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„Labyrinth”
Labyrinth
Es heißt, Sie sei in einer gedankenlosen Glaskugel eingesperrt und warte auf etwas ganz Bestimmtes. Aber niemand weiß, worauf, denn selbst diejenigen die ihr begegnet sind, haben es nicht herausfinden können.Also, trete ich aus dem Labyrinth meiner Gedanken hervor, bündel meine Hoffnungen und mache mich ebenfalls auf den Weg, um die Wahrheit der Wahrheit herauszufinden. Meine himmlische Begleiterin wirft meinen Schatten in den hellen Tag, ihr jüngeres Geschwister erhellt meine Nacht. Beide werden mich zu ihr geleiten, denn dort, im Reich der Sterblichen, werde ich ihr bestimmt begegnen!
Die Ferne nähert sich Schritt für Schritt und langsam taucht ein seltsames Felsengebilde im Wüstensand auf.
Zehntausend Menschenkinder, angereist aus den vier Himmelsrichtungen, tummeln sich, wie Ameisen, zwischen den zahlreichen Felsbrocken die sie ( wie Sandkörner in Windeseile ) zu Würfelsteinen zurecht schleifen und auf einer Plattform mit quadratischer Grundfläche aufreihen. Oben im Zenit dieser Pyramide werden die vier Ecken zu einem imaginären goldenen Punkt zusammenlaufen und verschmelzen.Ich setze mich auf einen kleinen Felsbrocken unweit dieses Treibens und beobachte sie bei der Arbeit.
Die Zeit schlendert teilnahmslos an mir vorbei, bleibt vor der Grundstein Reihe der ersten Steinebene stehen und fragt neugierig den ersten Eckstein: „Was machst du da?“
Der Stein antwortet: „Ich stütze und trage die nächste Steinebene.“
Die Zeit fragt: „Warum?“
Der Stein antwortet: „Ich weiß es nicht, aber wenn du morgen wieder vorbeikommen, frage doch bitte den, den ich morgen tragen werde, vielleicht weiß er, warum oder weshalb!“Tag für Tag erscheint die Zeit, fragt und geht wieder. Keiner der Steine kann ihre Frage beantworten.
Am letzten Tag, als der letzte Stein gesetzt wird, taucht die Zeit wieder auf, schwebt zur Spitze empor und fragt die goldene Nadel: „Was machst du da oben?“
Der Pharao antwortet: „Ich throne auf meines Volkes Fleisch.“
Die Zeit fragt: „Wieso?“
Der Mensch-Gott antwortet: „Weil ich der Sinn ihres Daseins bin“.
Die Zeit fragt: „Wieso du?“
Der Gott-Mensch antwortet: „Weil ich ihnen die Wahrheit offenbart habe!“
Die Zeit fragt: „Welche Wahrheit meinst du?“
Aber der tote Mann kann nicht antworten.Die Zeit fragt die vier Steine unter dem Schlussstein: „Welche Wahrheit meint er?“
Sie antworten gemeinsam: „Unsere Wahrheit.“
Die Zeit lächelt und vergeht…Ich erhebe mich, trete näher. Auch ich möchte die Wahrheit, und den geheimnisvolle Sinn, des unteren, ersten, Ecksteins ergründen. Was ich sehe, lässt meine Frage verstummen.
Der Eckstein ist, wie alle anderen Steine, selbst eine kleine Pyramide!* * *
Eigentlich sollte mein Dreieck die Form der Pyramide generieren, die wiederum Vorlage für meine kritischen Betrachtung über jede diktatorischen Gesellschaftsstruktur werden sollte! Aber bei allem Respekt vor meiner Wut und meinem Zorn, die sich in meinen schreibenden Fingerspitzen aufgestaut haben, hänge ich schmunzelnd an dem kleinen Eckstein Bild fest und versuche, mein Gedanken Bild zu ergründen und zu verstehen!
Labyrinth | Amadeo, 2009
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„Das Wiegen des Herzens”
Das Wiegen des Herzens
Ich streifte sein weißes Gewand über, setzte seine weiße Krone auf, nahm Platz auf seinem Thron und schloss meine Augen. Hinter mir standen seine beiden Schwestern, Gemahlinnen, Isis und ihre Zwillingsschwester Nephthys. Vor mir trotzte die große goldene Waage mit der leeren Waagschale auf der einen Seite und Maat, der weißen „Feder der Wahrheit“, auf der Waagschale der anderen Seite. Thoth, Anubis, Horus und die gefräßige Ammyt standen erwartungsvoll neben der Waage. Aber sie warteten vergebens, denn ich war weder Osiris, noch Richter oder Vollstrecker. Ich saß da hörte schweigend zu.Das Herz der Macht drängte sich vor, und legte sich Machtbewusst auf die leere Schale, die weiße Feder der Wahrheit wurde Nichtmacht und stellte das Gleichgewicht wieder her.
