journey of faith

„Das Wiegen des Herzens”

Das Wiegen des Herzens

Ich streifte sein weißes Gewand über, setzte seine weiße Krone auf, nahm Platz auf seinem Thron und schloss meine Augen. Hinter mir standen seine beiden Schwestern, Gemahlinnen, Isis und ihre Zwillingsschwester Nephthys. Vor mir trotzte die große goldene Waage mit der leeren Waagschale auf der einen Seite und Maat, der weißen „Feder der Wahrheit“, auf der Waagschale der anderen Seite. Thoth, Anubis, Horus und die gefräßige Ammyt standen erwartungsvoll neben der Waage. Aber sie warteten vergebens, denn ich war weder Osiris, noch Richter oder Vollstrecker. Ich saß da hörte schweigend zu.

Das Herz der Macht drängte sich vor, und legte sich Machtbewusst auf die leere Schale, die weiße Feder der Wahrheit wurde Nichtmacht und stellte das Gleichgewicht wieder her.
Das Herz des Mannes legte sich Selbstbewusst auf die leere Schale, die weiße Feder der Wahrheit wurde Frau und stellte das Gleichgewicht wieder her.
Das Herz der Liebe legte sich behutsam auf die leere Schale, die Feder der Wahrheit wurde Hass.
Enttäuscht riss ich mein Herz aus meiner Brust und schleuderte es wütend Ammyt vor die Füße.

Meine leere Brust füllte sich mit Trauer.
Liebe wurde Schale. Horus hob mein Herz auf und legte es vorsichtig in die Hände der Liebe.
Hass wurde Schale. Die weiße Feder tauchte erneut auf und ließ die Macht der irdischen Wahrheit in den göttlichen Himmel schweben.
Voller Entsetzen sah ich, wie sich die Waagschale meiner Herzens Seite tiefer und tiefer neigte.
Meine sündiges Leben überwog also mehr als alle meine guten Taten.
Im Angesicht dieser Tatsache war ich eindeutig schuldig!

Die Stimme der Liebe bat mich mit ihren Augen zu sehen.
Ich öffnete zögernd meine Lider.
Auf der einen Seite sah ich die „Liebe“ auf der anderen Seite sah ich die „Wahrheit“ und endlich erkannte ich, dass nichts auf der Welt, weder das göttliche noch das irdische Prinzip der Wahrheit, stärke und mächtiger war als die Liebe selbst.

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Dies ist ein Abbild des berühmten „Papyrus des Hunefer“, ca. 1300 v. Chr. und zeigt „Das Wiegen des Herzens“ aus dem Ägyptischen Totenbuch. Sie war Teil jener Zeremonie, die Sterbliche auf ihrer letzten Reise ins Reich der Toten begleitete.
Rechts, in seinem Schrein sitzt Osiris, der Gott des Totenreichs ( mit der Atef Krone auf dem Kopf und den beiden Symbolen, Krummstab und Flagellum, in seinen Händen ), und hinter ihm stehen seine beiden Gemahlinnen Isis ( mit der Hieroglyphe Thronsitz auf dem Kopf ) und ihre Zwillingsschwester Nephthys ( mit den Hieroglyphen Herrin und Haus auf dem Kopf ).
Links, neben der Waage, steht der Gott Anubis ( dargestellt mit Schakalkopf ) und hält den toten Hunefer an der Hand. Anubis wiegt das Herz des Toten gegen die Feder der Wahrheit, Maat. Wenn Hunefers Herz mehr wiegt als die Feder der Wahrheit, würde die dämonische Totenfresserin Ammyt ( dargestellt mit Krokodilkopf ), das Herz des Toten fressen. Der Gott Thot ( dargestellt mit Ibiskopf ) notiert das Ergebnis dieser Prüfung, in der das Herz des Verstorbenen, stellvertretend für Hunefers Charakter und Lebensweise, auf der linken Waagschale, gegen die Feder der Maat, die kosmische Weltordnung, auf der rechten Waagschale aufgewogen wird.

Als ich diese Bild zum ersten Mal sah, war ich nicht nur von der Schönheit der Formen, der Farben und der Harmonie/ Gestaltung beeindruckt, sondern auch von der Geschichte, die sich darin verbirgt.
Die Pforte zum Reich der Mythologie, hieß „Kadmos, kurze Geschichte der Schrift“, und war das erste Buch, das ich vor mehr als vier Jahrzehnten aus dem Staub der Geschichte auflas.
Die Ironie meiner Geschichte ist, dass ich zwar die Entstehung und Geschichte der Schrift ergründet habe, doch nie wirklich gelernt habe, sie fehlerlos anzuwenden.

Das Wiegen des Herzens | Amadeo, 2009

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