journey of faith

„Das unsichtbare Flügeltropfen Bild”

Das unsichtbare Flügeltropfen Bild

Jenseits des Ostens, hinter den südlichen Bergen eines fernen, fremden Landes, träumte vor mehr als einem Jahrhundert ein Jüngling seine Visionen in Stein.
Irgendwann verließ er seine Heimat, zog mit dem Morgen-Wind nach Westen und lebte seine Träume.

Drei Jahrzehnte später trieb ihn die Abend-Sehnsucht zurück in die Weite seiner Kindheit. Im prallen Gepäck seines Ruhms hütete er einen geheimnisvollen Schatz; die Formel der vollendeten Form-Illusion.

Im Namen der Gedenkens schuf der Franzose Constantin Brâncuși ( der kein Franzose war ) drei Kunstwerke, die er in seiner Heimat jenseits der Wälder, in Tg. Jiu, aufstellen ließ. Im Osten pflanzte er eine Säule, in Westen einen Tisch und daneben ein Tor.
„Die unendliche Säule“, eigentlich „Die endlose Säule“, besteht aus fünfzehn ganzen und zwei halben geometrischen Elementen, Oktaeder, die der Künstler übereinander stapelte und „Perlen“ nannte.
„Das Tor des Kusses“, formte der Künstler aus drei massiven Steinblöcken, die er als Triumph-Bogen der Liebe gewidmet, über den Weg spannte.
„Der Tisch des Schweigens“, eine Hommage an die Perfektion des Kreises und seiner sphärischen Form, wurde aus einem mächtigen Steinblock gehauen und auf einen Steinsockel gelegt. Die runde Steinplatte säumte er mit einem Kranz aus zwölf Stein-Stühlen. Ihre elegante Form, je zwei Halb-Kugeln, übereinander gesetzt, einer Klepsydra nachempfunden, erinnert an die Vergänglichkeit der Zeit.

Als das Werk vollendet war kamen die Menschen, von naher und ferner Neugier getrieben, angereist und betrachteten misstrauisch seine Trilogie.
Manch einer blickte zum Himmel empor und war bestürzt, das Ende der Endlosigkeit zu sehen.
Manch einer durchschritt die steinerne Pforte und wurde schmerzvoll enttäuscht.
Manch einer setzte sich wortlos an den Tisch und lauschte vergebens der inneren Stille.

Eines Tages umkreiste eine Taube die Säule, flog durch das Tor und landete sachte auf dem Stein-Kreis. In ihrem Schatten jagte ein Rabe hinterher, wirbelte der Feder Schwärze in den farbenprächtigen Himmel und stürzte kreisend auf des Vogels Weiß. Licht und Schatten vereinigten sich. Das Weiße und das Schwarze trennte „sie“ und formte auf der runden Scheibe das unsichtbare Flügeltropfen Bild – Tàijí Tú.
Zwei Menschenkinder umkreisten die Säule, durchschritten das Tor und setzten sich an den Stein-Tisch.
Sie beugte sich zu ihm über und legte ihr Liebe in seine Hände.
Eine schwarze Träne fiel in sein Weiß.
Er beugte sich zu ihr über und legte seine Liebe in ihre Hände.
Eine weiße Träne tropfte in ihr Schwarz.

Ursprünglich hatte ich vor, alle zwölf Stühle zu besetzen. Aber die Schönheit dieses einzigartigen ersten Bildes hielt mich davon ab, die anderen Gäste einzuladen. Sie, die wahren Mächte der sterblichen Schwächen, werden dieses Mal draußen vor der Pforte bleiben. Allein meine Demut lege ich zu ihrer beiden Füße nieder.

Das unsichtbare Flügeltropfen Bild | Amadeo, 2010

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