Das Herz des Mannes legte sich Selbstbewusst auf die leere Schale, die weiße Feder der Wahrheit wurde Frau und stellte das Gleichgewicht wieder her.
Das Herz der Liebe legte sich behutsam auf die leere Schale, die Feder der Wahrheit wurde Hass.
Enttäuscht riss ich mein Herz aus meiner Brust und schleuderte es wütend Ammyt vor die Füße.Meine leere Brust füllte sich mit Trauer.
Liebe wurde Schale. Horus hob mein Herz auf und legte es vorsichtig in die Hände der Liebe.
Hass wurde Schale. Die weiße Feder tauchte erneut auf und ließ die Macht der irdischen Wahrheit in den göttlichen Himmel schweben.
Voller Entsetzen sah ich, wie sich die Waagschale meiner Herzens Seite tiefer und tiefer neigte.
Meine sündiges Leben überwog also mehr als alle meine guten Taten.
Im Angesicht dieser Tatsache war ich eindeutig schuldig!Die Stimme der Liebe bat mich mit ihren Augen zu sehen.
Ich öffnete zögernd meine Lider.
Auf der einen Seite sah ich die „Liebe“ auf der anderen Seite sah ich die „Wahrheit“ und endlich erkannte ich, dass nichts auf der Welt, weder das göttliche noch das irdische Prinzip der Wahrheit, stärke und mächtiger war als die Liebe selbst.~~~o~~~
Dies ist ein Abbild des berühmten „Papyrus des Hunefer“, ca. 1300 v. Chr. und zeigt „Das Wiegen des Herzens“ aus dem Ägyptischen Totenbuch. Sie war Teil jener Zeremonie, die Sterbliche auf ihrer letzten Reise ins Reich der Toten begleitete.
Rechts, in seinem Schrein sitzt Osiris, der Gott des Totenreichs ( mit der Atef Krone auf dem Kopf und den beiden Symbolen, Krummstab und Flagellum, in seinen Händen ), und hinter ihm stehen seine beiden Gemahlinnen Isis ( mit der Hieroglyphe Thronsitz auf dem Kopf ) und ihre Zwillingsschwester Nephthys ( mit den Hieroglyphen Herrin und Haus auf dem Kopf ).
Links, neben der Waage, steht der Gott Anubis ( dargestellt mit Schakalkopf ) und hält den toten Hunefer an der Hand. Anubis wiegt das Herz des Toten gegen die Feder der Wahrheit, Maat. Wenn Hunefers Herz mehr wiegt als die Feder der Wahrheit, würde die dämonische Totenfresserin Ammyt ( dargestellt mit Krokodilkopf ), das Herz des Toten fressen. Der Gott Thot ( dargestellt mit Ibiskopf ) notiert das Ergebnis dieser Prüfung, in der das Herz des Verstorbenen, stellvertretend für Hunefers Charakter und Lebensweise, auf der linken Waagschale, gegen die Feder der Maat, die kosmische Weltordnung, auf der rechten Waagschale aufgewogen wird.Als ich diese Bild zum ersten Mal sah, war ich nicht nur von der Schönheit der Formen, der Farben und der Harmonie/ Gestaltung beeindruckt, sondern auch von der Geschichte, die sich darin verbirgt.
Die Pforte zum Reich der Mythologie, hieß „Kadmos, kurze Geschichte der Schrift“, und war das erste Buch, das ich vor mehr als vier Jahrzehnten aus dem Staub der Geschichte auflas.
Die Ironie meiner Geschichte ist, dass ich zwar die Entstehung und Geschichte der Schrift ergründet habe, doch nie wirklich gelernt habe, sie fehlerlos anzuwenden.Das Wiegen des Herzens | Amadeo, 2009
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„Die Pforte”
Die Pforte
Mir wird einiges zugetraut und auch manches nachgesagt.
So wurde mir einst zugetragen, das jemand hinter meinem Rücken und seiner vorgehaltenen Hand das Gerücht verbreitet hätte, ich sei Zeit meines Lebens kein unbeschriebenes Blatt und auch keine Kirchentür gewesen, was natürlich und offen sichtlich nicht der allgemeinen Unwahrheit entsprechen kann, denn wenn man ganz genau hinsieht, kann man auch heute noch die fast unsichtbaren Narben der Anklageeisen sehen, die in meine Seelenpforte eingeschlagenen wurden.Ich weiß zwar nicht, was genau derjenige gemeint haben könnte, was ich jedoch weiß, ist, dass wir alle Sünder sind, selbst jene die es leugnen, denn jedes Geschöpf wurde schon mal wegen irgendeines Vergehens vorgeführt, beschuldigt, angeprangert, verurteilt, und manch einer sogar gesteinigt.
