„Phantasiegebilde in Pastellfarben”
Heute steige ich zum letzten Mal vom Kutschbock und kehre zurück in die Schankstube des Hotels „Zum Römischen Kaiser”, an jenen Tisch, an dem ich einst saß und die in zarten Pastellfarben gehaltene Fiktion „Rendez-vous im Redoutensaal” zu Papier brachte.
Das Thema, die Handlung meiner kleinen Geschichte, findet kein Gegenstück in der Wirklichkeit. „Rendez-vous im Redoutensaal” ist eine Erzählung aus der Welt der Fiktion, eine Eingebung, geboren aus den Tiefen meiner Fantasie; eine imaginäre Reise in ein Märchenreich, bestreut mit wundersamen Begebenheiten und erfüllt von Worten, die dem zum Schweigen verdammten Künstler ins Ohr geflüstert wurden – so wie einst dem stummen, zungenlosen Soldaten im Palast der Scheherazade.
Das alte Hotel Zum Römischen Kaiser ~ Hermannstadt / 19. Jh.
( digital bearbeitete, vielfarbige Variante in Pastelltönen )
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Rendez-vous im Redoutensaal
Fünf pseudoliterarische Skizzen
Die Farba des Schweigens | Die Rückkehr der Amsel | Der Wolkenvertreiber | Die Zigeunerin Eviana | Die transluzente Kathedrale
Für Eviana aus den Unsterblichen Geschichten
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Die Farba des Schweigens | Gedankenspiel (anstelle eines Prologs)
„So wie sich die Farba im Wasser langsam ausbreitet und darin versinkt, sanft und doch anmutig, hast du mein Herz mit deinen Farben erfüllt, und nun werde ich niemals mehr mein farbloses Selbst sein können.” | Amadeo
Vor einigen Jahren stieß ich in einem Album mit alten Illustrationen auf eine monochrome Reproduktion – genauer gesagt auf einen quadratischen Ausschnitt aus einem mir unbekannten Gemälde. Darauf war das alte Hotel „Zum Römischen Kaiser” in Hermannstadt ( rumänisch, Sibiu ) zu sehen.
Die farblose Darstellung jenes Gebäudes, in dem sich bis zu seinem Abriss am 2. Juli 1891 das alte Hotel „Zum Römischen Kaiser” befand, faszinierte mich vom ersten Augenblick an. Gerade das Fehlen der Farben verleiht dem Bild eine eigentümliche, beinahe geheimnisvolle Atmosphäre – als wäre es ein altes, aus einem längst vergessenen Stummfilm herausgelöstes Filmbild. Und doch muss das Original in leuchtenden Farben erstrahlt haben, ganz im Geist jener Malerei, wie sie zu Beginn des 19. Jahrhunderts entstand.
Zwei Varianten beziehungsweise Gemälde, die nach diesem Bild geschaffen wurden, sind mir bekannt. Eines trägt die Signatur „R. Krabs” und ist auf das Jahr 1861 datiert; das andere, ein Ausschnitt aus einem weiteren Gemälde, ist unsigniert.
Das Werk des Hermannstädter Buchhändlers und Lithografen Friedrich August Robert Krabs erreicht allerdings nicht die Vollkommenheit des Originals. Die zweite Variante wiederum wirkt auf den ersten Blick beinahe identisch mit derjenigen von Krabs. Bei genauerem Hinsehen jedoch zeigt sich, dass sie wohl nicht von dem Hermannstädter Lithografen stammen kann. Sowohl die Komposition und die Formen als auch die Gestaltung der Buchstaben des Schriftzugs an der Fassade weichen von Krabs’ Gemälde ab. Die unsignierte Fassung scheint vielmehr von einem geübten Künstler geschaffen worden zu sein – möglicherweise von einem Lithografen aus Krabs’ Werkstatt.
Vergleicht man die monochrome Illustration mit der von mir angefertigten Variante in Pastelltönen, wird deutlich, wie sehr sich die Botschaft eines Bildes, das, was wir in ihm lesen, deuten und wahrnehmen, mitunter allein durch seine Farbigkeit verändert. Schon eine Retusche oder eine andere Form der Reproduktion kann den Blick des Betrachters in eine neue Richtung lenken und einem vertrauten Bild eine andere Bedeutung verleihen.
Wer das Originalgemälde geschaffen hat, das auf der schwarz-weißen Illustration zu erkennen ist, weiß ich nicht. Ich würde mir allerdings wünschen, es wäre der berühmte Hermannstädter Maler Franz Neuhauser der Jüngere ( 1763–1836 ) gewesen. Auch der Amateurmaler Johann Böbel ( 1824–1887 ) war für kurze Zeit sein Schüler.
Natürlich könnte ich mich auf die Suche begeben und den Namen des unbekannten Malers herausfinden. Doch das wäre bereits eine andere Geschichte …
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„Ich lebe in einer Welt, in der die alltägliche Leere und die Nacktheit des Geistes zum Inbegriff von Anstand und erlesenem Geschmack erhoben werden. Von den Manipulatoren der globalen Medien zu exklusiven Werten verklärt, werden sie von den Händlern des geistigen Trödels feilgeboten – und von jenen bedenkenlos erworben und verschlungen, die längst verlernt haben, zwischen Wert und Wertlosigkeit zu unterscheiden; allzu oft aus schlichter Gedankenlosigkeit ( Dummheit ).
Was uns als fertiges Bekenntnis vorgesetzt wird, bereits vorgekaut und jeder eigenen Bedeutung beraubt, wird bereitwillig übernommen und zur Schau getragen. Eine Gesellschaft gefügiger Konsumenten, jederzeit bereit, alles in sich aufzunehmen, was man ihr vorsetzt – vor allem aber die Mittelmäßigkeit, die sich als Einzigartigkeit tarnt, sei sie nun in der wirklichen oder in der virtuellen Welt –, scheint dabei den ersten Schritt auf jenem Weg zu tun, der in die kollektive Verblödung führt.”
Ich aber sehne mich nach einer anderen Welt. Nach einer Welt, aus der wir Sterblichen jederzeit entfliehen können, wenn uns die Wirklichkeit zu eng wird. Einer Welt, in der die Fantasie uns bei der Hand nimmt und der entfesselte Gedanke sich aus den Fesseln des Alltäglichen löst.
Ich sehne mich nach einem Universum jenseits des Sichtbaren – nach einer Welt der Märchen und Geschichten, einer Welt unter den Sternen, geheimnisvoll und wunderbar, erfüllt von Rätseln, von Magie und Zauber, von Illusionen und Verwandlungen, von jenem leisen Wunder, das nur dort erscheint, wo der Mensch noch zu träumen wagt.
Gibt es eine solche Welt? Existiert ein solches Universum wirklich – oder ist es nur eine Zuflucht, die unsere Sehnsucht erfindet, weil die Wirklichkeit ihr nicht genügt?
Ich glaube, dass es existiert.
Vielleicht nicht dort, wo wir es mit offenen Augen suchen. Vielleicht nicht in einer Welt, die sich messen, besitzen und erklären lässt. Vielleicht beginnt es genau dort, wo die Wirklichkeit ihre Grenzen erreicht und die Vorstellungskraft darüber hinausgeht.
Denn wäre es nicht da – wie könnten wir davon erzählen? Und wenn wir noch davon erzählen können, dann muss es irgendwo sein …” | aus „Jenseits der Quintessenz”
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Nach einem kurzen Sommerregen ist der Weg unserer Schritte mit Wasserpfützen übersät – kleinen Wasserspiegel, in denen sich unser Konterfei vor dem bläulichen Hintergrund widerspiegelt, den der Himmel auf die Erde herab geträufelt hat.
