„Der Paradiesvogel”
Der Paradiesvogel
Er lag schweigend auf dem Rücken, ausgestreckt im dichten grünen Gras des weichem Bettes, und betrachtete die weißen Wolkengebilde, die am aufgehenden Morgenhimmel vorbeizogen.
Zur seiner Rechten saß die Schöne Mĕilì und träumte mit geschlossenen Augen vor sich hin.
Nach einer Weile erhob sie ihr Gesicht in das Licht der wärmenden Sonnenstrahlen, öffnete ihre Augenlider und blickte gen Himmel.
Über ihr ergoss sich das Blau in all seinen Nuancen weit über den Horizont hinaus. Kleine weiße Wolkenfelder schwebten lautlos über ihrem Kopf, veränderten ständig ihre Form, verweilten manchmal, für einen kurzen Augenblick, in ihren eigenen Grenzen und zeichneten sichtbare Gebilde in des Himmels Blau.
Im Zenit, zwischen den vielen möglichen weißen Erscheinungsformen, sah sie ihn schweben, den prächtigen weißen, sagenumwobenen Paradiesvogel.
Sie drehte sich zu ihm, beugte sich über sein Antlitz, sah ihm in die Augen und sagte: „Ich wünschte, ich könnte so frei und losgelöst sein wie er. Ich wünschte ich könnte überall hin fliegen.”
Zhuāngzǐ sah sie an und schwieg. Sie hob ihren Kopf und blickte erneut zum Himmel empor.
Nach einer Weile hörte sie ihn mit leiser Stimme sagen:
„Die Freiheit des Paradiesvogels dort oben am Himmel, auf die du dich beziehst, ist auch sein Käfig. Des Käfigs Sinn aber meine Liebste ist der Tod. Der Paradiesvogel kann nur in uns Menschen überleben. Du kannst ihn zwar nicht in uns sehen, aber er kann nur in unseren Herzen leben. Sobald du ihn am Himmel sehen kannst, ist er von uns verraten worden und zum sterben verbannt in des Himmels Blau hochgeflogen. Willst du ihn in deinem Herz behalten, darfst du es niemals verschließen!”
Sie lauschte seinen Worten und sprach:
„Würde ich mein Herz geöffnet lassen würde er doch aus meiner Brust entfliehen.”
„Geliebtem, dem ist leider nicht so wie du glaubst”, sagte Zhuāngzǐ und fügte hinzu: „Solang du dein Herz nicht verschließt, wird er bei dir bleiben, eben weil er weiß, dass er jederzeit fortfliegen könnte. Diese Gewissheit reicht ihm. Nur so kann er dein treuer Begleiter sein und bleiben, der mit dir dorthin fliegt, wohin dich deine Träume zu tragen begehren. Schau ihn dir bitte noch einmal an, er wird sich bald auflösen und aus deinem Leben für immer entschwinden. Wenn du dir wünscht, dass er auch in dein Herz einkehrt, öffne es solange du noch kannst.”
Sie vernahm seinen Worten und tat was ihr geraten.
Des Paradiesvogels Erscheinungsbild verlor seine Form, löste sich auf und entschwand behutsam in den Strahlen der Morgensonne. Sie spürte wie sich ihre Brust mit jedem neuen Atemzug bebend hob und senkte und ihr Herz berührte bis die Gewissheit ihrer eigenen Liebe sie überwältigte.
Mit einem sanften Lächeln wandte sie sich ihm zu und wollte sich ihm mitteilen, aber der Platz neben ihr war leer. Leer, so leer als hätte er nie neben ihr gelegen, lag der Wiese Stille zu ihren Füßen. Nur die letzten sich aufrichtenden Grashalme verrieten seine Abwesenheit.
Der Paradiesvogel | Amadeo, 2009
~~~o~~~
Der Name Mĕilì bedeutet, die Schöne.
Zhuāngzǐ (um 365 v. Chr. – 290 v. Chr.) war ein chinesischer Philosoph und Dichter. Sein berühmtestes Werk, „Zhuāngzǐ”, trägt den Ehrenvollen Titel, „Nánhuājīng” ( Das wahre Buch vom südlichen Blütenland ), und ist, neben dem daoistischen Klassiker „Lièzǐ”, das auch unter dem Namen „Chōngxū Yhēnjīng” ( Das wahres Buch vom quellenden Urgrund ) des Lièzǐ bekannt ist, eines der schönsten daoistischen Sammlungen literarischer Texte, die ich je gelesen habe.