„Wiederkehr”
Wiederkehr
Letzten Dienstag, kurz vor 19 Uhr, packte ich meine Bücher und machte mich auf den Weg. Die Strecke, die ich zurücklegen wollte, war mir seit vielen Jahren bekannt. Sie war mir mehr als vertraut, denn er war und ist Teil meines Weges: Autobahn, Bundesstraße, Unterführung, Bahnhof, lange Hauptstraße, erste Brücke links Richtung Metter und an der großen Kreuzung links die steile Straße hinauf ins Ellental. Was ich an jenem Abend noch nicht wusste, doch jetzt Gewissheit ist; diese Fahrt war mein letzte Reise in das Reich der Mitte.
Der lange Weg wir länger und länger. Es ist dunkel. Die Lichter der Straßenlaternen und die Augen der Autos blenden mich. Ich überquere die Brücke der Erinnerung. Noch ein paar Atemzüge und ich bin angekommen.
Auch dieses Mal werde ich in den Spatzenäcker Weg einbiegen, mein kleines gelbes Auto hinter Reiners altem weißen Daimler parken, aussteigen und durch das Gartentor gehen, unser Anwesen betreten, unseren Hof, unser Haus und unser Heim (dass uns niemals gehörte). Die stöhnenden Gelenke des grünen, eisernen Gartentores werden auch dieses Mal quietschend meine Schritte durch den wunderschönen Garten Richtung Haus leiten. Reiners heller Metalltisch mit seinen zwei geschwungenen Gartenstühlen wird auch dieses Mal, bei Kerzenlicht, unter dem Apfelbaum auf den Leseabend meines Nachbarn warten.
Ich fahre die Hauptstraße entlang und sehe rechts vor der Kreuzung den weißen, niederen Lattenzaun auf der hohen Steinmauer, zwischen Gehweg und unserem Rosengarten, im Laternenlicht leuchten. Ich weiß nicht, ob dieses Weiß meine Farbe ist, jenes Weiß, das ich mit meinem Erstgeborenen Anfang der Neunzigerjahre gestrichen habe. Ich weiß nur, dass ich mich heute Abend verfahren habe und dass ich hier doch richtig bin.
Ich biege nach links in die schmale Straße ein und fahre diesen Weg weiter. An der ersten Kreuzung schaue ich nach rechts und sehe meinen Junior aus meiner Erinnerung heraus auf mich zukommen. Seine halb gesenkten, aufgeregten Augen schauen mich vorwurfsvoll an.
Es war einer jener Sommertage Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre, an denen wir uns wie so oft gemeinsam an einen langen Tisch setzten, aßen, tranken und in Erinnerungen schwelgten. Irgendwann fuhren wir Männer mit unseren Kindern zu einem kleinen Sportplatz am Rande der Stadt und kickten ein paar faule Bälle in den Nachmittagshimmel. Unsere Kinder spielten auf dem benachbarten Spielplatz. Nach einer Stunde stiegen wir in unsere Autos ein und kehrten zu unserer Frauen Kaffee und Kuchen zurück.
Selbst heute höre ich noch die schrille Frage in die fröhlich heitere Runde schmettern: „Wo ist Junior?“ Ich stieg ins Auto und fuhr den Weg zurück, den ich gekommen war. Etwa auf halbem Weg kam er mir verärgert entgegen. Ich hielt an, er stieg ein und sagte mit vorwurfsvoller Mine: „Papa wieso hast du mich vergessen!“
Ich fragte ihn verlegen: „Wo bist du gewesen, Junge, wo hast du dich versteckt?” Ich hätte es ahnen können, eigentlich wissen müssen, denn damals plätscherte eine kleine Wasserader auf dem Spielplatz, und wo Wasser ist, dort ist er auch heute noch zu finden!
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Jetzt, wo die Kleinen erwachsen worden sind und ab und zu bei uns einkehren, öffnen wir gelegentlich eine Flasche Grappa und genehmigen uns einen oder mehrere Schluck Nostalgie. Mit jedem geleerten Glas füllen sich ihre jungen Herzen mit Wehmut, denn jene Zeit, meinen sie, war die schönste Zeit ihrer Kindheit. Ihre Erinnerungen schwelgen an jenen Ort zurück, an dem sie ihre verspielte Fantasie austoben konnten. In einem riesigen Hof, mit einem wunderschönen Garten voller Obstbäume, einem alten Haselnussstrauch und einem farbenprächtigen Rosensteingarten.
Und jedes Mal, wenn wir über jene Zeit sprechen, sagt Junior mit gespielt-ernsthafter Mine und vorwurfsvoller Stimme: „Papa, erinnerst du dich noch an jenen Tag, an dem du mich vergessen hast?“
Und der Erstgeborene legt noch einen drauf und sagt: „Genau, und wie war das damals mit mir, Ende der 70er Jahre, an jenem stürmischen, kalten, dunklen Winterabend? Nur wir beide, allein, auf dem Heimweg ,und du, Papa, hast nicht sofort gemerkt, dass dein damals fünf Monate junger Sohn vom Schlitten in den Schnee gefallen war und einfach weiter gelaufen bist?“
Aber dies ist schon eine andere Geschichte. Diese liegt jenseits der östlichen Berge, verborgen unter der Schneedecke einer längst verflossenen Zeit.
Manchmal werden die unsichtbaren Wege der Erinnerung Zeitversetzt sichtbar.
Wiederkehr | Amadeo, 19 November 2009