journey of faith

„Also”

Also

Als meine Haare schwarz und meiner Jugend Neugier Augen Bläue mich geleitete, beschloss ich meine Neugier an jener Quelle Ort zu stillen, an der jeder Dürstende nach Wissen graben würde.
Ich hörte von der ebenso legendären wie sagenumwobenen Stätte, an der für jede Frage zehntausend Antworten, übersichtlich geordnet und wände hoch gestapelt, bereit lagen.
Gelebtes und erdachtes Wissen unserer Vorfahre, aufgereiht in Form von kleine Zeichen, Buchstaben, zu kurzen Schnüren, Sätzen, verknüpft, in denen der Welt nahe und auch weltfremde Weisheit für die Ewigkeit gedacht, niedergeschrieben und eingefroren, gebunden in Büchern auf mich wartete.

Also machte ich mich auf und ging nach Wissen.

Ich las jedes Buch, das ich auftreiben konnte und das meinen flinken Augen unter die Finger kam. So wurde ich über die Jahre hinweg lesend von einem Buch zu anderen weitergereicht. Mit jeder neuen „erlesenen” Erfahrung/ Antwort tauchten zehntausend neue Fragen auf. Ich stellte mir die unmöglichsten Fragen und suchte nach mögliche Antworten. Fragen wie diese: Wie viel Menge an Ereignis lässt die Welt in einem einzigen Augenblick Zeit zu und wie viel kann sie verkraftet!Diese Frage zeugte die nächste Frage: „Wie lange, wie viel Zeit dauert ein Augenblick“, und so weiter.

Irgendwann war ich so weit dass ich mir auf jede Frage eine Antwort zusammenreimen konnte. Bald sprach sich herum, dass der „Große Bruder“, wie ich damals leider genannt wurde, jederzeit die Unwissenheit anderer mit Rat und Tat zu lindern verstand.
Doch anstatt mich in Zufriedenheit mit mir selbst und der Welt im Scheine des Erfolges treiben zu lassen, stand ich still im Schatten meiner Selbst und wurde unsicher, denn mit der Gewissheit tauchte nämlich ihr Spiegelbild, der Zweifel auf. Ich begann, mich von der erlesenen Weisheit des Wissens zu distanzieren.
Mein Lesen wurde selektiv und irgendwie oberflächlich!
Ich überflog die Wörter, Zeilen, Sätze, Seiten, Bücher und kehrte nur dann zum Anfang eines Gedankens zurück wenn die Magie eines Wortes oder Bildes meine Neugierde weckte.

Ich machte mich auf und ging hinaus.

Ich ging hinaus und begann, die Welt zu betrachten, zu beobachten und zu verstehen.
Jene Welt, in der wir geboren werden, aufwachsen, leben und sterben. Eine einzigartige, wunderschöne Welt, die wir Menschen, seit jeher bekannt, verraten haben.

Wir teilen und definieren diese Welt, indem wir ihr Werte zuschreiben, vielleicht auch, um sie besser verstehen zu können, dabei ist sie weder eine gute noch eine schlechte Welt. Wir erschaffen unsere eigene, künstliche, Welt und vergessen, dass die eigentliche Lebenskunst darin besteht, diese eine, unsere Welt, zu respektieren und in ihr zu leben!
Im Namen des Wohlstands und des persönlichen, kollektiven oder ideologischen Vorteils brechen wir alle möglichen (nicht von Menschenhand geschriebenen) Regeln, Gesetze der Mutter Natur.
Wir züchten, reproduziere, manipulieren und vermehren im Namen der Wissenschaft des Profits den genetischen Code von uns und und anderer Lebewesen.
Im Namen des Wohlstands und des persönlichen, kollektiven oder ideologischen Wahnsinns züchten, reproduziere, manipulieren und vermehren wir Besitz und Reichtum, führen Kriege, töten, schlachten, verschlinge, fressen und opfern unsere Träume, unser Fleisch und Blut und jenes aller anderer Lebewesen.
Ich war nie Teil von etwas, das Menschen bindet, zusammenhält. Das Gesetz der Zugehörigkeit schloss mich aus, entfernte mich aus einer Struktur, der ich nie angehörte.
Die Gemeinsamkeit des Denken und des Handeln prägt ein Systems, das alles in Gut und Schlecht ( Böse ), Schön und Hässlich, Richtig und Falsch einteilt und dadurch definiert. Diese Zugehörigkeit bietet Schutz und auch ein scheinbares Gefühl der Sicherheit.
Es kam so weit, dass der Feind des Feindes zum Freund wurde. Der Freund des Feindes jedoch Feind blieb.
Als Feind oder als Freund geboren, konnte man trotzdem überleben, vorteilhafte Koalitionen bilden und seine eigene Ziele setzen und erreichen. So wurde der Freund zum Freund-Feind und aus Feind wurde Feind-Freund. Man zeugte ein Gleichgewicht der agierenden Kräfte und konnte munter weitermachen.
Die Weltordnung wurde immer und immer wieder neu hergestellt.

