein Vorgehen? Letztendlich ist es doch irrelevant was mit ihrem Geschenk geschieht! Ich nehme an, dass sie vermutlich ihr Essen mit einem vermeintlich Notleidenden Geschöpf wie mir geteilt haben, eines, dass scheinbar auf ihr wohlwollendes, großzügiges Schenken angewiesen zu sein scheint, und nicht ihres eigenes Notleidenden Gewissen wegen. Ich brauche ihre sogenannte Zeitung genau so wenig wie ihr sogenanntes Essen, denn ich alleine entscheide was ich lesen möchte, und was ich zu essen wünsche, genau so wie sie und jedes andere hungernde Geschöpf die Freiheit der Auswahl hat.“

    Er spricht zu mir und ich höre widerwillig zu.
    Irgendwann stehe ich auf und möchte diesen Ort so schnell wie möglichst verlassen. Ich kann und will seinen Worten nicht länger zuhören. Sie stören mich, weil sie nicht nur schmerzhaft ehrlich und offen, sondern gleichzeitig ergreifend, einnehmend, erschreckend und deutlich nachvollziehbar und darüber hinaus schmerzhaft anzuhören sind.

    Ich schaue ihn noch ein Mal an, blicke in seine Augen, wende mich entsetzt von ihm ab und entferne mich mit hastigen Schritten. Hinter mir rauscht der Wind über die menschenleere Wiese. Der monotone Gesang seiner Stimme begleitet das erregte Wellenspiel meiner aufgewühlten Gedanken.
    Mit jedem Atemzug, der mich Schritt für Schritt von ihm wegführt, wünschte ich mir, ich besäße den Mut und die Kraft, stehen zu bleiben, mich ihm zuzuwenden und ihm in seine Augen zu sehen. Denn tief in meinem Inneren, in meinem Herzen, wünschte ich, ich wäre wie er, ich wünschte, ich wäre er.

    Ich werde morgen wieder hier sein, aber morgen werde ich bleiben und zuhören.
    Und ich weiß, er wird da sein, und auf mich warten.
    Er, das seltsamen Wesen mit den unheimlichen Wolfsaugen.

    Wolfsaugen | Amadeo, 2009

  • journey of faith

    „Der Prozess”

    Der Prozess

    Noch ein letztes Glas im Stehen.
    Die folgende Geschichte beschreibt den Prozess eines Vorgangs, der den Ablauf eines Ereignisses, seine Entwicklung, seinen Verlauf und seinen Fortgang inszeniert. Klingt albern, aber ich lasse diesen Satz hier so stehen.

    Ich öffne meine Augen.
    Vor mir wartet die mächtige, wenig einladende Tür. Ich öffne sie und trete ein. Vor mir breitet sich die große, leere Halle aus. Ich schreite zur Mitte ihrer Gedankenwelt. Vor mir erhebt sich das Richterpodium mit Sessel und Tisch, links von mir befinden sich die Stühle der Verteidiger, rechts neben mir die Sitzbänke der Ankläger. Unter der rechten Fensterseite reihen sich Stuhl für Stuhl zwölf leere Sichtweisen aneinander. Hinter mir baut sich die niedere Trennwand auf, dahinter befinden sich die leeren Logen der Sterblichen. Es herrscht Stille im Saal.

    Ich lasse eintreten.
    Zwölf vereidigte Meinungen folgen meiner Aufforderung und nehmen ihre voreingenommenen Plätze ein. Zwölf Ankläger sind aus allen Zeit- Geist- Weltlichen sowie Welt- Macht- Geistlichen Himmelsrichtungen angereist. Meine Verteidiger sitzen zu meiner Rechten, meine Ankläger nehmen hinter mir Platz.
    Der Richterstuhl bleibt unbesetzt.
    Der Gerichtsdiener verteilt Brot und Salz an meine Gäste. Im Vorbeigehen pflückt er die Früchte aus den Gärten ihrer Erkenntnisse und verkündet laut und deutlich das Urteil: „ Schuldig!“
    Die Anklage steht!

