„Die Pforte”
Die Pforte
Mir wird einiges zugetraut und auch manches nachgesagt.
So wurde mir einst zugetragen, das jemand hinter meinem Rücken und seiner vorgehaltenen Hand das Gerücht verbreitet hätte, ich sei Zeit meines Lebens kein unbeschriebenes Blatt und auch keine Kirchentür gewesen, was natürlich und offen sichtlich nicht der allgemeinen Unwahrheit entsprechen kann, denn wenn man ganz genau hinsieht, kann man auch heute noch die fast unsichtbaren Narben der Anklageeisen sehen, die in meine Seelenpforte eingeschlagenen wurden.
Ich weiß zwar nicht, was genau derjenige gemeint haben könnte, was ich jedoch weiß, ist, dass wir alle Sünder sind, selbst jene die es leugnen, denn jedes Geschöpf wurde schon mal wegen irgendeines Vergehens vorgeführt, beschuldigt, angeprangert, verurteilt, und manch einer sogar gesteinigt.
Dabei bin ich weder ein Jemand, der sich im Rampenlicht suhlt, noch ein Niemand, der sich im Schatten seiner selbst verstecken muss. Die Pforte zur Welt meiner Gedanken steht für jeden sichtbar offen. Allerdings muss man beachten, dass der Durchschreitende nur eine der zehntausend möglichen Welten betreten kann, eine die lesend, scheinbar nur für ihn erschaffen wurde.
Der Drachenzyklus ist eine dieser unendlich vielen Märchenwelten. Die Metapher des Drachens scheint keinem erkennbar anderen Zweck zu dienen als dem eines Fabelwesens, das auf der Suche nach dem Sinn einer Frage, durch eine imaginäre Zeit in der Zeit, zurück zum Ursprung einer Antwort reisen könnte.
Obwohl Drachenwesen für eine unsichtbare Welt erschaffen wurden, ist ihre Nähe, Anwesenheit, manchmal spürbar. Diejenigen, die sich ihm unbewusst nähern, sich öffnen, werden ihm begegnen. Der Drache ist kein Wegelagerer. Es ist eher so als würde Zufallszeit die Zufallsschritte derer lenken, die an sein Ufer treiben.
„Schreitet jemand durch sein Wolkenmeer und öffnet dabei seine Hände, lässt Wind durch seine geöffneten Finger gleiten, der kann ihn spüren.”
„Schreitet jemand durch sein Grasmeer und öffnet dabei seine Hände, lässt Halme durch seine geöffneten Finger streichen, der kann ihn spüren.”
„Schreitet jemand durch sein Wassermeer und öffnet dabei seine Hände, lässt Tropfen durch seine geöffneten Finger fließen, der kann ihn spüren; den Drachen”
„Schreitet jemand durch sein Wolkenmeer und öffnet dabei sein Herz, lässt ihn durch seine geöffneten Finger gleiten, der kann sie spüren.”
„Schreitet jemand durch sein Grasmeer und öffnet dabei sein Herz, lässt ihn durch seine geöffneten Finger streichen, der kann sie spüren.”
„Schreitet jemand durch sein Wassermeer und öffnet dabei sein Herz, lässt ihn durch seine geöffneten Finger fließen, der kann sie spüren; die Qi-Liebe.”
Manchmal lösen die Schritte der anderen größere Wellen aus, die sein Wasser sachte zurückschwingen lassen. Dies kann Sprache/ Wort, Geste/ Bewegung und auch mehr sein.
Aber manchmal lösen ihre Schritte eine riesige Flutwelle aus, die sein Wasser über die Ufer treten lassen. Wenn eine gewachsene Struktur eine gewünschte Veränderung behindert und damit die innere Harmonie zerstört und Disharmonie hervorruft, wirkt er sachte dagegen. Er öffnet zwar den Kreis zieht sich dann aber zurück, weil er nicht vollendet! Dies überlässt er dem Dao. Die vollendete Kreisform schließt sich von selbst!
Die Menschenkinder werden ihn dafür nicht lieben, denn der Liebe Ernte ist der Hass. Er weiß das, deshalb erwartet er weder Zustimmung, noch Anerkennung, noch Lob, noch irgend ein Zeichen, Wort, Geste, Zugeständnis oder Entgegenkommen. So unerwartet wie er auftaucht, wird er irgendwann wieder verschwinden und nur wenige werden Es verstehen!
Die Pforte | Amadeo, 2009