Manchmal erliegen wir der Versuchung, beugen uns vor und treten absichtlich in eine bis zum Rand gefüllte Pfütze, nur um herauszufinden, wie tief wir jenseits unseres eigenen Spiegelbilds eintauchen können – das sich im himmlischen Blau auf der Wasseroberfläche abzeichnet.
So wie wir uns über dieses blaue Auge des Wassers beugen, können wir uns auch über das Bild eines Gemäldes beugen und hinter seine sichtbare Oberfläche blicken.
Wenn es uns gelingt, in eine dieser Bild-Geschichten „einzutreten” und uns mit einer Landschaft oder einer Figur aus dem Spiel zu identifizieren, das sich hinter dem Vorhang aus Formen und Farben auf der Bühne unserer Vorstellung entfaltet, können wir uns umdrehe und dem Betrachter, dem Zuschauer – oder sogar dem Schöpfer selbst – in die Augen schauen. Aus dem Inneren des Bildes heraus sehen wir das Gemälde, so wie es sich vor uns spiegelt – genau wie jenes Bild, das sich in der blauen Pfütze spiegelt.
Dieses Bild, das sich wesentlich von der realen, gewohnten, ungespiegelten Wirklichkeit unterscheidet, erzeugt und vermittelt neue, seltsame, manchmal vielleicht sogar beunruhigende Botschaften und Empfindungen, die sich von allem unterscheiden, was wir zuvor wahrgenommen und interpretiert haben.
Ein anschauliches Beispiel hierfür ist das Selbstbildnis von Vincent van Gogh mit verbundenen linken Ohr. Jeder kennt das Porträt des Künstlers, und die meisten Menschen sind davon überzeugt, dass das Gemälde das tatsächliche Aussehen van Goghs wiedergibt – obwohl er es vor einem Spiegel gemalt hat.
Ich beziehe mich hier nicht ausdrücklich auf das Prinzip der Bildprojektion aus dem Gesichtsfeld, das vom Auge in den Richtungen links–rechts und oben–unten umgekehrt und anschließend im visuellen Wahrnehmungsraum des Betrachters sozusagen wieder „neu ausgerichtet, gedreht” wird. Mich interessiert vielmehr unsere Begegnung mit den neuen, veränderten Erscheinungsformen von Bildern, die wir schon länger kennen und die tief in unserem Gedächtnis verankert sind.
Eine solche veränderte Wahrnehmung der Realität der scheinbar gespiegelten Formen begegnet uns auch im Universum der Farben – immer dann, wenn sich die Farbgebung eines uns vertrauten Gemäldes verändert. Denn mit der Farbe verändert sich nicht nur das Bild. Auch unser Blick auf das Bild verändert sich – und vielleicht sogar die Geschichte, die wir darin zu erkennen glaubten oder glauben.
Ein Gemälde kann weit mehr sein als etwas, das geschaffen und anschließend in eine Ausstellung, ein Museum, eine eiserne Kiste oder unter das Bett des Vergessens geworfen wird.
Ein Gemälde ist vor allem eine Geschichte, die durch monochrome oder polychrome Formen und Farben während der Schaffenszeit eingefangen und festgehalten wurde… | eine Geschichte aus einem Stummfilm mit Tausenden von Klischees, Deutungen und Erzählungen, die im Laufe der Zeit vor den Augen vorübergehender Betrachter aufscheinen, sich entfalten und schließlich in den Erinnerungen des Gemäldes sammeln… | ein Schauspiel, aufgeführt auf einer hinter dem Vorhang verborgenen Bühne – ein kleines Szene, eine Satire oder ein Drama –, inszeniert auf einer Fläche aus unschuldigem Weiß, gespannt über ein sündiges Keilrahmen ( oder vielleicht auch umgekehrt )… | oder eine Scharade, verborgen hinter einer Mauer aus Illusionen, ohne Eingänge oder mit verborgenen Türen, durch die wir uns hindurchzwängen können in ein Universum, das sich hinter einer Wirklichkeit verbirgt, die dem Auge durch die Illusion einer glaubwürdigen Realität verschleiert wird; einer Realität, hinter der sich jener verbirgt, der schweigt.
Selbst wenn es uns gelingt, in eine dieser Geschichten „hineinzublicken”, werden wir niemals jene ursprüngliche Einzigartigkeit – die aus der Vorstellungskraft des als Demiurg agierenden Künstlers geboren wurde – wirklich „sehen” können. Sie bleibt den Augen des Betrachters für immer entzogen.
Und doch ermöglicht uns unsere Vorstellungskraft, in ein Gemälde „einzutreten”; mit geschlossenen Augen durch schattige Alleen zu wandeln, über weite Felder zu laufen, verwunschene Wälder zu durchstreifen oder uns in einem Labyrinth, einem „Irrgarten”, zu verlieren – auf der Suche nach jener Vision, die der Künstler auf sichtbaren Pfaden oder vielleicht in einem verborgenen Heiligtum hinterlassen hat.
Das eigentliche Labyrinth besteht aus einem einzigen, gewundenen Pfad, der zu einem verborgenen Ort führt, von dem aus der Ausgang nur schwer wiederzufinden ist. Ein Labyrinth hingegen, in dem man sich aufgrund einer komplizierten Anlage aus verschlungenen Wegen, Kreuzungen, Irrwegen und Sackgassen verirren kann, wird als „Irrgarten“ bezeichnet. Mit anderen Worten: eine trügerische Gartenanlage mit komplexer Struktur, mit verschlungenen Wegen die einen in die Irre führen, und Seitenpfade, auf denen man sich verlaufen kann…
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Gýom, die Chimäre im Spiegel, schaut mir in die Augen und sagt lächelnd:
„Amadeo, ich bin deine Illusion, die dich widerspiegelt, denn du bist unfähig, dich selbst mit deinen eigenen Augen zu sehen. Du brauchst eine Oberfläche, die dir dein Bild zurückwirft – einen Spiegel, den Blick eines anderen Ichs. Du brauchst mich, dein Spiegelbild.
Ich kann zu dem werden, was Menschen begehren; zum Spiegel ihrer Wünsche, zum Schatten ihrer Sehnsucht, zur Gestalt dessen, was sie in mir erkennen wollen. Und dasselbe kann ich auch für dich tun, Amadeo!
Gib mir deine Wünsche. Lass sie durch mich hindurchströmen, und ich werde aus deinem Spiegelbild eine vollkommene Version deiner selbst erschaffen. Eine Gestalt ohne Risse. Ein Bild ohne Schatten. Ein Traum, der so vollkommen erscheint, dass du vergisst, wer den Traum geträumt hat.”
Einen Augenblick lang betrachtete ich den Spiegel. Mein eigenes Bild sah mich schweigend an, als wüsste es längst, was ich sagen werde, Dann antwortete ich:
„Durch dich wird die reflexive Wahrnehmung, die ich von mir selbst habe, zu nichts anderem als einer Illusion. Ein flüchtiges Gebilde aus Erinnerungen, Sehnsüchten und den Geschichten, die du dir selbst über mich erzählt hast.
Dasselbe gilt für das Bild, das andere von mir erschaffen. Sie sehen nicht mich. Sie sehen das, was sie sehen wollen. Sie nehmen einen Splitter von mir, legen ihn in das Mosaik ihrer eigenen Vorstellungen und nennen das entstandene Bild meine Wirklichkeit. Doch es ist nur eine Illusion.
Menschen sehen nichts anderes als Illusionen. Sie wandeln durch eine Welt aus Spiegelbildern, in der jedes Gesicht, jeder Blick und jede Erinnerung nur eine andere Oberfläche derselben Täuschung ist.