    Ich lasse sprechen.
    Die einen lügen voller Verständnis, sprechen von meinen nicht erfolgten Verfehlungen. Ein Wort nach dem anderen rieselt hernieder, fächert mir entgegen und schmeichelt meinem Unverständnis.
    Die anderen vergehen sich sprachgewandt an meinen nicht begangenen Taten. Ein Wort nach dem anderen prasselt auf mich hernieder, brüllt mir entgegen und schneidet klägliche Sätze in mein Gesicht.

    Ich hebe meine Hand und verlange um das Wort.
    Sie schauen mich fassungslos an. Ihre Blicke wandern an mir vorbei zu den unteren Rängen hinter mir. Ich drehe meinen Kopf, folge ihren Augen in ein Gemäldes von Pieter Brueghel und Hieronymus Bosch, und sehe den Richter im Getümmel allzu menschlichen Neugierde stehen und schüchtern nicken.
    Seine Handbewegung fordert mich auf, zu sprechen. Ich tauche langsam, aber sicher, Wort für Satz tief und tiefer in ihre selbstbewusste Befangenheit ein, beginne zu reden, spreche zu ihnen und sage:
    Ich werde meine Kleider verbrennen und meine Haare abschneiden.“
    Ich werde meine Haare vergraben und meine Gedanken reinigen.“
    Ich werde meine Gedanken vergessen und meine Seele verkaufen.“

    Grölendes Gelächter erfüllt den Saal und hallt von der Decke und Wänden wieder. Es dauert ein paar Zwischenrufe lang, bis sich die Gemüter der Anwesenden wieder beruhigen. Ich suche bewusst die Augen derjenigen, die nicht gelacht haben. Ein schweigende Handvoll von ihnen ist, über die Menge verteilt, anwesend!

    * * *

    Ich trete vor ihre Wand und lasse mich aufnehmen. Von vorne und von den Seiten.
    Der Zeichner zeichnet Ansicht für Ansicht. Der Fotograf fotografiert Bild für Bild.
    Die Experten, erschaffen aus der Ansicht ein Bild. Zeichnen, ergänzen, füllen aus, verbinden, verknüpfen, fragen, suchen, finden, wann, wo, warum, wieso, weswegen, weshalb (so und nicht anders) und erstellen ein plausibles, verständliches Profil. Ich setze mich auf ihren Stuhl und lasse mich begutachten. Von außen und von innen. Das Unsichtbare durchleuchtet, erfasst, vergleicht, und ihre Suchmaschine assistiert, speichert und überwacht.
    Die Spezialisten, erstellen aus dem Profil einen Opfer. Zeichnen, ergänzen, füllen aus, verbinden, verknüpfen, fragen, suchen, finden, wann, wo, warum, wieso, weswegen, weshalb (so und nicht anders) und erstellen, kreieren einen plausiblen, nachvollziehbare Täter. Ich lege mich auf ihre Liege und schließe ihre Augen. Sie erzählen und plaudern, sprechen und reden von meiner Kindheit, meiner Jugend Alter und meinen Träumen.
    Die Wissenden, erschaffen aus dem Täter ein Faktum. Zeichnen, ergänzen, füllen aus, verbinden, verknüpfen, fragen, suchen, finden, wann, wo, warum, wieso, weswegen, weshalb (so und nicht anders) und erstellen, kreieren ein plausibles, nachvollziehbares Produkt, eine Ausgeburt ihrer Daseinsberechtigung!

    * * *

    Sie streifen freiwillig ihr weißes Gewand über ihre Zwangsvorstellungen und sperren mich in ihr leeres, keimfreies, schwarzes Zimmer. Sie schalten das Licht ein, schlagen einen Spiegel in meine weiße Wand und nehmen auf ihrer Spiegelseite Platz. Sie stellen einen leeren weißen Tisch und zwei Stühle in meine Mitte.