Dabei bin ich weder ein Jemand, der sich im Rampenlicht suhlt, noch ein Niemand, der sich im Schatten seiner selbst verstecken muss. Die Pforte zur Welt meiner Gedanken steht für jeden sichtbar offen. Allerdings muss man beachten, dass der Durchschreitende nur eine der zehntausend möglichen Welten betreten kann, eine die lesend, scheinbar nur für ihn erschaffen wurde.Der Drachenzyklus ist eine dieser unendlich vielen Märchenwelten. Die Metapher des Drachens scheint keinem erkennbar anderen Zweck zu dienen als dem eines Fabelwesens, das auf der Suche nach dem Sinn einer Frage, durch eine imaginäre Zeit in der Zeit, zurück zum Ursprung einer Antwort reisen könnte.
Obwohl Drachenwesen für eine unsichtbare Welt erschaffen wurden, ist ihre Nähe, Anwesenheit, manchmal spürbar. Diejenigen, die sich ihm unbewusst nähern, sich öffnen, werden ihm begegnen. Der Drache ist kein Wegelagerer. Es ist eher so als würde Zufallszeit die Zufallsschritte derer lenken, die an sein Ufer treiben.„Schreitet jemand durch sein Wolkenmeer und öffnet dabei seine Hände, lässt Wind durch seine geöffneten Finger gleiten, der kann ihn spüren.”
„Schreitet jemand durch sein Grasmeer und öffnet dabei seine Hände, lässt Halme durch seine geöffneten Finger streichen, der kann ihn spüren.”
„Schreitet jemand durch sein Wassermeer und öffnet dabei seine Hände, lässt Tropfen durch seine geöffneten Finger fließen, der kann ihn spüren; den Drachen”„Schreitet jemand durch sein Wolkenmeer und öffnet dabei sein Herz, lässt ihn durch seine geöffneten Finger gleiten, der kann sie spüren.”
„Schreitet jemand durch sein Grasmeer und öffnet dabei sein Herz, lässt ihn durch seine geöffneten Finger streichen, der kann sie spüren.”
„Schreitet jemand durch sein Wassermeer und öffnet dabei sein Herz, lässt ihn durch seine geöffneten Finger fließen, der kann sie spüren; die Qi-Liebe.”Manchmal lösen die Schritte der anderen größere Wellen aus, die sein Wasser sachte zurückschwingen lassen. Dies kann Sprache/ Wort, Geste/ Bewegung und auch mehr sein.
Aber manchmal lösen ihre Schritte eine riesige Flutwelle aus, die sein Wasser über die Ufer treten lassen. Wenn eine gewachsene Struktur eine gewünschte Veränderung behindert und damit die innere Harmonie zerstört und Disharmonie hervorruft, wirkt er sachte dagegen. Er öffnet zwar den Kreis zieht sich dann aber zurück, weil er nicht vollendet! Dies überlässt er dem Dao. Die vollendete Kreisform schließt sich von selbst!Die Menschenkinder werden ihn dafür nicht lieben, denn der Liebe Ernte ist der Hass. Er weiß das, deshalb erwartet er weder Zustimmung, noch Anerkennung, noch Lob, noch irgend ein Zeichen, Wort, Geste, Zugeständnis oder Entgegenkommen. So unerwartet wie er auftaucht, wird er irgendwann wieder verschwinden und nur wenige werden Es verstehen!
Die Pforte | Amadeo, 2009
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„Wolfsaugen”
Wolfsaugen
Heute liegt ein wunderschöner Tag vor mir.
So gerne würde ich mich ebenfalls hinlegen, ausstrecken, räkeln und vor mich hin und auch her dösen, einfach nur scheinen und genießen.
Doch heute ist irgendwie alles anders als sonst.Ich lege die Zeitung, in der ich gerade eben noch gelesen habe, auf die kalte Bank neben mein Käsebrötchen.
Ich weiß nicht, was heute mit mir los ist. Es fällt mir schwer, das Gängige zu begreifen, meine üblichen Handgriffe zu koordinieren und selbst die einfachsten Gedankengänge und Sätze zu verstehen, ganz zu schweigen jene der mir fremden Menschen.Sie sagten mir, man hätte mich in diesem Park gefunden. Ich habe nicht verstanden, was sie damit meinten. Wie kann ein Mensch verloren gehen. Sie sagten, dass ich wahrscheinlich, ja sogar Sicher, das Opfer meiner eigenen Fahrlässigkeit sei und dass ich die volle Verantwortung dafür tragen müsse, weil ich selbst der Auslöser für den Raubüberfall sei. Ich weiß es nicht. Ich höre meine eigenen Gedanken, aber ich verstehe meiner und sie nicht!
