journey of faith

„Der Prozess”

Der Prozess

Noch ein letztes Glas im Stehen.
Die folgende Geschichte beschreibt den Prozess eines Vorgangs, der den Ablauf eines Ereignisses, seine Entwicklung, seinen Verlauf und seinen Fortgang inszeniert. Klingt albern, aber ich lasse diesen Satz hier so stehen.

Ich öffne meine Augen.
Vor mir wartet die mächtige, wenig einladende Tür. Ich öffne sie und trete ein. Vor mir breitet sich die große, leere Halle aus. Ich schreite zur Mitte ihrer Gedankenwelt. Vor mir erhebt sich das Richterpodium mit Sessel und Tisch, links von mir befinden sich die Stühle der Verteidiger, rechts neben mir die Sitzbänke der Ankläger. Unter der rechten Fensterseite reihen sich Stuhl für Stuhl zwölf leere Sichtweisen aneinander. Hinter mir baut sich die niedere Trennwand auf, dahinter befinden sich die leeren Logen der Sterblichen. Es herrscht Stille im Saal.

Ich lasse eintreten.
Zwölf vereidigte Meinungen folgen meiner Aufforderung und nehmen ihre voreingenommenen Plätze ein. Zwölf Ankläger sind aus allen Zeit- Geist- Weltlichen sowie Welt- Macht- Geistlichen Himmelsrichtungen angereist. Meine Verteidiger sitzen zu meiner Rechten, meine Ankläger nehmen hinter mir Platz.
Der Richterstuhl bleibt unbesetzt.
Der Gerichtsdiener verteilt Brot und Salz an meine Gäste. Im Vorbeigehen pflückt er die Früchte aus den Gärten ihrer Erkenntnisse und verkündet laut und deutlich das Urteil: „ Schuldig!“
Die Anklage steht!

Ich lasse sprechen.
Die einen lügen voller Verständnis, sprechen von meinen nicht erfolgten Verfehlungen. Ein Wort nach dem anderen rieselt hernieder, fächert mir entgegen und schmeichelt meinem Unverständnis.
Die anderen vergehen sich sprachgewandt an meinen nicht begangenen Taten. Ein Wort nach dem anderen prasselt auf mich hernieder, brüllt mir entgegen und schneidet klägliche Sätze in mein Gesicht.

Ich hebe meine Hand und verlange um das Wort.
Sie schauen mich fassungslos an. Ihre Blicke wandern an mir vorbei zu den unteren Rängen hinter mir. Ich drehe meinen Kopf, folge ihren Augen in ein Gemäldes von Pieter Brueghel und Hieronymus Bosch, und sehe den Richter im Getümmel allzu menschlichen Neugierde stehen und schüchtern nicken.
Seine Handbewegung fordert mich auf, zu sprechen. Ich tauche langsam, aber sicher, Wort für Satz tief und tiefer in ihre selbstbewusste Befangenheit ein, beginne zu reden, spreche zu ihnen und sage:
Ich werde meine Kleider verbrennen und meine Haare abschneiden.“
Ich werde meine Haare vergraben und meine Gedanken reinigen.“
Ich werde meine Gedanken vergessen und meine Seele verkaufen.“

Grölendes Gelächter erfüllt den Saal und hallt von der Decke und Wänden wieder. Es dauert ein paar Zwischenrufe lang, bis sich die Gemüter der Anwesenden wieder beruhigen. Ich suche bewusst die Augen derjenigen, die nicht gelacht haben. Ein schweigende Handvoll von ihnen ist, über die Menge verteilt, anwesend!

* * *

Ich trete vor ihre Wand und lasse mich aufnehmen. Von vorne und von den Seiten.
Der Zeichner zeichnet Ansicht für Ansicht. Der Fotograf fotografiert Bild für Bild.
Die Experten, erschaffen aus der Ansicht ein Bild. Zeichnen, ergänzen, füllen aus, verbinden, verknüpfen, fragen, suchen, finden, wann, wo, warum, wieso, weswegen, weshalb (so und nicht anders) und erstellen ein plausibles, verständliches Profil. Ich setze mich auf ihren Stuhl und lasse mich begutachten. Von außen und von innen. Das Unsichtbare durchleuchtet, erfasst, vergleicht, und ihre Suchmaschine assistiert, speichert und überwacht.
Die Spezialisten, erstellen aus dem Profil einen Opfer. Zeichnen, ergänzen, füllen aus, verbinden, verknüpfen, fragen, suchen, finden, wann, wo, warum, wieso, weswegen, weshalb (so und nicht anders) und erstellen, kreieren einen plausiblen, nachvollziehbare Täter. Ich lege mich auf ihre Liege und schließe ihre Augen. Sie erzählen und plaudern, sprechen und reden von meiner Kindheit, meiner Jugend Alter und meinen Träumen.
Die Wissenden, erschaffen aus dem Täter ein Faktum. Zeichnen, ergänzen, füllen aus, verbinden, verknüpfen, fragen, suchen, finden, wann, wo, warum, wieso, weswegen, weshalb (so und nicht anders) und erstellen, kreieren ein plausibles, nachvollziehbares Produkt, eine Ausgeburt ihrer Daseinsberechtigung!