    Ein Mann tritt ein. Wir setzen uns an den runden Tisch und schauen uns gegenseitig an. Nach einer Weile legt der Mann Weiß und Schwarz auf den Tisch und sagt: „Dies ist ein weißes Papier. Sie sehen Schwarz auf Weiß. Deuten Sie den Inhalt der Form anhand der Umrisse und sagen Sie mir bitte was Sie sehen, was Sie dabei denken und empfinden.“
    Ich schaue ihn an und sage: „Ich sehe einen Menschen, der meint zu wissen was andere denken, aber nicht wissen kann, was andere sehen. Jede meiner Antworten, auch diese und sogar meine Nicht-Antwort, wäre reine Zuordnung, also eine reine Bestätigung seiner voreingenommenen Vermutung. Aber meine Form-Illusion entspricht nicht seiner Inhalt-Illusion.“
    Er entfernt das Weiße, legt die Farbe auf den Tisch und sagt: „Dies sind drei Grundfarben. Ordnen Sie jeder Farbe eine entsprechende Form aus den drei Grundformen zu.“
    Ich lege das Rot in ihr Quadrat, das Gelb in ihr Dreieck und das Blau in ihren Kreis und sage: „Wir ordnen zwar Farben und Formen unserem Verständnis leeren Weltbild zu, aber meine Inhalt-Illusion entspricht nicht eurer Form-Illusion.“
    Der Mann steht auf verlässt meinen Raum.

    Eine Frau tritt ein. Sie setzt sich vor mein Angesicht, legt einen Apfel auf den Tisch und sagt: „Das ist ein roter Apfel. Bitte begutachten Sie diese Frucht und vergewissern sich, dass sie einzigartig ist.“
    Ich sehe sie an und sage: „Diese Zucht mag die Größe, Form und auch Farbe eines perfekten Apfels haben, aber leider ist sie genauso wenig Apfel wie Sie eine Hyazinthe sind. Ihm fehlt weder eure Kopfnote, noch die Herznote oder die Basisnote, ihm fehlt das Aroma. Offensichtlich veredeln Sie ihrer Schönheit mit dem Duft einer Blume, aber die wahre Frucht wird vollendet geboren.“
    Die Frau steht auf und verlässt meinen Raum.

    Oben im Zenit lächelt meine Sonne.
    Mein KREIS ( Lichtscheibe ) lässt mein QUADRAT ( Raum ) hell erstrahlen. Auf meinem Tisch liegt mein Apfel, gesättigt in meinem Licht und schluckt genüsslich seine bunten Strahlen. Nur das Rot mag er nicht und reflektiert ihre Welle in mein Bewusstsein. Mein DREIECK, denke ich. Von der Basis zur Spitze und auch vom Besonderen zurück zum Allgemeinen…

    * * *

    Die Kongregation war fast vollständig angereist. Die nichthandelnden Mitglieder blieben dieser Inszenierung fern, nur die Schattenmänner der illustren Glaubensvertreter, Werkzeuge einer nicht existenten Congregatio Inquisitionis, zeigten sich erwartungsvoll im Lichtschein ihrer Macht.

    Ich trete vor ihre irdischen Vertreter, spreche in ihre schreibende Feder und sage:
    „Als die ersten Menschenkinder, Ahnen ihrer Kinder selbst noch Kinder waren, träumten sie ihre Ängste, Fragen und Antworten aus einer für sie Gottlosen Welt in einen Himmel voller Götter. Sie zeugten sich selbst im Namen eines höheren Wesens.
    Aber damals wie heute sprachen die Menschen nicht eine, nicht zwei oder drei, sondern zehntausend verschiedene Sprachen, und so kam es, dass ihre Himmel irgendwann voller Götter waren. Sie gebaren für jede Frage einen Gott und für jede Antwort einen Glauben. Sie glaubten an den wiederkehrenden Morgen und seinen Tag, und sie glaubten jeden Abend und jede Nacht an die wiederkehrende Sonne. Aber ihr Glaube war Hoffnung. Sie hofften, dass das Licht der lebenspendenden Sonnen-Scheibe jeden Morgen, wieder und wieder, geboren werden würde.

    Irgendwann stellten die jungen Weisen mit Bestürzung fest, dass sich die Scheibe drehte und eigentlich eine Sphäre war. Sie erhoben sich aus der flachen Ebene des Denkens in eine Raum volle Welt und rüttelten an den alten Glaubensvorstellungen.

    Die alten Weisen waren entsetzt. Hasserfüllt verbrannten ihre Schattenmänner die neuen Gedanken, Bücher und auch derer Leiber auf dem Scheiterhaufen der Sturheit. Ihr rechthaberisches Denken war klar und deutlich vorgegeben. Sie lebten in ihrer eigenen, religiös kanonisierten Welt, mit und nach ihren Vorschriften.
    Doch diese Vorschriften wurden nach den gelebten Vorbildern niedergeschrieben und waren somit keine Zeitzeugen Aussagen sondern lediglich Legenden.”