Ich komme jeden Tag in diesen Park, setze mich auf eine der vielen leeren Bänke, lese jeden Morgen die gleichen neuesten, guten und auch weniger traurigen, aber dennoch uninteressanten Nachrichten, sehe und betrachte jeden Morgen die vielen bunten und auch weniger lustigen Bilder.
Jeden Morgen esse ich mein braves Brötchen, mal mit Käse, mal mit Fleisch gespickt und auch mit Gemüse belegt, frisch zubereitet vom freundlichen Mann nebenan. Und ich trinke jeden Morgen sein köstliches, braunes, übermäßig süßes Getränk.
Ich bilde mich weiter und nähre mich fort.Würde ich mich jetzt auch noch jeden Morgen immer wieder an mich selbst erinnern, wäre ich der glücklichste Mensch auf Erden. Denn jeden Morgen stelle ich mir die gleiche Frage: „Wer bin ich?“, und jeden Morgen erbreche ich die gleiche enttäuschende Antwort aus…
Ich weiß es nicht und ich höre mich sprechen, doch ich verstehe meiner nicht!Die Zeitung von heute Morgen ist genauso dick wie die gestern und das Käsebrötchen schmeckt genauso schlecht wie das Gestrige, aber heute ist da noch etwas anderes, etwas, dass gestern nicht da war. Ein schleichendes Geräusch, das sich allmählich in mein Bewusstsein einschleicht.
Nervig monoton und trotzdem irgendwie melodisch. Es ist wie ein Rauschen, dass langsam an- und gleichzeitig abnimmt, für einen Moment lang verstummt und dennoch nachhallt. Ein Auf und Ab, wie das Rauschen einer fernen Brandung, die der Wind über die wunderbar grüne Wiese herüber weht.Und es kommt näher und näher.
Ich drehe mich nach rechts, nichts, wende meinen Kopf nach links, schaue zum Himmel empor, nichts. Nur ein Mensch, dessen wage Silhouette von Sträuchern und Bäumen verdeckt ( für mich fast unsichtbar ), im Gegenlicht der morgendlichen Sonnenstrahlen durchscheint, bewegt sich langsam auf mich zu.
Seine wiegenden Bewegungen scheinen sich dem unerklärlichen Rauschen anzugleichen, als würde er Schritt für Schritt auf dieses rhythmische Geräusch hin, tänzelnd vorwärts schreiten. Nach einer Weile kann ich ihn deutlicher sehen und stelle mit Enttäuschung fest, dass er bloß ein einfacher Straßenkehrer ist, der seiner Arbeit nach geht. Eines dieser Geschöpfe, die in ihrem Leben nichts erreicht haben.
Und er kommt näher und näher.
Mit jeder seiner ausladenden Handbewegung beschreitet er einen kleinen Abschnitt seines Weges und hinterlässt einen sauberen Eindruck. Bis auf die wenigen Blätter und Blüten, die wie durch ein Wunder von seinem Besen unberührt liegen bleiben.
Auch wenn er offenbar so aussieht, als ob er weder Reichtum noch Besitz sein Eigen nennt, scheint er seine Arbeit im Einklang mit sich selbst und seiner Welt zu verrichten und wirkt zufrieden und vielleicht sogar glücklich. Denn anders kann ich mir sein leidenschaftliches Verhalten und seine ausgeglichene Erscheinung beim besten Willen nicht erklären.Seine Bewegungen sind zwar geschmeidig jedoch von einer zurückhaltenden, stoischen Eleganz. Er schwingt den Besen im Rhythmus seiner eigenen Musik, wie ein Dirigent, der gleichzeitig sein Orchester spielt. Sein altes, langes, weißes Haar liegt auf seinen gebeugten Schultern und schwingt, tänzelnd mit jeder sanften Bewegung seine Körpers Echo versetzt mit.
Seine alten grauen Kleider sehen verschlissen aus, sind aber sauber und viel zu weiß für jemanden wie ihn. Seine alten Schuhe tragen ihn mit der Leichtigkeit einer unberührbaren Wolke den Kiesweg entlang. Er scheint zu schweben und berührt die Erde nur mit seines Besens Fingerspitzen.
Und er kommt näher und näher, steht vor mit und schweigt.
In diesem Moment hält meine Erinnerung inne, verharrt einen Augenblick, fließt zurück und reflektiert mich in die Zeit, die vor mir liegt.Ich sehe ihn an, höre mich denken: „Was will der Penner von mir?“, und ich sage: „Was?“
Er spricht und fragt: „Herr, lesen sie diese Zeitung noch?“, und zeigt mit dem Finger auf meine Zeitung.