* * *

Sie streifen freiwillig ihr weißes Gewand über ihre Zwangsvorstellungen und sperren mich in ihr leeres, keimfreies, schwarzes Zimmer. Sie schalten das Licht ein, schlagen einen Spiegel in meine weiße Wand und nehmen auf ihrer Spiegelseite Platz. Sie stellen einen leeren weißen Tisch und zwei Stühle in meine Mitte.

Ein Mann tritt ein. Wir setzen uns an den runden Tisch und schauen uns gegenseitig an. Nach einer Weile legt der Mann Weiß und Schwarz auf den Tisch und sagt: „Dies ist ein weißes Papier. Sie sehen Schwarz auf Weiß. Deuten Sie den Inhalt der Form anhand der Umrisse und sagen Sie mir bitte was Sie sehen, was Sie dabei denken und empfinden.“
Ich schaue ihn an und sage: „Ich sehe einen Menschen, der meint zu wissen was andere denken, aber nicht wissen kann, was andere sehen. Jede meiner Antworten, auch diese und sogar meine Nicht-Antwort, wäre reine Zuordnung, also eine reine Bestätigung seiner voreingenommenen Vermutung. Aber meine Form-Illusion entspricht nicht seiner Inhalt-Illusion.“
Er entfernt das Weiße, legt die Farbe auf den Tisch und sagt: „Dies sind drei Grundfarben. Ordnen Sie jeder Farbe eine entsprechende Form aus den drei Grundformen zu.“
Ich lege das Rot in ihr Quadrat, das Gelb in ihr Dreieck und das Blau in ihren Kreis und sage: „Wir ordnen zwar Farben und Formen unserem Verständnis leeren Weltbild zu, aber meine Inhalt-Illusion entspricht nicht eurer Form-Illusion.“
Der Mann steht auf verlässt meinen Raum.

Eine Frau tritt ein. Sie setzt sich vor mein Angesicht, legt einen Apfel auf den Tisch und sagt: „Das ist ein roter Apfel. Bitte begutachten Sie diese Frucht und vergewissern sich, dass sie einzigartig ist.“
Ich sehe sie an und sage: „Diese Zucht mag die Größe, Form und auch Farbe eines perfekten Apfels haben, aber leider ist sie genauso wenig Apfel wie Sie eine Hyazinthe sind. Ihm fehlt weder eure Kopfnote, noch die Herznote oder die Basisnote, ihm fehlt das Aroma. Offensichtlich veredeln Sie ihrer Schönheit mit dem Duft einer Blume, aber die wahre Frucht wird vollendet geboren.“
Die Frau steht auf und verlässt meinen Raum.

Oben im Zenit lächelt meine Sonne.
Mein KREIS ( Lichtscheibe ) lässt mein QUADRAT ( Raum ) hell erstrahlen. Auf meinem Tisch liegt mein Apfel, gesättigt in meinem Licht und schluckt genüsslich seine bunten Strahlen. Nur das Rot mag er nicht und reflektiert ihre Welle in mein Bewusstsein. Mein DREIECK, denke ich. Von der Basis zur Spitze und auch vom Besonderen zurück zum Allgemeinen…

* * *

Die Kongregation war fast vollständig angereist. Die nichthandelnden Mitglieder blieben dieser Inszenierung fern, nur die Schattenmänner der illustren Glaubensvertreter, Werkzeuge einer nicht existenten Congregatio Inquisitionis, zeigten sich erwartungsvoll im Lichtschein ihrer Macht.

Ich trete vor ihre irdischen Vertreter, spreche in ihre schreibende Feder und sage:
„Als die ersten Menschenkinder, Ahnen ihrer Kinder selbst noch Kinder waren, träumten sie ihre Ängste, Fragen und Antworten aus einer für sie Gottlosen Welt in einen Himmel voller Götter. Sie zeugten sich selbst im Namen eines höheren Wesens.
Aber damals wie heute sprachen die Menschen nicht eine, nicht zwei oder drei, sondern zehntausend verschiedene Sprachen, und so kam es, dass ihre Himmel irgendwann voller Götter waren. Sie gebaren für jede Frage einen Gott und für jede Antwort einen Glauben. Sie glaubten an den wiederkehrenden Morgen und seinen Tag, und sie glaubten jeden Abend und jede Nacht an die wiederkehrende Sonne. Aber ihr Glaube war Hoffnung. Sie hofften, dass das Licht der lebenspendenden Sonnen-Scheibe jeden Morgen, wieder und wieder, geboren werden würde.