Ein Spiegel ist nur solange von Bedeutung, so lange jemand vor ihm steht – also, meine Illusion, nur solange ich vor dir stehe. Ohne mich, ohne mein Bild bist du nichts. Ohne mein Spiegelbild bist du nichts weiter als eine leere Oberfläche – stumm, kalt und ohne Erinnerung daran, dass sich jemals jemand vor dir geöffnet hat.
Gýom, ich weiß, dass du dich nach mir sehnst, aber ich brauche weder mein Spiegelbild, noch deine Illusion – denn mein Blick zeigt mir, wie ich mich selbst sehe, wie ich mein Gesicht sehe, wenn ich ihn nach innen richte, wenn ich ihn in mein Innerstes werfe.”
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Hier beginnt das Phantasiegebilde in Pastellfarben !
Obwohl die Rahmengeschichte Rendez-vous im Redoutensaal bei der ersten Lektüre wie ein Irrgarten erscheint – ein trügerischer Garten mit einer verwirrenden, verschlungenen Anlage –, ist sie in Wirklichkeit nur ein einfaches „Labyrinth aus Wörtern”. Zumindest solange Sie auf dem Pfad meiner Vorstellungskraft spazieren gehen, ohne Ihren Blick über die Bilder und die bloßen Erscheinungen hinaus schweifen zu lassen – jene randständigen, fremdartigen Bilder, die aus einem zerbrochenen Mosaik zusammengetragen und aneinandergereiht wurden und deren jedes einzelne Fragment, jeder Satz, ja jedes Wort zu einer kleinen Pforte in eine neue Geschichte werden kann – zu einem Fraktal, herausgebrochen aus einem unergründlichen Ganzen.
Meine Geschichte führt Ihre Schritte nicht zu einem bestimmten Ort, denn mein Labyrinth ist kein Weg, den man tatsächlich beschreiten kann.
In dem Augenblick, in dem Sie glauben, das Heiligtum erreicht zu haben, stehen Sie erst am Anfang eines Kreises, der nirgendwohin führt!
Der Sinn dieser Erzählung erschließt sich dem Leser, jenseits seiner Iris, durch seine Scholomonar’sche Fähigkeit, den Drachen aus dem Beutel meiner Geschichten zu bändigen, seine Gedanken zu entwirren, sinnvoll aufzureihen und miteinander zu einer eigenen Geschichte zu verweben. Dieser Beutel wird in einer Truhe, verborgen unter der Sitzbank des Kutschers, aufbewahrt. Aus meinen Stein-Perlen-Splitter entsteht euer eigenes Universum – wújí ; tàijí ; wànwù !
Rendez-vous im Redoutensaal schenkt Ihnen eine imaginäre Reise durch ein märchenhaftes Universum, durchsetzt mit fabelhaften Begebenheiten, die in Worten verborgen liegen – Worten, die dem zum Schweigen verurteilten Künstler ins Ohr geflüstert wurden, gleich jenem sprachlosen Soldaten im Palast der Scheherazade.
Doch was geschieht mit solchen Geschichten? Mit Geschichten, die auf den Lippen der Muse geboren werden, die ihren Durst am Rand einer versiegten Quelle stillen wollten und dort verdursteten – Geschichten, die ohne Stimme zurückbleiben und sich, durch den freiwilligen Schwur des Erzählers, selbst zu ewigem Schweigen verdammen?
Die pastellfarbene Geschichte liegt schweigend am Ufer des verwunschenen Sees. Nur ihre Farbe bleibt sichtbar – hier, vorerst, für die Ewigkeit.
Eines Tages sagte mir irgendein Jemand: „Unsterbliche Geschichten werden im Dunkel der Nacht geschrieben, ertränkt im Alkohol und in den Armen der Liebe, und am Morgen werden sie gemeinsam mit den ersten Strahlen der Sonne in den Farben des Regenbogens geboren.”
Ich weiß nicht, ob dieser Mensch recht hat. Aber meine Geschichte ist eine ganz andere – und dennoch dieselbe.
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Die Rückkehr der Amsel | Beschwörung
„Auch wenn unsere Taten uns am Tag unserer Vertreibung aus dem Paradies der Worte einholen und heimsuchen werden, wir werden überleben; du dort, unter den Sterblichen, ich hier, einsam, gefangen in den Seiten einer Geschichte.” | Amadeo
In manchen Nächten, wenn der Mond sich hinter dem furchtsamen Himmel verborgen hält und die schweigsamen Sterne so tun, als schliefen sie, kann man – wenn man aufmerksam lauscht – das Echo von Rädern und das Klappern der Hufe der Pferde hören, die vor eine Kutsche angespannt sind, die noch nie von sterblichen Augen gesehen wurde, das aus dem Tunnel der Zeit unter der Arkadenkirche widerhallt.
Es sind Nächte, in denen die Alten ein Kreuz schlagen, bevor sie mit gedämpfter Stimme den Namen dessen erwähnen, den man den „Vorübergehenden” nennt. Niemand kennt sein Gesicht, niemand kennt seinen wahren Namen, denn niemals wurde er gesehen.
Wie dem auch sei – wir werden wohl niemals erfahren, ob ihm tatsächlich jemand begegnet ist. Denn es geht das Gerücht, dass jene, die ihm wirklich begegnet sein sollen, versprochen hätten, darüber für immer zu schweigen.
Und auch in dieser Nacht ist das Stampfen der Pferdehufe zu hören. Jenseits des Morgengrauens erklingt zum letzten Mal der Gesang der Amsel auf dem verborgenen Pfad nahe der versiegten Quelle, „wo der Wind den Himmel streichelt”.
Aus dem Westen erscheint, wie aus dem Nichts, ein Lichtstrahl. Auf einem schmalen, weißen und leuchtenden Band zieht er sich über das Gewölbe des dämmrigen Himmels, schlängelt sich nach Osten und wird von einer Kutsche verfolgt, die von ihren rasenden Pferden vorangetrieben wird – als jagte sie den Schatten, den die Tiere selbst auf den unsichtbaren Weg vor ihnen werfen.
Die Kutsche, ein für die Augen der Sterblichen unsichtbares Phantom, gleitet auf der Spur des Lichtes dahin, die sich auf der Erde spiegelt – ohne das Geräusch von Rädern, ohne Wiehern der Pferde, ohne den scharfen Knall der Peitsche.
In der fernen Weite, irgendwo dort, wo die Silhouetten der Türme am Rand des nebligen Horizonts erscheinen, ragen sie über den Dächern der roten Stadt empor.
Der Weg des himmlischen Lichtbandes nähert sich, folgt dem Lauf des Wassers, das dem Mund des wilden Flusses entspringt, und führt zur von Mauern umringten Stadt – jener Festung, die von mächtigen, hoch zum Himmel emporstrebenden Befestigungsringen umschlossen und verteidigt wird.
Vor dem gewaltigen Bollwerk, errichtet neben dem Tor-Turm im Norden, wartet die hölzerne Brücke. Auf den Ufern des Wassers ruht sie, aus dem Holz uralter Eichen errichtet – von der Hand eines unbekannten Zimmermanns zu einem Bauwerk aus einer anderen Zeit gefügt.
Die Kutsche überquert die Brücke wie aus einem Märchen und kündet dem Tor des Schneiderturms von der Ankunft des Vorübergehenden.
Die Flügel des Portals öffnen sich und die unsichtbare Kutsche wird eingelassen.
Der Kutscher, auf dem Bock vor der Kabine sitzend, lenkt die Kutsche mit sicherer Hand durch die engen Gassen. In der linken Hand hält er die Zügel der Pferde, in der rechten die Peitsche mit der Naga des Geistes, geflochten aus zwölf Riemen. Die schlanke Schlange schwebt über den Pferden, ohne deren Rücken zu berühren, ohne zu knallen, ohne zu beißen.
