„Lǐ Bái und meine Drei Worte”
Lí Bái und meine Drei Worte
Zwei Tage vor Heiligabend begegnete mir Lǐ Bái.
Ellen kam auf mich zu, wünschte mir ein Frohes Fest und überreichte mir wortlos ein Päckchen. Erstaunt nahm ich das Geschenk entgegen und fragte unsicher nach dem Grund ihres Schenkens. Ihre Antwort war mehr als nur ein vielsagendes Lächeln.
Ich löste die kunstvoll gebundene Schlaufe, öffnete das rot-weiß-silberne Geschenk-Papier und hielt ein schlichtes, kleines grün-blau-graues Büchlein in den Händen.
„Li-Tai-Pe, Nachdichtungen von Klabund”.
Ich öffnete das Buch, blätterte und las die ersten Zeilen aus dem letzten Gedicht:
„Ich male Lettern, von der Einsamkeit betreut.
Der Bambus wellt wie Meer. Aus Sträuchern fällt der Tau wie Perlenschnüre.
Ich werfe Verse auf die leuchtenden Papiere,
Als seien Pflaumenblüten in den Schnee gestreut.”
… und mir fielen die ersten Zeilen aus meine Trilogie ein:
„Manchmal lege ich den Bleistift aus der Hand, tauche der Einsamkeit Feder in meine Schwärze und schreibe Bilder in das leere Weiß der Blätter, zeichne Geschichten in die Zeit, träume Menschenträume in ihre Herzen.”
Ich war sprachlos. Da lebte vor langer, langer Zeit ein Kind Daos, das so ähnlich wie ich fühlte.
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Die chinesische Schrift ist ein Relikt aus längst verflossener Zeit. Trotzdem, oder gerade deswegen ist sie, entgegen der weit verbreiteten Meinung, leicht ( leichter ) zu lesen als man denken würde!
Ihre Zeichen ( Silben ) enthalten meistens mehrere Komponente, sogenannte Piktogramme, Ideogramme, Phonogramme, Radikale und Wort-Komponente, die im Vergleich zu einer Alphabet-Schrift, eine sichtbare, lesbare Botschaft enthalten und vermitteln. Diese Zeichen, Hàn Zì, sind eng mit jener Zeit verbunden, in der die Natur das Denken, Fühlen und die Sprache/ Schrift der Menschen auf der ganzen Welt prägte.
Das Zeichen ( auch ein Radikal ), 人 [ rén ], MENSCH, bildet mit einem Zusatzstrich das Wort, 大 [ da ], GROSS, und mit einem zweiten Strich das Wort, 天 [ tiān ], HIMMEL. Also, größer als ein MENSCH ist… GROSS, größer als GROSS ist… nur noch der HIMMEL, wobei das Wort GRÖSSTE / HÖCHSTE/ ÄUSSERSTE/ SEHR/ EXZESSIV, 太 [ tài ], nur aus dem Zeichen, 大 [ da ], GROSS und dem Radikal Tropfen/ Punkt丶[ zhu ] besteht!
Das Radikal, 人 [ rén ], MENSCH, ( links ) und das Radikal, 木 [ mù ], HOLZ/ BAUM, ( rechts ) bilden zusammen das Wort, 休 [ xiū ], AUSRUHEN. Also, ein Mensch lehnt an einem Baum und ruht sich aus…
Das Zeichen mit der Bedeutung, DENKEN/ MÖCHTEN/ WOLLEN/ VERMISSEN/ SICH SEHNEN, 想 [ xiǎng ], wird oben mit dem Zeichenpaar EINANDER [ xiāng ], bestehend aus dem Radikal HOLZ/ BAUM, 木 [ mù ], und dem Radikal Auge, 目 [ mù ], und unten mit dem Radikal HERZ, GEFÜHL, 心 [ xīn ] geschrieben. Also, jemand der hinter einem Baum steht und mit seinen Augen etwas betrachtet/ anschaut, das sein Herz begehrt, an das er denkt, sich danach sehnt und es gerne haben/ möchte…
Das schönste Zeichen/ Wort/ Bild ( wie könnte es auch anders sein ) wird folgendermaßen geschrieben:
Als Langzeichen, 愛 [ ài ], oben mit eine Hand/ Kralle, 爪 [ zhǎo ], darunter ein Dach/ Schutzdach/ Deckel, 冖 [ mián ], darunter das Zeichen, Herz/ Gefühl, 爱 [ xīn ], und unten die Zeichenkomponente, schlendern/ langsam gehen, 夂 [ zhǐ ]!
Als Kurzzeichen, 爱 [ ài ], oben eine Hand/ Kralle, 爪 [ zhǎo ], darunter ein Dach/ Schutzdach/ Deckel, 冖 [ mián ], und unten zwei Hände, eine „linke Hand” und eine „rechte Hand” die gemeinsam das Wort FREUND, 友 [ yǒu ], bilden!
Beide, das Langzeichen und das Kurzzeichen, werden „ài” ausgesprochen und bedeuten GERN/ LIEBE.
Jeder kann die Botschaft beider Zeichen ableiten, lesen, deuten und verstehen.
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In meine Kalligraphie aus dem Jahre 2009 kann man dieses Zeichen, 爱 [ ài ], sehen. Die drei Wörter/ Zeichen, 我爱妳 [ Wǒ ài nǐ ], werden von oben nach unten gelesen und bedeuten „Ich liebe dich”. Am unteren Rand befindet sich mein Siegel mit dem Traditionellen Chinesischen Zeichen 龍 [ lóng ] für Drache. Die zwei kleinen Zeichen, 水龙 [ Shuǐ lóng ], bedeuten Wasserdrache.
Ein Alphabet ermöglicht uns zwar jedes beliebige Wort niederzuschreiben, doch das dazugehörige Bild dürfen wir nach eigenem Belieben selber malen.
Lǐ Bái und meine Drei Worte | Amadeo, 2009 / Kalligraphie „我爱妳”[ wǒ ài nǐ ], 2009
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Während der Vernissage einer Ausstellung hatte ich folgenden Satz zu der mir bekannten Künstlerin gesagt: „Edda, dieses eine Bild gefällt mir besonders gut”. Sie fragte mich weshalb gerade jenes Bild. Ich antwortete: „Weil ich es einfach schön finde”. Darauf sagte sie lächelnd: „Heutzutage ist es schon fast eine Beleidigung wenn jemand ein Bild nur schön findet.”
Was sie natürlich nicht wusste, ich hatte zwar s|c|h|ö|n gesagt doch gemeint hatte ich… Es dauerte ein Glas Sekt und eine Zigarette lang bis sie ihr Bild mit meinen Augen sah!