journey of faith

„Atemblume QiGong und der Ursprung des Lichts”

Atemblume QiGong und der Ursprung des Lichts

Ich stehe am Ufer meines grün-bunten Grasmeeres und hoffe, dass der Regen ausbleibt.
Über meinem Haupt wirbelt der Mittagswind die zerzausten Wolkenlocken am Sonntagshimmel durcheinander und treibt ihre formlosen Gebilde mit dem Westwind über die flachen Berge nach Osten.
Vor mir liegt die nasse Juliwiese in ihren satten Farben. Filigran-weiß-bunte Farbtupfer schweben Sinn-los zwischen den grünen Grashalmen. Blau-violette Farbkleckse wiegen ihrer Schönheit Blüten auf den weichen Wellenkämmen.

Von Westen nähert sich ein schwarzer Schatten, fliegt eilenden Flügelschlags über die aufgewühlten Landschaft vor meinen müden Augen vorbei und verschwindet mit einem lauten Krächzen im Geäst der nahen Sträucher.
Der Rabenvogel flieht vor den nahenden Regenwolken, die auf dem Wind daher reiten und glücklicherweise in Sichtweite an meiner bevorstehenden QiGong Stunde vorbeiziehen werden.

Eigentlich wollte ich heute frühmorgens hier draußen auf der einsamen Wiese am Fuße des Grünen Heiner die frische Morgen-Qi Luft atmen üben, doch gestern Abend neigte sich die wohltuende Nacht nur widerwillig über die angeheiterte Gemütlichkeit der lauten Geburtstagsfeierenden Gartengesellschaft.

Es war, wieder mal, so ein Treffen, wo sich all die einfanden die vor langer Zeit gemeinsam aufwuchsen und in die Jahre reiften.
Erinnerungen saßen an unseren Tischen und stillten unseren unersättlichen Hunger mit jenen genüsslichen Gerichten, die uns über Jahrzehnte hinweg den Duft der alten Heimat vorgaukelten.
Ein Trinkspruch und einige Lieder zur Mitternachtsstunde am Lagerfeuer ehrten des Gastgebers halb runden Geburtstag, der auch schon mehr als ein halbes Jahrhundert zurücklag.
Ich dachte an die grauen Zeiten und ein Gedicht kam mir in den Sinn: „Nachtgedanken“.

An meiner Seite, am Feuer der Erinnerungen, saß zu jener späten Stunde auch mein alter Freund Li Bai. Gerne hätte ich gemeinsam mit ihm meinen Schmerz in seiner Weinkaraffe ertränkt, doch leider stand mir noch die Heimfahrt bevor und ich hatte schon den halben Nachmittag die Nostalgie in kleinen Mengen an Branntwein, Klaren und auch weniger klaren Einsichten, Schluckweise genossen.

* * *

Ich bin müde.
Ich stehe am Ufer meines grün-bunten Grasmeeres und hoffe, dass der Regen nicht vorbeizieht.
Ich hebe mein Gesicht und spüre die kleinen, weichen, hauch-feinen Regentropfen sachte meine Haut benetzen. Für einen Augenblick lässt der Wind die Wolken auf mein Haupt regnen, dann treibt er seine Himmelherde weiter nach Osten.

Ich nehme meinen Stand ein und fange an zu atmen. Das Qi ist heute außergewöhnlich mächtig. Ich nehme mir vor, diesmal die Augen wären der Übungen nicht zu schließen.
Mit dem Duft von Irish Coffee, den ich letzte Woche in einer kleinen Abschiedsrunde getrunken habe, tauchen auch jene Worte wieder auf, die von der Möglichkeit erzählten sich ohne Vorgaben einer bestimmten Übung, Bewegung in den Armen des Qi willenlos treiben zu lassen!

Also hebe ich meine Arme in Höhe des unteren Dantian schulterbreit vor meinen Körper, schließe meine Augen, strecke meine Hände, mit den Handflächen nach innen gerichtet nach vorne und sinke leicht, weich in die Knie. Ich wende die linke Handfläche nach außen und drehe mich, Schulter/ Becken langsam nach links bis meine Hände seitlich/hinten ankommen. Ich wende beide Handflächen, drehe mich zurück (nach vorne) und weiter nach rechts bis meine Hände rechts seitlich/hinten weilen, wende die Handflächen und wiederhole diese Bewegung drei Mal.
Ich streiche durch das Qi-Wasser und spüre seinen Widerstand. Behutsam öffne ich meine Hände und lasse Das Qi durch meine Finger gleiten. Es fühlt sich genau so an, als würde man durch Wasser streichen, gleiten. Ich stelle mir vor, ich stünde brusttief in einem See aus Qi und nehme mit jeder Bewegung, Drehung, meines Körpers seine Energie auf.
Vor der letzten rechts/hinten Drehung bleibt meine linke Hand vorne und nur die Rechte wandert ein letztes Mal nach hinten und kehrt mit meinem Körper in die Anfangsposition zurück.
Ich halte eine Sphäre an Energie zwischen meinen Händen.
Ich stehe eine Weile unbewegt, genieße und lege anschließend meine Hände auf den Dantian, spüre nach.

Nach einer halben Stunde beschließe ich mit der „Atemblume“ die QiGong Stunde zu beenden.
Drei Mal lasse ich den Samen keimen, sprießen, wachsen, aufblühen, aussähen und sterben.
Jedes Mal, wenn meine Arme mit den zusammengelegten Handflächen nach oben steigen/auftauche, spüre ich den leichten Widerstand der Luft, die mich im Zenit daran hindert meine Handflächen mühelos von einander zu lösen!
Zwischen den Handflächen lasse ich jedes Mal einen Blumenkranz wachsen, erblühen.
Abschließend streiche ich, ohne Berührung über Gesicht und Körper, lasse aus meinen Händen Qi auf mich hernieder rieseln, lege meine Hände auf den Dantian und stehe eine Weile unbewegt im Qi-Meer.

Ein störendes Geräusch holt mich auf die Wiese zurück. Der Fahrradständer hat sich in das weiche, nasse Erdreich gebohrt und legt mein Zweirad mit einem lauten Stöhnen auf die Seite.
Ich hebe es auf und gehe meiner Grasspuren folgend den Weg Richtung Feldweg zurück.
Erst jetzt wird mir bewusst, stelle ich mit Verwunderung fest, dass sich das Gras, dort wo ich letzten Sonntag QiGong übte, noch nicht aufgerichtet hat obwohl es die letzten Tage des öfteren geregnet hatte.
Ich bin also heute Morgen meiner eigenen Grasspur hierher gefolgt. Ich stehe auf meinem Feldweg und sehe noch einmal zurück, folge meiner frischen Spur im Ufersand der Zeit.
Ich wünschte mir, ich könnte bis zu jener Stelle, Krümmung unseres Weges zurückgehen, an der dein Licht

Atemblume QiGong | Amadeo, 19 Juli 2009 / MEIN Déjà-vu 2015

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