Die Kutsche zieht an der Sag-Mühle, am Rosenmarkt vorbei, erfüllt vom Duft der Rosen aus dem Garten Rosenanger, und am Weinmarkt mit seinen Aromen, die heimlich aus den Weinfässern emporsteigen, verborgen in den Kellern der Häuser am Weinanger. Dann biegt sie in die Schmiedegasse ein, die Gasse der Schmiede, und fährt weiter zur Dragonerwache.
Als die Kutsche den kleinen Platz der Dragonerwache erreicht, wendet sie und steigt die Burgergasse hinauf – den Weg zum Kerker, der das Ratstor mit dem Herzen der Stadt verbindet.
Weiter geht es zur Lügenbrücke. Dort verschwindet die Kutsche in dem gewölbten Tunnel, durch dessen aufgebrochene Öffnung sie unter der Brücke der Lügen hindurchgleitet. Auf der Brücke steht das kleine Haus des Barbiers Kisch.
Über dem gemauerten Durchgang stehen, gleichsam gespreizt darüber, das Jikeli-Haus, das Haus des Barons Rosenfeld, jenes Gebäude, in dem sich das Amt der öffentlichen Waage befindet, und schließlich das Haus, in dem die kleine Laubenkirche untergebracht ist.
Sie erhebt sich auf Arkaden am Ausgang des gewölbten Tunnels, dort, wo der Kleine Ring – Circulus minor – beginnt.
Das Stampfen der Pferde hallt durch den Tunnel der Zeit.
Und aus dem Bauch der Erde taucht die Kutsche des Reisenden wieder auf. Sie fährt in den Tunnel des Rathausturms hinein und kommt schließlich mitten im Herzen der Stadt wieder ans Licht – auf dem Großen Ring – Circulus major.
Der Kutscher lenkt die Pferde Richtung Einmündung zur Platea Heltensis, die sich auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes befindet. Dabei fährt er an dem alten Brunnen mit seinem schmiedeeisernen Gitter vorbei, auf dem ein Rheier thront.
Als er die Statue des Heiligen der Wasser erreicht – tief im Herzen der Stadt und in die Seele ihrer Ketzer gerammt von einem allzu selbstgewissen Missionar –, wirft er einen Blick auf die beiden Kanonen vor dem Generalhaus.
Einen Augenblick lang fragt er sich, ob es Zufall oder Absicht war, dass ihre Rohre ausgerechnet in Richtung des heiligen Nepomuk weisen.
Die Kutsche biegt in die Heltauergasse Richtung Heltauertor ein und hält schließlich vor dem Gebäude des alten Hotels „Zum Römischen Kaiser”, an der Ecke zur Ballgasse.
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Der Kutscher steigt von seinem Sitz vor der Kabine herab, nimmt mit der linken Hand den Zylinder vom Kopf, öffnet den Schlag, klappt das Trittbrett herunter, hebt den rechten Arm und sagt:
„Meine Herrin, wir sind angekommen.”
In der Tür der Kutsche erscheint, als wäre sie soeben aus der Leinwand eines Gemäldes herausgetreten, eine Gestalt, gekleidet in das Weiß der Unschuld, gehüllt in die Farbe vollkommener Reinheit.
Eine wunderschöne junge Dame, klug und von außergewöhnlicher Eleganz und Zartheit – eine Frau, wie man sie wohl niemals wieder begegnen wird.
Die Frau in Weiß ergreift den Arm des Kutschers, hebt mit der linken Hand leicht den Saum ihres Kleides und setzt den rechten Fuß auf die Stufe.
Der Absatz ihres Schuhs verfängt sich im Saum, und die Frau gleitet aus.
Da taucht aus dem inneren Dunkel des Kutsche eine Hand auf und fasst sie am linken Arm, gerade noch rechtzeitig, um ihren Sturz zu verhindern.
Die Schöne in Weiß steigt langsam herab, wendet den Kopf dem Kutscher zu, hebt leicht den Schleier vor ihren Augen und bedankt sich mit einem Flüstern:
„Danke, Johannes.”
Sie macht zwei Schritte und bleibt stehen.
Aus dem Inneren der Kutsche ertönt eine gedämpfte Stimme:
„Bitte geh weiter. Dreh dich nicht um und schau nicht zurück!”
Die Frau in Weiß zögert einen Augenblick, bevor sie die Ballgasse betritt.
Aus dem Schatten der Häuser löst sich eine schwarze Gestalt. Sie kommt auf die Frau zu und bietet ihr schweigend den Arm.
Die Frau nimmt den Arm des Fremden, und gemeinsam gehen sie in Richtung Tanzsaal, dessen Eingang von der Kleinen Querstraße her führt.
Doch bevor sie den Redoutensaal betritt, bleibt die Frau auf der Türschwelle stehen, wendet sich noch einmal um und wirft einen Blick auf die andere Straßenseite, dorthin, wo sich der Garten des Hauses mit den Karyatiden befindet.
Eva von Sachsenheim erinnert sich an die unzähligen Streifzüge durch die schmalen Wege dieses Gartens und an die märchenhaften Straßen der Stadt, die sie so sehr geliebt hat.
Da begreift sie, dass der Weg des Reisenden nirgendwohin führt. Er dreht sie nur im Kreis.
Kreise, immer wieder Kreise – in einem wilden Tanz der Volta oder des Langaus.
Am anderen Ende der Ballgasse setzt der Kutscher seinen Zylinder wieder auf, hebt das Trittbrett an und schließt die Tür der Berline.
Die Märchenkutsche verschwindet.
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Das Glöckchen über der Tür erklingt und kündet vom Eintreten des Kutschers.
Der Wirt hinter dem Schanktisch hebt den Kopf, mustert den Neuankömmling und brummt:
„Habe die Ehre, Mein Herr, womit dürfen wir ihnen dienen?”
Der alte Mann mit dem weißen Haar erwidert höflich den Gruß des Wirtes, hängt Zylinder und schwarzen Mantel an den Haken und setzt sich an den Tisch neben dem letzten Fenster.
Währenddessen ruft der Wirt seine Frau aus der Küche.
Die Wirtin kommt heraus, geht mit wiegenden Schritten zum Tisch des Fremden und fragt:
„Gnädiger Herr, was wünschen Sie zu speisen und zu trinken?”
Der Kutscher bestellt ein Stück Speck, etwas Käse, geräucherte Wurst, Zwiebeln, Brot und eine Karaffe roten Weines.
Die Wirtin verschwindet in der Küche und kehrt wenig später mit einer Karaffe Wein und einem Stielglas zurück. Sie stellt beides auf den Tisch und sagt:
„Zum Wohle, mein lieber Herr.”
Der Alte nimmt die Karaffe und füllt das Glas mit rotem Wein, hebt es an die Augen und betrachtet neugierig das Rot, das sich im geschliffenen Glas bricht und darin widerspiegelt.
Vom Nebentisch erklingt ein:
„Healf Gott, Geseangthiet!”
Darauf folgen von den anderen Tischen ein:
„S-ajute Dumnezeu, Noroc și sănătate”, und ein:
„Egészségünkre!”
Der alte Mann mit dem weißen Haar hebt sein Glas zum Wohl aller, leert es in einem einzigen Zug und füllt es erneut.
Am anderen Ende der Straße öffnet der Mann in Schwarz die Tür, bietet der Frau in Weiß seinen Arm an, und gemeinsam betreten sie den Redoutensaal, bis zum letzten Winkel gefüllt mit verkleideten Erscheinungen.
Das schwarz-weiße Paar begibt sich zur Mitte des Saales und bleibt dort stehen. Die Musik auf dem Orchesterpodium verstummt und dir tanzenden Paare lösen sich aus ihren Umarmungen.