Wer nicht für Etwas, eine Sache, einen Gedanken oder einen Glauben ist, der ist automatisch dagegen. Dieser Automatismus des Denkens und des Handelns kann das Individuen und die Massen manipulieren.
Diese Sicherheit der Zugehörigkeit verleiht den Sterblichen eine unkontrollierbare Macht. Diese Macht ist gnadenlos, rücksichtslos, denn sie verdunkelt, täuscht und verführt die Seelen der Menschen. Sie lockt oder zwingt die Willigen, sie verstößt oder zerstört die Unwilligen.

Überall wo ich auch auftauchte, begegnete ich dieser Macht. Sie war jedes Mal anwesend und beäugte mich und meinen Weg mit Argwohn und voller Misstrauen. Sie sah in mir eine potenzielle Gefahr und lockte mich dennoch oder gerade deswegen mit Chancen und Erfolgsaussichten. Ich lehnte dankend ab.
Die Sprache der Macht wird überall gesprochen und verstanden.
Man sagte mir: „Nimm dich in Acht, du hegst ketzerische Gedanken“. Das war das einzige Mal, dass ich so etwas wie Stolz empfand. Nicht, weil ich mich darüber gefreut hätte oder deswegen, sondern weil ich endlich verstanden hatte.

Ich war weder ein Teil von etwas noch etwas von irgend was. Ich war weder hier, noch war ich nicht hier. Ich war Überall und gleichzeitig Nirgendwo. Ich sagte: „Ich bin überall dort, wo ihr hin wollt“. Ich wurde ausgelacht und ausgestoßen.

Ich machte mich frei und ging hinaus.

Ich ging hinaus und fing an die Welt zu betrachten, zu beobachten und zu verstehen.
Ich setzte mich nieder und legte meine Handflächen auf die Erde.
Ich tastete, fühlte, spürte und ich roch und schmeckte, was man Erde nennt.
Ich ließ los, versank in ihrer Dunkelheit, säte den Samen, ließ ihn keimen, ließ ihn sprießen, ließ in in das Licht der Sonne treiben, wachsen, sich entfalten und ließ mich sterben.

Ich hob meine Arme empor, streckte meine Hände in den Frühlingshimmel und wurden Pflanze.
Ich wurde Gras, Strauch, Baum, Wald.
Ich wurde Wurzel, Stamm, Ast, Zweig, Blatt, Krone.
Meine Finger öffneten sich, wurden Blüte, Frucht und Samen.
Der Herbstwind strich durch mein Haar, löste meine Blätter, und ich flog mit den Wolken über das Land.

Ich sprach mit mir selbst und ich sprach mit den Pflanzen und mit den Tieren.
Ich lernte ihre Sprache; ich lernte sie zu lesen und ich lernte sie zu sprechen.
Ich habe keine mündliche Antwort erwartet, aber ich habe gelernt, zuzuhören.
Manch einer hielt mich für verrückt, aber ich glaube, es war eher Mitleid mit jemandem wie mich.

Die Herbstreife brachte mit dem Regen auch mein Wasser und meine Regenbogenfarben.
Irgendwann setzte ich mich an den großen Fluss, an dem schon Hesse und seine Lehrer und deren Lehrer Lehrer schon saßen, und beobachtete sein, mein, unser, euer und auch niemandes sonst Wasser.
Fremde Menschen und manch Freund setzten sich an meine Seite, redeten, erzählten, lachten, weinten und ich hörte ihnen schweigend zu. Ich sah sie alle im Fluss der Zeit schwimmen, gleiten, tauchen und ich sah sie untergehen und davon treiben.

Irgendwann beugte ich mich über das Wasser.
Ich schaute in den Spiegel und suchte nach meinem Spiegelbild.
Ich sah weder mein eigenes Antlitz, noch jenes eines Freundes oder eines Fremden.

Ich beugte mich tiefer und tiefer über das Wasser.
Ich wurde Wasser und das Wasser ward Fluss.
Ich wurde Fluss und der Fluss war… Drache.
Ich wurde eins mit jenem Geschöpf, das ich selbst schon ewig war.

Also | Amadeo, 2009

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