Ich sehe ihn entgeistert an, höre mich denken: „Was will der mit meiner Zeitung, womöglich kann er meine Sprache lesen?“, und höre mich fragen: „Wieso?“
Er antwortet und sagt: „Herr, wenn sie dieses Blatt nicht mehr benötigen, würde ich es gerne mitnehmen.“
Ich höre mich denken: „Du willst meine Zeitung, willst du vielleicht auch noch mein Essen?“, und höre mich sagen: „Du kannst sie haben.“
Er bückt sich, hebt die Zeitung auf und legt sie in seinen fahrbaren Müllsack.
Ich höre mich denken: „Hoffentlich haut der bald ab, sonst sieht mich jemand noch mit ihm reden.“
Er steht vor mir und schweigt.
Ich sehe ihn vorwurfsvoll an und höre mich fragen: „Was? Ist noch was?“
Er antwortete und sagt: „Herr, essen sie noch von dem da?“, und zeigt auf mein halb verzehrtes Brötchen.Ich hörte mich denken: „So eine dreiste Unverschämtheit habe ich schon lange nicht mehr erlebt. Jetzt will der mir tatsächlich auch noch mein eigenes Essen weg fressen. Der hat gestern Abend bestimmt sein letztes Geld versoffen und liebäugelt jetzt mit meinem Käsebrötchen“, und hörte mich sagen, „Wer hart arbeitet, der hat auch genügend Geld und muss nicht betteln und auch nicht Hunger leiden. Aber ich will nicht so sein, komm hol dir den Happen.“
Er nimmt das Brötchen nicht sondern fragt: „Sie schenken mir das da?“, zeigt auf meine Essen und fügt hinzu, „Das schnelle Brötchen gehört also mir?“
„Ja, nimm es“ , höre ich mich laut antworten, und leise denken: „und hau endlich ab.“Er packt mein Essen und legt es in den Müllsack auf meine Zeitung. Ich bin empört, lasse meinem Ärger freien Atem und höre mich laut schreien: „Was soll das, erst bettelst du und dann wirfst du das von anderen Menschen schwer erarbeitete und dir gespendete Essen einfach so in den Müll?“
Er antwortet und sagt: „Herr, sie haben mir diesen Brocken geschenkt, wieso ärgert sie mein Vorgehen? Letztendlich ist es doch irrelevant was mit ihrem Geschenk geschieht! Ich nehme an, dass sie vermutlich ihr Essen mit einem vermeintlich Notleidenden Geschöpf wie mir geteilt haben, eines, dass scheinbar auf ihr wohlwollendes, großzügiges Schenken angewiesen zu sein scheint, und nicht ihres eigenes Notleidenden Gewissen wegen. Ich brauche ihre sogenannte Zeitung genau so wenig wie ihr sogenanntes Essen, denn ich alleine entscheide was ich lesen möchte, und was ich zu essen wünsche, genau so wie sie und jedes andere hungernde Geschöpf die Freiheit der Auswahl hat.“Er spricht zu mir und ich höre widerwillig zu.
Irgendwann stehe ich auf und möchte diesen Ort so schnell wie möglichst verlassen. Ich kann und will seinen Worten nicht länger zuhören. Sie stören mich, weil sie nicht nur schmerzhaft ehrlich und offen, sondern gleichzeitig ergreifend, einnehmend, erschreckend und deutlich nachvollziehbar und darüber hinaus schmerzhaft anzuhören sind.Ich schaue ihn noch ein Mal an, blicke in seine Augen, wende mich entsetzt von ihm ab und entferne mich mit hastigen Schritten. Hinter mir rauscht der Wind über die menschenleere Wiese. Der monotone Gesang seiner Stimme begleitet das erregte Wellenspiel meiner aufgewühlten Gedanken.
Mit jedem Atemzug, der mich Schritt für Schritt von ihm wegführt, wünschte ich mir, ich besäße den Mut und die Kraft, stehen zu bleiben, mich ihm zuzuwenden und ihm in seine Augen zu sehen. Denn tief in meinem Inneren, in meinem Herzen, wünschte ich, ich wäre wie er, ich wünschte, ich wäre er.Ich werde morgen wieder hier sein, aber morgen werde ich bleiben und zuhören.
Und ich weiß, er wird da sein, und auf mich warten.
Er, das seltsamen Wesen mit den unheimlichen Wolfsaugen.Wolfsaugen | Amadeo, 2009
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„Der Prozess”
Der Prozess
Noch ein letztes Glas im Stehen.
Die folgende Geschichte beschreibt den Prozess eines Vorgangs, der den Ablauf eines Ereignisses, seine Entwicklung, seinen Verlauf und seinen Fortgang inszeniert. Klingt albern, aber ich lasse diesen Satz hier so stehen.Ich öffne meine Augen.