Der Mann in Schwarz nimmt die Frau in Weiß in seine Arme und „der Tanz beginnt ganz sacht, ein Schritt vorwärz vorn und zwei zurück … und alles war nur noch ein Schleier aus Licht, und mitten darin standen zwei ineinander verschlungene Körper, eingehüllt in einen Wirbel, der sich drehte, sich drehte, sich drehte …”
Die Orchester setzt wieder ein und die wiedervereinten Paare stürzen sich in die Arme eines neuen Langaus Walzers, der die ausgelassenen Gestalten sie über das Parkett hinwegtanzt – so, als gäbe es nach dieser Nacht keinen Morgen.
Kalte Augen, verborgen hinter freundlichen Blicken, beobachten heimlich von der schmalen, über dem Eingang erhöhten Holzgalerie aus jede Bewegung und registrieren jede noch so kleine Veränderung auf der Tanzfläche der Marionetten, deren Paare nach Belieben vom Puppenspieler an den unsichtbaren Fäden zusammengefügt werden.
Die Menschen auf dem Tanzparkett bemerken die Anwesenheit des Vorübergehenden in ihrer Mitte nicht. Und auch das Augenpaar auf der Galerie spüren seinen Atem nicht in ihrem Nacken.
Aus der Ferne erklingt ein Lied aus den Unsterblichen Geschichten …
Der Lärm der Musik, vermischt mit dem Lachen der Masken im Tanzsaal, entweicht durch die weit geöffneten Fenster hinaus in die Ballgasse und dringt von dort in die Schenke.
Das kleine Dienstmädchen stellt das große hölzerne Tablett auf den Tisch des Kaisers. Es ist in Form eines kleinen Schweinchens ausgeschnitten und reich beladen mit allerlei Speisen.
Sie wünscht ihm mit freundlicher Stimme einen guten Appetit, und sagt:
„Gneadijer Hearr, ech weangtschen Ejer einen geaden Apetit.”
Ein Schmunzeln huscht über die Lippen, die unter dem Schnurrbart des Kutschers verborgen liegen.
Der Grund sind ihre Worte, gesprochen im Hermannstädter Jargon, den man abfällig „Kucheldeutsch”, ( Küchendeutsch ) nannte: eine eigentümliche Sprachmischung, durchsetzt mit Ausdrücken und Wörtern aus dem sächsischen Idiom.
Es war die Sprache, die vor allem von den jungen Dienstboten gesprochen wurde, die aus den Dörfern in jene Stadt gekommen waren, die man einst das „Kleine Wien” nannte …
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Der Wolkenvertreiber | Reflexion
„Ein alter und nutzloser Körper; Ich habe viele Generationen von Blumen gesehen in dieser einsamen, geborgenen Einsiedelei. Wenn der Frühling kommt, und wenn ich da noch lebe, Werde ich sicher kommen, um dich wieder zu sehen – Horche auf den Klang meines Stabes.” Gogō-an | Ryōkan Taigu
Nachdem der Alte ausgiebig und in aller Ruhe gespeist hat, zieht er seine Pfeife und das kleine Tabaksäckchen aus der Tasche seines Wamses und beginnt, den aus Meerschaum geschnitzten Pfeifenkopf in Form eines Frauengesichts zu füllen.
Er nimmt einen dünnen Holzspan aus dem irdenen Krug auf dem Tisch, hält ihn in die Flamme der Kerze und entzündet damit den Tabak in der Pfeife.
Die Pfeife, ein Andenken aus der alten Stadt am Pilgerweg in das Land der Verheißung, war zu einer treuen Begleiterin auf den Reisen des Mannes geworden.
Unter dem Sitz des Kutschers, fest verschnürt und verborgen, liegen neben dem hölzernen Wanderstab, dem Mantel und dem Hut einige Bücher und die unsterblichen Hánshān shī, mit einer Schnur zusammengebunden.
In der Ledertasche, eingehüllt in den schwarzen Mantel, befindet sich ein Holzkästchen. Darin liegen ein Säckchen mit Perlen und eine Handvoll heiliger – oder weniger heiliger – Erinnerungsstücke, die er im Laufe seiner Reisen auf den durchwanderten Wegen gesammelt hat.
Zwischen Muscheln und Steinen verschiedenster Formen und Farben verbergen sich ein Edelstein, ein kleiner achtstrahliger Stern, ein Stab aus Selenit, Fetische, ein winziges Fläschchen mit dem Duft eines exotischen Elixiers, eine Hand-Auge-Amulett an einer roten Schnur und andere Gegenstände, die ihm Glück gebracht haben – aber auch eine Miniatur des Schutzengels, jenes Prinzen, der nach Enoch den Schwur entgegennahm und den Drachen bezwang, ihn jedoch nicht tötete, denn ohne den Drachen gäbe es auch kein Nichts.
Jenseits des Südens rückt die Mitternacht näher und reißt eine Maske nach der anderen von den vor Ekstase verzerrten Gesichtern. Hinter dem Gelächter, der Schminke, hinter den bunten Masken kommt das wahre Gesicht der Nacht nach und nach zum Vorschein.
Der Kutscher füllt das Glas mit dem letzten Rest des roten Elixiers. Die Zeit rinnt aus der Karaffe in das geschliffene Glas, dessen Oberfläche sich in dutzende kristallene Facetten bricht. Der Alte nimmt einen Schluck, dreht den Kopf zum Fenster zu seiner Linken und verfolgt durch die beschlagene Scheibe das Tanzen der nebelhaften Silhouetten.
Das Licht der Laternen, getragen von den Dienstmädchen der Damen, die es eilig zum Tanzsaal zieht, erhellt das schlammige Kopfsteinpflaster und hüpft zögernd im Rhythmus ihrer Schritte durch die Nacht. Die verkleideten Schönheiten folgen ihnen wie die leuchtende Mähne eines nächtlichen Kometen.
Zwei Lichter lösen sich aus der Reihe der Laternen und nähern sich langsam, bis sie das Fensterglas berühren. Jenseits des Spiegels erscheint ein Gesicht, eine Erscheinung mit zwei Augen die leuchteten wie glühende Kohlen, umgeben von einer Feueraura. Es ist kein menschliches Licht, das aus ihm hervorging. Es ist ein Glanz, älter als die Nacht selbst – als hätte die Dunkelheit für einen Augenblick Augen bekommen.
Das unsichtbare, geheimnisvolle Leuchten dringt durch das Fenster in die Gaststätte ein und breitet sich langsam im Raum aus. Aber es scheint, als ob nicht das Licht selbst in die Schenke strömt, sonder eher eine andere Welt.
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Eine für das sterbliche Auge unsichtbare Gestalt nimmt vor dem Kutscher Platz, stürzt den vergessenen Augenblick, der auf dem Grund des Glases vergessen ward, die Kehle hinunter und sagt:
„Würde wohl einer von denen, die hier an den Tischen des Kaisers sitzen oder draußen vor unseren Augen vorbeigehen, begreifen, dass in etwas mehr als hundert Jahren irgendein Nachfahre einige Bücher über ihre Welt schreiben wird, über ihr Leben voller Frustrationen und Vergnügungen? Und würde wohl einer von ihnen begreifen, dass zwei Jahrhunderte später irgendwo ein Unbekannter an einem Tisch unter dem Fenster einer Mansarde sitzen und eine Geschichte schreiben wird, in der ein gewisser Sigerus die Welt beschreibt, in der jene leben, die jetzt hier durch die Sanduhr der Worte rieseln?
Einst hast du mich gefragt, was das Ziel dieser Reise sei. In Wahrheit wolltest du wissen, welchen Sinn dieses Gebilde aus verstreuten Worten besitzt, die dilettantisch am Faden einer zusammenhanglosen Geschichte aneinandergereiht wurden. Ich weiß, dass du weder Sänger noch Maler noch Dichter bist, und doch verstehe ich nicht, warum du nicht den Wunsch hegtest, einen Gedanken zu vertiefen, eine Idee zu entwickeln, ein bestimmtes Ziel zu verfolgen, um … zu werden. Und vor allem möchte ich gerne wissen, wieso du aufgehört hattest, das Spiel des Könige zu spielen, als dir klar wurdet, dass du Probleme im Schlaf lösen kannst?