Irgendwann stellten die jungen Weisen mit Bestürzung fest, dass sich die Scheibe drehte und eigentlich eine Sphäre war. Sie erhoben sich aus der flachen Ebene des Denkens in eine Raum volle Welt und rüttelten an den alten Glaubensvorstellungen.

Die alten Weisen waren entsetzt. Hasserfüllt verbrannten ihre Schattenmänner die neuen Gedanken, Bücher und auch derer Leiber auf dem Scheiterhaufen der Sturheit. Ihr rechthaberisches Denken war klar und deutlich vorgegeben. Sie lebten in ihrer eigenen, religiös kanonisierten Welt, mit und nach ihren Vorschriften.
Doch diese Vorschriften wurden nach den gelebten Vorbildern niedergeschrieben und waren somit keine Zeitzeugen Aussagen sondern lediglich Legenden.”

Empörte Zwischenrufe verschlingen das Echo meiner letzten Worte. Ich fahre fort und sage:
Also wahre Märchen-Geschichten von wahren Märchen-Wesen, in Schrift, Zeichen und Wort nieder gemeißelt. Und so kam es dass die Märchen-Wahrheit in den Gemächern der Machtvollen tausende von Jahren missbraucht wurde. Denn alle hatte sie sich zu Eigen gemacht, sie umarmt und als die einzige wahre Wahrheit verkündet.
Denn diejenigen, die ihr Vorbild lebten waren längst tot oder hingerichtet worden.
Aber diejenigen, die ihr Vorbild lebten wären sowieso vor Scham längst gestorben.
Denn diejenigen, die ihr Vorbild lebten, starben für eine andere Welt.
Eine Machtlose Welt!
Aber genau diese Macht, machte sich ihr Leid zu Nutze und verkaufte ihren Tod nach ihrem Leben!
Könnten sie, so würden sie auferstehen und ihren Weg noch einmal gehen. Denn genau das, was sie vorlebten und lehrten wurde allzu oft missverstanden oder missbraucht.
Sie lebten und lehrten Liebe, doch ihre Liebe missbrauchte der Hass. Im Namen ihres Glauben wurde geplündert und gemordet, zerstört und vernichtet, wurden die grässlichsten Schlachten geschlagen und grauenvollsten Kriege gekämpft.

* * *

Ich könnte eure Gewänder anlegen, eure Insignien aufsetzen, eure Metaphern tragen, eure Schwerter schwingen, eure Ketten beten und eure Gebete aussprechen. Würde ich dies tun, so müsste ich euch allen gleichzeitig begegnen; müsste ich, ich, und auch gleichzeitig ihr sein; mich, und auch gleichzeitig euch ertragen; mich, und auch gleichzeitig euch lieben und bekämpfen; denn ich müsste meinen und auch gleichzeitig euren Glaubenskreuzzug schlagen; meinen und auch eure Glaubenskriege führen und eure Siegesorgien feiern.

Ich könnte auf eure kleinen, weichen, Brücken niederknien oder vor euren Mauern aufrichten und eure Gebete aufsagen. Ich würde mich vorbeugen und zurückfallen lassen, immer und immer wieder; bis mein sündiges Blut, erlöst, aus meiner Stirne Quelle sprudelt. Mein Glaube würde euer Haus entweihen und eure Steine würden mein Blut weinen.“

* * *

Das Blut ihrer Tränen rinnt von meiner Stirne Brauen in meine Augen und verklärt meinen Blick.
Ich sehe rot und denke: „Rot ist eine schmerzvolle, schlechte Farbe.“ Ich schließe meine Augen, sehe schwarz und denke: „Schwarz ist eine gute, heilsame Farbe“. Das Rot vermischt sich in meinen Augen mit der schwarzen Sicht und fließt in meinen Mund. Ich spucke die braune Brühe in ihr Lachen.
Ihr Hass gefüllter Stiefel schlägt mir mit voller Wucht ins Gesicht und zertrümmert mein Lächeln.
Schwein, wie lange willst du noch durchhalten?“, höre ich sie brüllen.

Eine Hand berührt meinen Schmerz. Ich öffne meine Augen und sehe Sie herabschweben.
Ihre Stimme beugt sich über mich und flüstert: „Vergib ihnen. Bitte befreie dich!“
Wir sehen uns ein letztes Mal in die Augen, ich versuche zu lächeln, lasse los, breche zusammen und vergesse meiner.
Mein lebloser Körper zerfällt zu Staub und beginnt zu glühen. Seine schwellende Asche zündelt, entfacht das Nadir Feuer und schwebt zur Decke empor. Ein Flammenmeer breitete sich blitzschnell aus, wälzt sich über ihre Köpfe, dringt in ihre Leiber ein, frisst sich in ihre Seelen und vernichtet jedwede Erinnerung!

Der Prozess | Amadeo, Oktober 2009

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