Vor mir wartet die mächtige, wenig einladende Tür. Ich öffne sie und trete ein. Vor mir breitet sich die große, leere Halle aus. Ich schreite zur Mitte ihrer Gedankenwelt. Vor mir erhebt sich das Richterpodium mit Sessel und Tisch, links von mir befinden sich die Stühle der Verteidiger, rechts neben mir die Sitzbänke der Ankläger. Unter der rechten Fensterseite reihen sich Stuhl für Stuhl zwölf leere Sichtweisen aneinander. Hinter mir baut sich die niedere Trennwand auf, dahinter befinden sich die leeren Logen der Sterblichen. Es herrscht Stille im Saal.Ich lasse eintreten.
Zwölf vereidigte Meinungen folgen meiner Aufforderung und nehmen ihre voreingenommenen Plätze ein. Zwölf Ankläger sind aus allen Zeit- Geist- Weltlichen sowie Welt- Macht- Geistlichen Himmelsrichtungen angereist. Meine Verteidiger sitzen zu meiner Rechten, meine Ankläger nehmen hinter mir Platz.
Der Richterstuhl bleibt unbesetzt.
Der Gerichtsdiener verteilt Brot und Salz an meine Gäste. Im Vorbeigehen pflückt er die Früchte aus den Gärten ihrer Erkenntnisse und verkündet laut und deutlich das Urteil: „ Schuldig!“
Die Anklage steht!
Ich lasse sprechen.
Die einen lügen voller Verständnis, sprechen von meinen nicht erfolgten Verfehlungen. Ein Wort nach dem anderen rieselt hernieder, fächert mir entgegen und schmeichelt meinem Unverständnis.
Die anderen vergehen sich sprachgewandt an meinen nicht begangenen Taten. Ein Wort nach dem anderen prasselt auf mich hernieder, brüllt mir entgegen und schneidet klägliche Sätze in mein Gesicht.Ich hebe meine Hand und verlange um das Wort.
Sie schauen mich fassungslos an. Ihre Blicke wandern an mir vorbei zu den unteren Rängen hinter mir. Ich drehe meinen Kopf, folge ihren Augen in ein Gemäldes von Pieter Brueghel und Hieronymus Bosch, und sehe den Richter im Getümmel allzu menschlichen Neugierde stehen und schüchtern nicken.
Seine Handbewegung fordert mich auf, zu sprechen. Ich tauche langsam, aber sicher, Wort für Satz tief und tiefer in ihre selbstbewusste Befangenheit ein, beginne zu reden, spreche zu ihnen und sage:
„Ich werde meine Kleider verbrennen und meine Haare abschneiden.“
„Ich werde meine Haare vergraben und meine Gedanken reinigen.“
„Ich werde meine Gedanken vergessen und meine Seele verkaufen.“Grölendes Gelächter erfüllt den Saal und hallt von der Decke und Wänden wieder. Es dauert ein paar Zwischenrufe lang, bis sich die Gemüter der Anwesenden wieder beruhigen. Ich suche bewusst die Augen derjenigen, die nicht gelacht haben. Ein schweigende Handvoll von ihnen ist, über die Menge verteilt, anwesend!
* * *
Ich trete vor ihre Wand und lasse mich aufnehmen. Von vorne und von den Seiten.
Der Zeichner zeichnet Ansicht für Ansicht. Der Fotograf fotografiert Bild für Bild.
Die Experten, erschaffen aus der Ansicht ein Bild. Zeichnen, ergänzen, füllen aus, verbinden, verknüpfen, fragen, suchen, finden, wann, wo, warum, wieso, weswegen, weshalb (so und nicht anders) und erstellen ein plausibles, verständliches Profil. Ich setze mich auf ihren Stuhl und lasse mich begutachten. Von außen und von innen. Das Unsichtbare durchleuchtet, erfasst, vergleicht, und ihre Suchmaschine assistiert, speichert und überwacht.
Die Spezialisten, erstellen aus dem Profil einen Opfer. Zeichnen, ergänzen, füllen aus, verbinden, verknüpfen, fragen, suchen, finden, wann, wo, warum, wieso, weswegen, weshalb (so und nicht anders) und erstellen, kreieren einen plausiblen, nachvollziehbare Täter. Ich lege mich auf ihre Liege und schließe ihre Augen. Sie erzählen und plaudern, sprechen und reden von meiner Kindheit, meiner Jugend Alter und meinen Träumen.
