„Wolfsaugen”
Wolfsaugen
Heute liegt ein wunderschöner Tag vor mir.
So gerne würde ich mich ebenfalls hinlegen, ausstrecken, räkeln und vor mich hin und auch her dösen, einfach nur scheinen und genießen.
Doch heute ist irgendwie alles anders als sonst.
Ich lege die Zeitung, in der ich gerade eben noch gelesen habe, auf die kalte Bank neben mein Käsebrötchen.
Ich weiß nicht, was heute mit mir los ist. Es fällt mir schwer, das Gängige zu begreifen, meine üblichen Handgriffe zu koordinieren und selbst die einfachsten Gedankengänge und Sätze zu verstehen, ganz zu schweigen jene der mir fremden Menschen.
Sie sagten mir, man hätte mich in diesem Park gefunden. Ich habe nicht verstanden, was sie damit meinten. Wie kann ein Mensch verloren gehen. Sie sagten, dass ich wahrscheinlich, ja sogar Sicher, das Opfer meiner eigenen Fahrlässigkeit sei und dass ich die volle Verantwortung dafür tragen müsse, weil ich selbst der Auslöser für den Raubüberfall sei. Ich weiß es nicht. Ich höre meine eigenen Gedanken, aber ich verstehe meiner und sie nicht!
Ich komme jeden Tag in diesen Park, setze mich auf eine der vielen leeren Bänke, lese jeden Morgen die gleichen neuesten, guten und auch weniger traurigen, aber dennoch uninteressanten Nachrichten, sehe und betrachte jeden Morgen die vielen bunten und auch weniger lustigen Bilder.
Jeden Morgen esse ich mein braves Brötchen, mal mit Käse, mal mit Fleisch gespickt und auch mit Gemüse belegt, frisch zubereitet vom freundlichen Mann nebenan. Und ich trinke jeden Morgen sein köstliches, braunes, übermäßig süßes Getränk.
Ich bilde mich weiter und nähre mich fort.
Würde ich mich jetzt auch noch jeden Morgen immer wieder an mich selbst erinnern, wäre ich der glücklichste Mensch auf Erden. Denn jeden Morgen stelle ich mir die gleiche Frage: „Wer bin ich?“, und jeden Morgen erbreche ich die gleiche enttäuschende Antwort aus…
Ich weiß es nicht und ich höre mich sprechen, doch ich verstehe meiner nicht!
Die Zeitung von heute Morgen ist genauso dick wie die gestern und das Käsebrötchen schmeckt genauso schlecht wie das Gestrige, aber heute ist da noch etwas anderes, etwas, dass gestern nicht da war. Ein schleichendes Geräusch, das sich allmählich in mein Bewusstsein einschleicht.
Nervig monoton und trotzdem irgendwie melodisch. Es ist wie ein Rauschen, dass langsam an- und gleichzeitig abnimmt, für einen Moment lang verstummt und dennoch nachhallt. Ein Auf und Ab, wie das Rauschen einer fernen Brandung, die der Wind über die wunderbar grüne Wiese herüber weht.
Und es kommt näher und näher.
Ich drehe mich nach rechts, nichts, wende meinen Kopf nach links, schaue zum Himmel empor, nichts. Nur ein Mensch, dessen wage Silhouette von Sträuchern und Bäumen verdeckt ( für mich fast unsichtbar ), im Gegenlicht der morgendlichen Sonnenstrahlen durchscheint, bewegt sich langsam auf mich zu.
Seine wiegenden Bewegungen scheinen sich dem unerklärlichen Rauschen anzugleichen, als würde er Schritt für Schritt auf dieses rhythmische Geräusch hin, tänzelnd vorwärts schreiten. Nach einer Weile kann ich ihn deutlicher sehen und stelle mit Enttäuschung fest, dass er bloß ein einfacher Straßenkehrer ist, der seiner Arbeit nach geht. Eines dieser Geschöpfe, die in ihrem Leben nichts erreicht haben.
Und er kommt näher und näher.
Mit jeder seiner ausladenden Handbewegung beschreitet er einen kleinen Abschnitt seines Weges und hinterlässt einen sauberen Eindruck. Bis auf die wenigen Blätter und Blüten, die wie durch ein Wunder von seinem Besen unberührt liegen bleiben.
Auch wenn er offenbar so aussieht, als ob er weder Reichtum noch Besitz sein Eigen nennt, scheint er seine Arbeit im Einklang mit sich selbst und seiner Welt zu verrichten und wirkt zufrieden und vielleicht sogar glücklich. Denn anders kann ich mir sein leidenschaftliches Verhalten und seine ausgeglichene Erscheinung beim besten Willen nicht erklären.
Seine Bewegungen sind zwar geschmeidig jedoch von einer zurückhaltenden, stoischen Eleganz. Er schwingt den Besen im Rhythmus seiner eigenen Musik, wie ein Dirigent, der gleichzeitig sein Orchester spielt. Sein altes, langes, weißes Haar liegt auf seinen gebeugten Schultern und schwingt, tänzelnd mit jeder sanften Bewegung seine Körpers Echo versetzt mit.