Vielleicht war es gerade diese vermeintliche Gleichgültigkeit deinerseits, die meine Neugier geweckt hat. Ich weiß, dass du ein musikalisches Ohr besitzt. Ich weiß, dass in deinen Händen schon in jungen Jahren die Formen und Farben deines Universums aufblühten. Und ich weiß, dass du heute all das ignorierst, was du dir einst mit der nötigen Leichtigkeit und dem gebotenen Fleiß hättest aneignen können!
Auch wenn der Wunsch, zu einem Wertesystem zu gehören, das, als erstrebenswert gilt, etwas ganz Natürliches zu sein scheint, hast du in dieser Hinsicht keinerlei Interesse gezeigt, geschweige denn, dich einer solchen Gemeinschaft anzuschließen. Bedeutet Zugehörigkeit für dich etwa Schwäche? Führt sie zu Abhängigkeit, zu Knechtschaft … so wie Einsamkeit für dich Unabhängigkeit bedeutet?
Ein Prinz, der auf einer Wolke durch die Welt reiste, sehnte sich danach, sanft zum Schloss seiner Träume zu schweben. Er kehrte nicht zurück, hinterließ der Nachwelt jedoch eine aus Worten bestehende Landkarte, auf der er einen möglichen Weg durch die zerstörerische Wüste, hin zu einer lebensfähigen Zitadelle beschreibt.”
Das Schloss deiner Einsiedelei liegt, in Schweigen gehüllt, unter der Kuppel der transluzenten Kathedrale. Das Collier der Liebe, in tausend funkelnde Splitter zerfallen, liegt verstreut neben dem Schlüssel zum Paradies auf dem Grund des Sees. Du hast mich gefragt, was von eurer Geschichte übrig bleiben wird. Wenn du fortgehst, wird eure Erinnerung gemeinsam mit demjenigen verschwinden, der dich vergessen wird!
So wie du das Unmessbare nicht messen kannst, kannst du auch nicht das Verrinnen des Sandkorns messen, das in eurer gläsernen Kugel eingeschlossen ist und durch die Enge des Augenblicks zum Nadir hinabrinnt. Jenseits des Spiegels der Kugel atmet die unermessliche Ewigkeit.
Auf meine Frage, wohin euch der Weg führen wird, den ihr gemeinsam beschreitet, und was von der Geschichte des Sandkorns – das in Vergessenheit geraten wird – überleben wird, hast du mir geantwortet: «Ich weiß es nicht, und der Allwissende noch weniger!»
«Die Wege, übersät mit magischen Mantras, heiligen Formeln, Ritualen, Gesängen und Anrufungen durch Gebete, führen nirgendwohin. Die missionierenden, bekehrten Gläubigen vergessen, dass jener heilige Glaube – von dem sie meinen, er erhebe ihr sündiges Ich über diejenigen, die sie als Ungläubige betrachten – bereits von Geburt an in den Herzen der Sterblichen wohnt. Der freie Mensch duldet den Glauben jener, die sich im Namen einer Metapher auf zwei oder allen Vieren kriechend fortbewegen, aber er toleriert keine Verbrechen, die im Namen eines Gottes begangen werden. Denn der freie Mensch atmet weder religiöse Metaphern noch Heilige noch Götter!»
Die Chimäre stellt das Glas verkehrt herum auf die Tischplatte, neben die leere Karaffe, und fährt fort:
„Du bist ein glückliches Wesen. Du hast ein außergewöhnliches Leben geführt, reich an Erlebnissen und unvorhergesehenen Begegnungen. Beim Wandeln durch deinen Garten hattest du das Glück, Dutzende Generationen von Blumen zu sehen, die ihre Schönheit und ihren Duft aus den Knospen der Zeit hervortrieben.
Deine ersten Frühlinge hast du, am Arm der Schönheit der Jugend, die heimatlichen Gefilde des Mioritischen Universums durchstreift. Doch du hast die Zeit weder im verhängnisvollen Kreis der Möbiusschleife vergeudet noch damit, etwas aufzurichten, das die Zeit der anderen ohnehin wieder zerstört hätte.
Als du fortgingst, hast du deine Zeit-Schatulle mitgenommen, gefüllt mit den Erinnerungen an ein erfülltes Leben, das du mit außergewöhnlichen Menschen in einer einzigartigen Stadt geteilt hattest. Als du fortgingst, bist du in allem geblieben, was du betrachtet, berührt und geliebt hattest.
Wärst du jemals zurückgegangen, wärst du niemals wirklich zurückgekehrt!
In noch ziemlich jungen Jahren entdecktest du im Bücherregal deiner Eltern das Buch „Cadmos – Kurze Geschichte der Schrift”. Noch heute bewahrst du es auf, ohne Schutzumschlag, neben den anderen Büchern, die du auf deinem Weg jenseits des Waldes mitgenommen hast.
Das Buch eröffnete dir die Möglichkeit, mit Champollion durch das Labyrinth der ägyptischen Hieroglyphen zu reisen und mit Rawlinson durch jenes der Keilschrift. Doch am meisten faszinierte dich die chinesische Schrift!
Der Ausflug in das Reich der Mitte gab dir die Gelegenheit, die Kunst der Kalligrafie zu erlernen – ein kleines Tor hin zum Denken, zur Philosophie und zur Manifestation des Qi-Prinzips in diesem unserem Universum.
Und dennoch hast du dich einsam gefühlt, bis zu jenem Tag, an dem du das Leben kennengelernt bist, das in der Poesie eurer Worte gelebt und eingefangen wurde. Da wurde dir klar, dass alle Gedichte dieser Welt, die aus den Gefühlen und Gedanken anderer entspringen, nichts anderes als Wort-Halos sind und bleiben – Illusionen, die nur die Hälfte der Wahrheit beschreiben.
Hast du etwa die Worte vergessen, die Siddhartha sprach, als ihn sein Freund Govinda nach den Gedanken fragte, die ihm helfen würden, im Alter zu (über)leben?
«Ich habe einen Gedanken gefunden, Govinda, den du wieder für Scherz oder Narrheit halten wirst, der aber mein bester Gedanke ist. Er heißt: von jeder Wahrheit ist das Gegenteil ebenso wahr! Nämlich so: eine Wahrheit lässt sich immer nur aussprechen und in Worte hüllen, wenn sie einseitig ist. Einseitig ist alles was mit Gedanken gedacht und mit Worten gesagt werden kann, alles einseitig, alles halb, alles entbehrt der Ganzheit, des Runden, der Einheit.» Siddhartha | Hermann Hesse
Sind die Gedichte und Geschichten, die an all den Morgen dieser Welt geboren wurden, wahre Erfahrungen eures wirklichen Lebens – Wahrheiten, die deine Hälfte zu einem Ganzen vervollständigt haben?”, fragt die Chimäre.
Der Mann mit dem weißen Haar geht über die Frage der Chimäre hinweg, knöpft seinen Wams auf und holt eine kleine Schatulle aus der Brusttasche. Er öffnet das Döschen, nimmt eine in Samt gehüllte Kostbarkeit heraus, legt sie auf den Tisch und enthüllt sie langsam.
Das Schmuckstück, ein Anhänger mit einer Kamee, eingefasst in ein von einem italienischen Kunsthandwerker gefertigtes ovale Fassung, ist mit einer filigran aus einer Muschel ausgeschnittenen Miniatur verziert – nach einer authentischen Vorbild, die das Porträt einer Frau darstellt.
