journey of faith

„Die Libelle”

Die Libelle

Der erste Novembertag in diesem Jahr ist auch ein wunderschöner sonniger Novembersonntag.
Heute Morgen, kurz nach neun Uhr, bin ich noch einmal (vielleicht das letzte Mal in diesem Jahr) zu meinem Schloss hinausgefahren, habe Qi Gong geübt und mein letztes Bild gezeichnet.
Jetzt stehe ich draußen auf dem Balkon und rauche meine Mittagszigarette.

Während ich die warmen Sonnenstrahlen genieße und meinem Gedanken Geflüster nach lausche fliegt ein kleines, helles Licht an meinem Gesicht vorbei. Mein Blick folge seinem Flug und ich erblicke eine kleine Libelle auf dem Balkongeländer landen.
Ich denke, Anfang November, Libelle?
Neugierig nähere ich mich und strecke meine linke offene Hand langsam der Libelle entgegen. Sie erhebt sich und ich befürchte, sie durch meine Armbewegung verscheucht zu haben. Doch welch ein Wunder, sie fliegt auf meine ausgestreckte offene Handfläche zu und landet auf meinem Daumenballen. Ich hebe langsam meine Hand in Augenhöhe, drehe sie vorsichtig seitlich, Richtung Gesicht und sehe ihr direkt in die Augen!
Insektenaugen sind keine Menschen Augen. Ich kann sie nicht so ohne weiteres mit meinen Augen durchdringen, lesen, also lasse ich sie (die Kleine) auf mich blicken. Ihre Augen wirken nicht nur groß, sie sind im Verhältnis zu ihrem Kopf riesengroß und sie sind seidenmatt dunkel, fast schwarz.
Ich flüstre mit leiser, leiser Stimme: „Hallo Kleines wie geht es dir?“
Sie schaut mich an. Ich atme sachte in ihre Richtung. Ihre kleinen, winzigen Flügel vibrieren wie… winzig kleine Blätter im Wind. Was sie sieht, glaube ich zu ahnen, doch was sie dabei denkt, kann ich mir nicht vorstellen.

Nach einer Weile, es dürften so um die zehn, zwölf Sandkörner aus meiner Zeit in die Ewigkeit gerieselt sein, erhebt sich das Insekt und fliegt ganz nahe an meinem Kopf vorbei und davon. Ihre Flügel streifen meine Haare im Flug, so als würde sie sich mit einer letzten, leichten Berührung von mir verabschieden wollen.

Dieses Erlebnis ist keine Fiktion, keine Illusion, keine erfundene Geschichte.
Ich fühle mich winzig, nichtig… denn ich sah in den Augen dieses kleinen Wesens etwas Geheimnisvolles, Unaussprechliches, Zeitloses!
Ich sah…

Die Libelle | Amadeo, 2009

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