Seine alten grauen Kleider sehen verschlissen aus, sind aber sauber und viel zu weiß für jemanden wie ihn. Seine alten Schuhe tragen ihn mit der Leichtigkeit einer unberührbaren Wolke den Kiesweg entlang. Er scheint zu schweben und berührt die Erde nur mit seines Besens Fingerspitzen.
Und er kommt näher und näher, steht vor mit und schweigt.
In diesem Moment hält meine Erinnerung inne, verharrt einen Augenblick, fließt zurück und reflektiert mich in die Zeit, die vor mir liegt.
Ich sehe ihn an, höre mich denken: „Was will der Penner von mir?“, und ich sage: „Was?“
Er spricht und fragt: „Herr, lesen sie diese Zeitung noch?“, und zeigt mit dem Finger auf meine Zeitung.
Ich sehe ihn entgeistert an, höre mich denken: „Was will der mit meiner Zeitung, womöglich kann er meine Sprache lesen?“, und höre mich fragen: „Wieso?“
Er antwortet und sagt: „Herr, wenn sie dieses Blatt nicht mehr benötigen, würde ich es gerne mitnehmen.“
Ich höre mich denken: „Du willst meine Zeitung, willst du vielleicht auch noch mein Essen?“, und höre mich sagen: „Du kannst sie haben.“
Er bückt sich, hebt die Zeitung auf und legt sie in seinen fahrbaren Müllsack.
Ich höre mich denken: „Hoffentlich haut der bald ab, sonst sieht mich jemand noch mit ihm reden.“
Er steht vor mir und schweigt.
Ich sehe ihn vorwurfsvoll an und höre mich fragen: „Was? Ist noch was?“
Er antwortete und sagt: „Herr, essen sie noch von dem da?“, und zeigt auf mein halb verzehrtes Brötchen.
Ich hörte mich denken: „So eine dreiste Unverschämtheit habe ich schon lange nicht mehr erlebt. Jetzt will der mir tatsächlich auch noch mein eigenes Essen weg fressen. Der hat gestern Abend bestimmt sein letztes Geld versoffen und liebäugelt jetzt mit meinem Käsebrötchen“, und hörte mich sagen, „Wer hart arbeitet, der hat auch genügend Geld und muss nicht betteln und auch nicht Hunger leiden. Aber ich will nicht so sein, komm hol dir den Happen.“
Er nimmt das Brötchen nicht sondern fragt: „Sie schenken mir das da?“, zeigt auf meine Essen und fügt hinzu, „Das schnelle Brötchen gehört also mir?“
„Ja, nimm es“ , höre ich mich laut antworten, und leise denken: „und hau endlich ab.“
Er packt mein Essen und legt es in den Müllsack auf meine Zeitung. Ich bin empört, lasse meinem Ärger freien Atem und höre mich laut schreien: „Was soll das, erst bettelst du und dann wirfst du das von anderen Menschen schwer erarbeitete und dir gespendete Essen einfach so in den Müll?“
Er antwortet und sagt: „Herr, sie haben mir diesen Brocken geschenkt, wieso ärgert sie mein Vorgehen? Letztendlich ist es doch irrelevant was mit ihrem Geschenk geschieht! Ich nehme an, dass sie vermutlich ihr Essen mit einem vermeintlich Notleidenden Geschöpf wie mir geteilt haben, eines, dass scheinbar auf ihr wohlwollendes, großzügiges Schenken angewiesen zu sein scheint, und nicht ihres eigenes Notleidenden Gewissen wegen. Ich brauche ihre sogenannte Zeitung genau so wenig wie ihr sogenanntes Essen, denn ich alleine entscheide was ich lesen möchte, und was ich zu essen wünsche, genau so wie sie und jedes andere hungernde Geschöpf die Freiheit der Auswahl hat.“
Er spricht zu mir und ich höre widerwillig zu.
Irgendwann stehe ich auf und möchte diesen Ort so schnell wie möglichst verlassen. Ich kann und will seinen Worten nicht länger zuhören. Sie stören mich, weil sie nicht nur schmerzhaft ehrlich und offen, sondern gleichzeitig ergreifend, einnehmend, erschreckend und deutlich nachvollziehbar und darüber hinaus schmerzhaft anzuhören sind.
Ich schaue ihn noch ein Mal an, blicke in seine Augen, wende mich entsetzt von ihm ab und entferne mich mit hastigen Schritten. Hinter mir rauscht der Wind über die menschenleere Wiese. Der monotone Gesang seiner Stimme begleitet das erregte Wellenspiel meiner aufgewühlten Gedanken.
Mit jedem Atemzug, der mich Schritt für Schritt von ihm wegführt, wünschte ich mir, ich besäße den Mut und die Kraft, stehen zu bleiben, mich ihm zuzuwenden und ihm in seine Augen zu sehen. Denn tief in meinem Inneren, in meinem Herzen, wünschte ich, ich wäre wie er, ich wünschte, ich wäre er.
Ich werde morgen wieder hier sein, aber morgen werde ich bleiben und zuhören.
Und ich weiß, er wird da sein, und auf mich warten.
Er, das seltsamen Wesen mit den unheimlichen Wolfsaugen.
Wolfsaugen | Amadeo, 2009