„Die Asterismus Quelle ~ Nadirs Tränen”
Die Asterismus Quelle ~ Nadirs Tränen
Als wir heute Mittag an diesem mir fremden Gotteshaus vorbeigehen wollten war ich derjenige der beschloss hineinzugehen. Es war weder Neugier noch Wissenshunger, sondern leise Orgelklänge die aus der offenen Türe heraus strömten und mich hinein lockten.
Wir saßen in der menschenleeren Kirche und lauschten den Klängen der Orgel nach, die sich leicht mütig und auch schwer voll, aufsteigend und niedersinkend, schwebend im Raum verteilten.
Ich fragte mich für wen wohl der Organist zu dieser strahlenden Mittagsstunde spielen mag. Für seinen Herrn, oder vielleicht seiner eigenen Fingerfertigkeit wegen? Vielleicht für beide.
Ich schloss meine Augen.
Auf den Schwingen meiner Gedanken schwebte ich langsam zu ihrem Sternenhimmel hinauf, wendete meinen Blick und betrachtete sie alle; die Stehenden, die Sitzenden und die Kriechenden. Manch einer hatte mich wegen meines eigenen Glaubens beschimpft, beleidigt und verachtet. Man nannte mich einen Atheisten, einen Ungläubigen, ein durch ketzerischer Gedanken vergiftetes Wesen. Ich schwieg ihren Schmerz in mein Wasser…
Irgendwann stimmte ich in die Orgelklänge ein und sang leise mit. Es war kein Singen mit Wörtern sondern eher ein Summen, begleitet von weichen, wellenförmigen Bewegungen meiner rechten Hand Finger. Obwohl ich das Lied nicht kannte, konnte ich manch Schlussakkord der Melodie noch vor dem Anklingen aussprechen.
Mein Summen wurde lauter und schwang gemeinsam mit den Orgelklängen zur Decke empor.
Nach einer Weile berührte ihre Hand meine, umschloss sie und drückte sie behutsam.
Ich öffnete meine Augen und sah sie fragend an.
„Wer bist du?“, fragte sie. Ich sah sie an und schwieg.
„Wer bist du?“, fragte sie nochmals und ihre Augen sahen mich flehend an.
Ich sah tief in ihre Augen, wendete mich von ihr ab und schloss meine Lider.
Sie löste ihre Hand aus meiner, stand auf und ging in den hellen Tag hinaus.
Ihre Frage habe ich nie beantwortet.
Obwohl sie ein tiefgläubiger Mensch war ( sie nannte sich selbst Lamm Gottes ) wussten wir beide, dass sie weder Lamm noch eine Frau aus Magdala war.
Als sich unsere Wege trennten sagte sie zu mir: „Mein Weg, den ich gegangen, endet hier mit dir, doch deiner fängt mit mir erst an“.
Sie sollte recht behalten, obwohl ich glaube, dass wir weder das Selbe noch das Gleiche meinten!
Die Asterismus Quelle ~ Nadirs Tränen | Amadeo, 2008 / Grafik von 1990
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Unter Asterismus versteht man eine Ansammlung von meist hellen Sternen die zwar gemeinsam ein „Bild” ergeben aber kein herkömmliches Sternbild darstellen. Das bekannteste unter ihnen ist der Große Wagen im Sternbild Ursa Major/ Großer Bär. Die Metapher Asterismus symbolisiert in meiner Erzählung jenen imaginären Ort am Himmel, wo sich die vermeintlich heilige Quelle des Glaubens befindet, aus der manch Gläubiger Mensch sein Wissen schöpft.
Nadir ist der geographische Fußpunkt „unter jedem von uns” und der Gegenpol zum himmlischen Zenit/ Zenitpunkt „über jedem von uns”.