Die Schönheit ruht verborgen und geschützt an der Brust des Sterblichen und wartend auf den Tag, an dem sie aus dem Labyrinth der Chimäre hervortreten wird, unbeeindruckt von den Vorhersagen jener fünf Tage im Dezember.
„Fünf Dezembertage waren ein Tanz aus Worten, ein Teufelskreis ohne Anfang und somit ohne Ende – eine Geschichte, eingeschlossen in einer Zeitschleife. Warum bist du an den Tisch des Kaisers zurückgekehrt, wo du doch vom ersten Tag an wusstest, dass die Verzerrung der Zeit dich aus dem Boot schleudern würde, in das du niemals zurückkehren kannst, weil die Alchemie eurer Zeit nur in einem flüchtigen Hier und Jetzt existiert hat! Eure Anwesenheit jenseits der solitären Zeit war der einzige reale Augenblick eurer gemeinsamen Reise. Einmal gelebt, kann er nicht mehr verändert oder verleugnet werden …”, sagt die Erscheinung, erhebt sich und verschwindet.
* * *
Die Wirtin taucht unvermittelt vor dem Kutscher auf, mustert ihn mit einem prüfenden Blick und fragt ihn, ob er noch etwas zu essen oder zu trinken wünsche. Der Kutscher steckt die Schatulle mit dem Edelstein zurück in seine Brusttasche, dankt ihr für ihre Nachfrage und bestellt eine neue Karaffe Wein.
Die Frau kehrt in die Küche zurück, während der Wirt ihr mit scharfem Blick folgt; er steht da, den Kopf in die Hände, die Ellbogen auf den Schanktisch gestützt.
Hinter dem Ofen, nahe der Küchentür, taucht eine getigerte Gestalt aus dem Schatten auf. Sie schleicht sich ins Licht und spitzt die Ohren. Sichtbar erschrocken von etwas Unbekanntem starrt sie mit weit aufgerissenen Augen auf die Eingangstür; das Fell gesträubt, den Rücken gekrümmt.
Das Pendel der kleinen Uhr, die einst bei einem Uhrhändler im Schwarzwald erworben wurde, schwankt noch ein letztes Mal – dann bleibt es stehen.
Für einen Augenblick hält die Zeit den Atem an.
Der Kutscher schließt die Augen.
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Die Zigeunerin Eviana | Anrufung
„Umherirrend, wie einst Vergil durch die Wüsten des Parnass, angelockt von deinem verführerisch süßen Ruf, würde ich jeden noch so erhabenen Grat überwinden und jeden noch so abyssalen Abgrund durchqueren, um die Mioritischen Gefilde deiner Liebe zu erreichen.” | Amadeo
Das Glöckchen an der Eingangstür erklingt und verkündet mit schriller Stimme das Erscheinen der Frau. Das Pendel der Uhr erwacht erschrocken und beginnt wieder zu schwingen, den Schritt der Zeit zu schlagen. Die Herzen der Sterblichen beginnen wieder zu schwingen, so als wäre nichts geschehen.
Ich öffne die Augen.
Meine Zigeunerin betritt die Schenke, und die Schenke, überrascht und geblendet von der Schönheit der Frau, wirkt wie von Sinnen erstarrt, gleich jenem Gast, der mitten in der Bewegung innehält, den Weinkrug auf halbem Weg zu seinen leicht geöffneten Lippen.
Der Wirt, mit einem Glas und einem Tuch in den Händen, tritt überrascht hinter der Schanktheke hervor. Doch noch bevor er seinen Unmut äußern kann, hebe ich meine Hand und gebe ihm ein Zeichen still zu sein.
Meine Eviana, eine vollkommene Frau, faszinierend, mit einem durchdringenden, leuchtenden Blick, war eine Zigeunerin, wie sie euch in eurer Welt kein zweites Mal begegnen wird.
Sie trägt einen langen, weiten, bauschigen und farbenreichen Rock, der bis zu ihren Füßen reicht, weiße Rüschenbluse und natürlich, goldene Kreolen, Halskette und Armreif.
Ihr langes, schwarzes Haar fällt in Wellen über ihre Schultern Und in ihren verführerischen Augen, in diesem fesselnden, hypnotischen Blick, kann man sich verlieren – auf einem Weg ohne Möglichkeit zur Rückkehr.
Während sie mit großen Schritten auf ihren weichen, katzenhaften Sohlen auf meinem Tisch zukommt, wirft sie dem Wirt einen vernichtenden Blick zu, woraufhin dieser in die Küche verschwindet.
Die Zigeunerin bleibt vor mir stehen, stemmt die Hände in die Hüften und sagt:
„Was zum Teufel machst du hier unter den Sterblichen? Du hast versprochen, sie in ihre Welt zurückzubringen und in unsere Geschichte zurückzukehren!”
Sie setzt sich auf die Kante des Stuhls und sagt mit erhobener Stimme:
„Sprich, Mensch!”
Ich sehe ihr in die Augen und schweige. Alles, was ich ihr hätte antworten könnte, habe ich ihr bereits tausendmal gesagt. Sich aus der Lust am Sprechen zu verlieren, ist am Ende nur das Vergnügen dessen, der deinem Gesang lauscht. Doch ihr Gesang ist mehr als Klang – es ist Verführung, denn jedes ihrer Worte zieht mich tiefer in ihren Bann, in einen Abgrund aus dem es keinen Weg zurück gibt.
Hingegen sind meine Worte keine Gesänge, keine Lieder. Zu oft habe ich sie im Namen einer vermeintlichen Wahrheit ausgesprochen, vergeudet, bis zu jenem Tag als ich begriff, dass niemand nach meiner Wahrheit sucht, geschweige denn sie hören möchte.
„Die Welt der Sterblichen ist nicht deine Welt. Du kannst nicht hierbleiben, du musst so schnell wie möglich in unsere Welt zurückkehren”, sagt die Schöne und fährt fort:
„Auch wenn wir beide einander gleichen, kann ich in ihrer Welt leben, weil ‚sie‘ in ihrer Welt existiert. Du hingegen nicht, denn du existierst nicht – weder hier noch anderswo! Du bist nur der unsterbliche Wanderer, durch den sich das definiert, was existiert …!
Hast du dich denn nie gefragt, warum du vor jenem aus Shakya erschienen bist, obwohl er dich nicht gerufen hat? Die anderen elf waren sterbliche Wesen. Du nicht!
Nicht nur, dass dir die Gestalt fehlt, der Körper, der sichtbare Leib – du besitzt nicht einmal Eigenschaften, durch die du dich selbst definieren könntest. Du warst gezwungen, die Eigenschaften anderer anzueignen, um erahnt, wahrgenommen werden zu können.
Die Tatsache, dass du die Gedanken der Sterblichen erkennen kannst, ohne sie zu lesen, dass du die Geburt und das Aussprechen der Unwahrheit auf den Lippen menschlicher Schwächen vorausahnen kannst – und vor allem deine Fähigkeit, den Lauf der Welt zu sehen, begreifen und zu verstehen, während du an deinem einsamen Ufer sitzt und das Verrinnen der Augenblicke in der zerbrochenen Sanduhr betrachtest – macht dich noch lange nicht allwissend.
Für wen hältst du dich eigentlich, du großer Besserwisser?”
Ach ja, ich weiß, du lebst nach dem Grundprinzip des Nichthandelns – wúwéi – jene höchste Wahrheit, die nur spontan „wirkt“, ohne dass ein Eingreifen des Verstandes erforderlich ist. Dein Handeln geschieht nicht gegen die Natur der Dinge, sondern Absichtslos und Zwangslos, im Einklang mit dem natürlichen Lauf der Welt.
Also, wieso schweigst du?