Die Wissenden, erschaffen aus dem Täter ein Faktum. Zeichnen, ergänzen, füllen aus, verbinden, verknüpfen, fragen, suchen, finden, wann, wo, warum, wieso, weswegen, weshalb (so und nicht anders) und erstellen, kreieren ein plausibles, nachvollziehbares Produkt, eine Ausgeburt ihrer Daseinsberechtigung!* * *
Sie streifen freiwillig ihr weißes Gewand über ihre Zwangsvorstellungen und sperren mich in ihr leeres, keimfreies, schwarzes Zimmer. Sie schalten das Licht ein, schlagen einen Spiegel in meine weiße Wand und nehmen auf ihrer Spiegelseite Platz. Sie stellen einen leeren weißen Tisch und zwei Stühle in meine Mitte.
Ein Mann tritt ein. Wir setzen uns an den runden Tisch und schauen uns gegenseitig an. Nach einer Weile legt der Mann Weiß und Schwarz auf den Tisch und sagt: „Dies ist ein weißes Papier. Sie sehen Schwarz auf Weiß. Deuten Sie den Inhalt der Form anhand der Umrisse und sagen Sie mir bitte was Sie sehen, was Sie dabei denken und empfinden.“
Ich schaue ihn an und sage: „Ich sehe einen Menschen, der meint zu wissen was andere denken, aber nicht wissen kann, was andere sehen. Jede meiner Antworten, auch diese und sogar meine Nicht-Antwort, wäre reine Zuordnung, also eine reine Bestätigung seiner voreingenommenen Vermutung. Aber meine Form-Illusion entspricht nicht seiner Inhalt-Illusion.“
Er entfernt das Weiße, legt die Farbe auf den Tisch und sagt: „Dies sind drei Grundfarben. Ordnen Sie jeder Farbe eine entsprechende Form aus den drei Grundformen zu.“
Ich lege das Rot in ihr Quadrat, das Gelb in ihr Dreieck und das Blau in ihren Kreis und sage: „Wir ordnen zwar Farben und Formen unserem Verständnis leeren Weltbild zu, aber meine Inhalt-Illusion entspricht nicht eurer Form-Illusion.“
Der Mann steht auf verlässt meinen Raum.Eine Frau tritt ein. Sie setzt sich vor mein Angesicht, legt einen Apfel auf den Tisch und sagt: „Das ist ein roter Apfel. Bitte begutachten Sie diese Frucht und vergewissern sich, dass sie einzigartig ist.“
Ich sehe sie an und sage: „Diese Zucht mag die Größe, Form und auch Farbe eines perfekten Apfels haben, aber leider ist sie genauso wenig Apfel wie Sie eine Hyazinthe sind. Ihm fehlt weder eure Kopfnote, noch die Herznote oder die Basisnote, ihm fehlt das Aroma. Offensichtlich veredeln Sie ihrer Schönheit mit dem Duft einer Blume, aber die wahre Frucht wird vollendet geboren.“
Die Frau steht auf und verlässt meinen Raum.Oben im Zenit lächelt meine Sonne.
Mein KREIS ( Lichtscheibe ) lässt mein QUADRAT ( Raum ) hell erstrahlen. Auf meinem Tisch liegt mein Apfel, gesättigt in meinem Licht und schluckt genüsslich seine bunten Strahlen. Nur das Rot mag er nicht und reflektiert ihre Welle in mein Bewusstsein. Mein DREIECK, denke ich. Von der Basis zur Spitze und auch vom Besonderen zurück zum Allgemeinen…* * *
Die Kongregation war fast vollständig angereist. Die nichthandelnden Mitglieder blieben dieser Inszenierung fern, nur die Schattenmänner der illustren Glaubensvertreter, Werkzeuge einer nicht existenten Congregatio Inquisitionis, zeigten sich erwartungsvoll im Lichtschein ihrer Macht.
Ich trete vor ihre irdischen Vertreter, spreche in ihre schreibende Feder und sage:
„Als die ersten Menschenkinder, Ahnen ihrer Kinder selbst noch Kinder waren, träumten sie ihre Ängste, Fragen und Antworten aus einer für sie Gottlosen Welt in einen Himmel voller Götter. Sie zeugten sich selbst im Namen eines höheren Wesens.
Aber damals wie heute sprachen die Menschen nicht eine, nicht zwei oder drei, sondern zehntausend verschiedene Sprachen, und so kam es, dass ihre Himmel irgendwann voller Götter waren. Sie gebaren für jede Frage einen Gott und für jede Antwort einen Glauben. Sie glaubten an den wiederkehrenden Morgen und seinen Tag, und sie glaubten jeden Abend und jede Nacht an die wiederkehrende Sonne. Aber ihr Glaube war Hoffnung. Sie hofften, dass das Licht der lebenspendenden Sonnen-Scheibe jeden Morgen, wieder und wieder, geboren werden würde.Irgendwann stellten die jungen Weisen mit Bestürzung fest, dass sich die Scheibe drehte und eigentlich eine Sphäre war. Sie erhoben sich aus der flachen Ebene des Denkens in eine Raum volle Welt und rüttelten an den alten Glaubensvorstellungen.