    Empörte Zwischenrufe verschlingen das Echo meiner letzten Worte. Ich fahre fort und sage:
    Also wahre Märchen-Geschichten von wahren Märchen-Wesen, in Schrift, Zeichen und Wort nieder gemeißelt. Und so kam es dass die Märchen-Wahrheit in den Gemächern der Machtvollen tausende von Jahren missbraucht wurde. Denn alle hatte sie sich zu Eigen gemacht, sie umarmt und als die einzige wahre Wahrheit verkündet.
    Denn diejenigen, die ihr Vorbild lebten waren längst tot oder hingerichtet worden.
    Aber diejenigen, die ihr Vorbild lebten wären sowieso vor Scham längst gestorben.
    Denn diejenigen, die ihr Vorbild lebten, starben für eine andere Welt.
    Eine Machtlose Welt!
    Aber genau diese Macht, machte sich ihr Leid zu Nutze und verkaufte ihren Tod nach ihrem Leben!
    Könnten sie, so würden sie auferstehen und ihren Weg noch einmal gehen. Denn genau das, was sie vorlebten und lehrten wurde allzu oft missverstanden oder missbraucht.
    Sie lebten und lehrten Liebe, doch ihre Liebe missbrauchte der Hass. Im Namen ihres Glauben wurde geplündert und gemordet, zerstört und vernichtet, wurden die grässlichsten Schlachten geschlagen und grauenvollsten Kriege gekämpft.

    * * *

    Ich könnte eure Gewänder anlegen, eure Insignien aufsetzen, eure Metaphern tragen, eure Schwerter schwingen, eure Ketten beten und eure Gebete aussprechen. Würde ich dies tun, so müsste ich euch allen gleichzeitig begegnen; müsste ich, ich, und auch gleichzeitig ihr sein; mich, und auch gleichzeitig euch ertragen; mich, und auch gleichzeitig euch lieben und bekämpfen; denn ich müsste meinen und auch gleichzeitig euren Glaubenskreuzzug schlagen; meinen und auch eure Glaubenskriege führen und eure Siegesorgien feiern.

    Ich könnte auf eure kleinen, weichen, Brücken niederknien oder vor euren Mauern aufrichten und eure Gebete aufsagen. Ich würde mich vorbeugen und zurückfallen lassen, immer und immer wieder; bis mein sündiges Blut, erlöst, aus meiner Stirne Quelle sprudelt. Mein Glaube würde euer Haus entweihen und eure Steine würden mein Blut weinen.“

    * * *

    Das Blut ihrer Tränen rinnt von meiner Stirne Brauen in meine Augen und verklärt meinen Blick.
    Ich sehe rot und denke: „Rot ist eine schmerzvolle, schlechte Farbe.“ Ich schließe meine Augen, sehe schwarz und denke: „Schwarz ist eine gute, heilsame Farbe“. Das Rot vermischt sich in meinen Augen mit der schwarzen Sicht und fließt in meinen Mund. Ich spucke die braune Brühe in ihr Lachen.
    Ihr Hass gefüllter Stiefel schlägt mir mit voller Wucht ins Gesicht und zertrümmert mein Lächeln.
    Schwein, wie lange willst du noch durchhalten?“, höre ich sie brüllen.

    Eine Hand berührt meinen Schmerz. Ich öffne meine Augen und sehe Sie herabschweben.
    Ihre Stimme beugt sich über mich und flüstert: „Vergib ihnen. Bitte befreie dich!“
    Wir sehen uns ein letztes Mal in die Augen, ich versuche zu lächeln, lasse los, breche zusammen und vergesse meiner.
    Mein lebloser Körper zerfällt zu Staub und beginnt zu glühen. Seine schwellende Asche zündelt, entfacht das Nadir Feuer und schwebt zur Decke empor. Ein Flammenmeer breitete sich blitzschnell aus, wälzt sich über ihre Köpfe, dringt in ihre Leiber ein, frisst sich in ihre Seelen und vernichtet jedwede Erinnerung!

    Der Prozess | Amadeo, Oktober 2009