Die alten Weisen waren entsetzt. Hasserfüllt verbrannten ihre Schattenmänner die neuen Gedanken, Bücher und auch derer Leiber auf dem Scheiterhaufen der Sturheit. Ihr rechthaberisches Denken war klar und deutlich vorgegeben. Sie lebten in ihrer eigenen, religiös kanonisierten Welt, mit und nach ihren Vorschriften.
Doch diese Vorschriften wurden nach den gelebten Vorbildern niedergeschrieben und waren somit keine Zeitzeugen Aussagen sondern lediglich Legenden.”Empörte Zwischenrufe verschlingen das Echo meiner letzten Worte. Ich fahre fort und sage:
„Also wahre Märchen-Geschichten von wahren Märchen-Wesen, in Schrift, Zeichen und Wort nieder gemeißelt. Und so kam es dass die Märchen-Wahrheit in den Gemächern der Machtvollen tausende von Jahren missbraucht wurde. Denn alle hatte sie sich zu Eigen gemacht, sie umarmt und als die einzige wahre Wahrheit verkündet.
Denn diejenigen, die ihr Vorbild lebten waren längst tot oder hingerichtet worden.
Aber diejenigen, die ihr Vorbild lebten wären sowieso vor Scham längst gestorben.
Denn diejenigen, die ihr Vorbild lebten, starben für eine andere Welt.
Eine Machtlose Welt!
Aber genau diese Macht, machte sich ihr Leid zu Nutze und verkaufte ihren Tod nach ihrem Leben!
Könnten sie, so würden sie auferstehen und ihren Weg noch einmal gehen. Denn genau das, was sie vorlebten und lehrten wurde allzu oft missverstanden oder missbraucht.
Sie lebten und lehrten Liebe, doch ihre Liebe missbrauchte der Hass. Im Namen ihres Glauben wurde geplündert und gemordet, zerstört und vernichtet, wurden die grässlichsten Schlachten geschlagen und grauenvollsten Kriege gekämpft.
* * *
Ich könnte eure Gewänder anlegen, eure Insignien aufsetzen, eure Metaphern tragen, eure Schwerter schwingen, eure Ketten beten und eure Gebete aussprechen. Würde ich dies tun, so müsste ich euch allen gleichzeitig begegnen; müsste ich, ich, und auch gleichzeitig ihr sein; mich, und auch gleichzeitig euch ertragen; mich, und auch gleichzeitig euch lieben und bekämpfen; denn ich müsste meinen und auch gleichzeitig euren Glaubenskreuzzug schlagen; meinen und auch eure Glaubenskriege führen und eure Siegesorgien feiern.
Ich könnte auf eure kleinen, weichen, Brücken niederknien oder vor euren Mauern aufrichten und eure Gebete aufsagen. Ich würde mich vorbeugen und zurückfallen lassen, immer und immer wieder; bis mein sündiges Blut, erlöst, aus meiner Stirne Quelle sprudelt. Mein Glaube würde euer Haus entweihen und eure Steine würden mein Blut weinen.“
* * *
Das Blut ihrer Tränen rinnt von meiner Stirne Brauen in meine Augen und verklärt meinen Blick.
Ich sehe rot und denke: „Rot ist eine schmerzvolle, schlechte Farbe.“ Ich schließe meine Augen, sehe schwarz und denke: „Schwarz ist eine gute, heilsame Farbe“. Das Rot vermischt sich in meinen Augen mit der schwarzen Sicht und fließt in meinen Mund. Ich spucke die braune Brühe in ihr Lachen.
Ihr Hass gefüllter Stiefel schlägt mir mit voller Wucht ins Gesicht und zertrümmert mein Lächeln.
„Schwein, wie lange willst du noch durchhalten?“, höre ich sie brüllen.Eine Hand berührt meinen Schmerz. Ich öffne meine Augen und sehe Sie herabschweben.
Ihre Stimme beugt sich über mich und flüstert: „Vergib ihnen. Bitte befreie dich!“
Wir sehen uns ein letztes Mal in die Augen, ich versuche zu lächeln, lasse los, breche zusammen und vergesse meiner.
Mein lebloser Körper zerfällt zu Staub und beginnt zu glühen. Seine schwellende Asche zündelt, entfacht das Nadir Feuer und schwebt zur Decke empor. Ein Flammenmeer breitete sich blitzschnell aus, wälzt sich über ihre Köpfe, dringt in ihre Leiber ein, frisst sich in ihre Seelen und vernichtet jedwede Erinnerung!Der Prozess | Amadeo, Oktober 2009