Und natürlich weiß ich nur zu gut, dass deine Fähigkeit, mit silberner Zunge zu sprechen, für ein empfängliches Ohr gefährlich sein kann. Eben noch, in der Kutsche, hast du dich zu Evas Ohr geneigt und sie gefragt, warum ihre Träume traurig seien! Worauf sie dir ohne zu zögern zu verstehen gab, dass sie von die enttäuscht sei, weil du sie auch in ihren Träumen heimsuchst und dass sie sich trotzdem nach dir sehnt!”, sagt Eviana eifersüchtig.
„Meine Geliebte, in deinen Fragen atmen bereits deine Antworten. Horche in dich hinein und du wirst sie spüren!”, antworte ich und fahre fort:
„Und auch du, meine eifersüchtige Schöne, solltest wissen, dass die Fragen, die ich einer Frau ins Ohr flüstert, jene Antwort hervorbringen werden, die du im nächsten Augenblick selbst aussprechen wirst – die Alchemie meiner Einsamkeit atmet nicht in den Herzen der Sterblichen!
Die Wirtin erscheint neben unserem Tisch, wirft Eviana einen herausfordernden Blick zu und fragt, ob sie etwas zu trinken wünsche. Ich gebe ihr zu verstehen, dass wir vorerst nichts von ihr möchten, weder zu essen noch zu trinken. Die Wirtin verschwindet in der Küche, während die Zigeunerin mein Glas nimmt, es mit rotem Wein aus der Karaffe füllt, in einem Zug leert und sagt:
„Du hast sie bei der Hand genommen und in eine unwirkliche, fantastische Welt getanzt, wo deine verführerische Einsamkeit am Ufer einer märchenhaften Geschichte weilt, in dem festen Glauben, dass die ‚Einsamkeit der Weg ist, auf dem das Schicksal versucht, den Menschen zu sich selbst zu führen‘. Doch deine Einsamkeit kann niemals der Weg eines anderen sein!
Da ihre Rückkehr unvermeidlich war, hast du sie zurück in die Welt der Sterblichen getanzt – in eine Welt, in der jeder versucht, mit der Hoffnung im Herzen im Gleichgewicht zu leben, solange die geworfenen Würfel noch über dem Möglichen schweben; und zu überleben, wenn die Würfel gefallen sind und nur noch Verzweiflung bleibt.
Was weißt du schon über die kleinen täglichen Rituale, über jene Praktiken, die den Menschen die Sicherheit und die Kraft geben, in einer grausamen Welt fortzubestehen – einer Welt, die sich vom Licht des freien Geistes abgewandt und in das düstere, mittelmäßige Zeitalter zurückgekehrt ist, regiert von ihresgleichen im Namen einer allmächtigen Metapher …?
Und was weißt du schon über religiösen Glauben und die Dogmen der Religionen? Wer gibt dir das Recht, jemanden wegen seines Glaubens oder seiner Taten anzuklagen, zu richten oder zu verurteilen, zu verdammen?”
Eviana sagt es mit erhobener Stimme:
„Und falls du es noch immer nicht verstanden hast: ‚Sie‘ ist allein aus der Geschichte herausgetreten und nach Hause zurückgekehrt, in ihre eigene Welt, in der wir nichts weiter sind als Schöpfungen der Vorstellungskraft – Figuren in einem flüchtigen Spiels, getanzt in vergoldeten Worten. In diesem Spiel warst du der schwarze Spieler; manchmal der König, manchmal der Narr, manchmal der Harlekin, aber vorwiegend Pierrot …”
„Und was zum Teufel machst du hier am Tisch des Kaisers? Auf wen wartest du?”, fragt meine Schöne erneut.
„Auf dich. Nur auf dich, aber ich verstehe nicht, wie du auf dich selbst eifersüchtig sein kannst!”, sagte ich schmunzelnd.
„Was willst du damit andeuten?”, fragt sie gereizt.
„Du bist Eva!”, antworte ich.
„Wenn ich Eva bin, wer ist dann die Frau aus der Kutsche, in dessen Armen du im Redoutensaal getanzt hast? Sag mir nicht, dass du den ‚Geist des Windes‘ zurück in die Welt der Sterblichen gebracht hast!”, schreit die Zigeunerin außer sich.
„Ja. Ich habe Lilith sie bei der Hand genommen und zurück in das Universum der Sterblichen getanzt, in dem sie existiert, seit es die Menschheit gibt”, sage ich.
„Und wer aufmerksam um sich blickt, wird sie mit eigenen Augen erkennen – wie sie, mit dem Blick der siegreichen Unschuld, am Arm des wandernden Mannes durch die Welt dahinschreitet!”
* * *
Die Zigeunerin legt ihre geöffneten Handflächen auf den Tisch, beugt sich vor und nähert sich mir langsam, wie eine Raubkatze, die sich ihrer ihrer Beute nähert.
Ihre Augen, glühend wie Feuer, bohren sich in meinen Blick.
Sie zieht den Dolch hervor, den sie in der Falte ihres Rockes verborgen trägt, und rammt ihn mit einer blitzschnellen Bewegung in die Tischplatte.
Die leise gesprochenen Worte, mit der Hand am Messer, gleiten über die Schneide ihrer Zunge, die mit einem zischenden, scharfen Geräusch aus ihrem halb geöffneten Lippen hervorkommen – als würden sie über die Klinge des Dolches fließen, den sie zwischen den Zähnen hält:
„Kehre zurück in die Geschichte! Wenn du morgen nicht auftauchst, komme ich zurück und …”
In diesem Augenblick, und nur für einen kurzen Moment, hebt sich der Schleier vor meinen Augen und aus der Tiefe, jenseits der Iris, brechen die Drachenaugen hervor.
Die Zigeunerin verstummt mitten im Stz, weicht langsam zurück, richtet sich auf, und für einen flüchtigen Augenblick erscheint sie vor mir in ihrer ganzen katzenhaften Pracht.
Sie blickt mir in die Augen und sagt:
„Mein Geliebter, diese Geschichte ist nicht unsere Geschichte. Bitte kehre zurück in unsere Welt.”
Dann dreht sie sich um und verlässt die Schenke, gefolgt von dem kleinen getigerten Schatten.
Der Wirt verfolgt sie mit weit aufgerissenen Augen, während er die mit einem saubere Tuch über den Schanktisch wischt.
Hinter ihm steht die neugierige Wirtin und beobachtet, gemeinsam mit der jungen Magd, von der Küchentür aus, wie die Zigeunerin hinaus in die Nacht tritt.
Ich sehe sie am Fenster vorübergehen und höre mich flüstern:
„Hey, Zigeunerin – ganz gleich, ob du nun Eva oder Johanna bist – warte an der blauen Pforte auf mich!”
Ich erhebe mich, ziehe den Dolch aus dem Holz der Tischplatte, hole eine Handvoll Florin aus der Tasche meines Wamses und lege einen Gulden auf die Wunde im Holz, die übrigen neben den Kelch mit dem Rotwein. Die dreißig Silberlinge werde ich auf dem Handlauf des Geländers an der hölzernen Galerie aufreihen!
Ich nehme meinen Zylinder und den schwarzen Mantel vom Garderobenhaken, danke dem Wirt für seine Gastfreundschaft, für Speise und Trank, grüße die Gäste an den anderen Tischen und verlasse die Schenke, während der Wirt sich verbeugt und sagt:
„Habe die Ehre mein Herr, bis zum nächsten Mal.”
Ich werfe einen letzten Blick durch das Fenster zurück in die Schenke und sehe, im gelblichen Schein der Kerze auf dem Tisch, die Gestalt des Wirtes, wie er mit weit aufgerissenen Augen die Goldmünzen aus seiner Hand verschlingt.
Neben ihm steht die Wirtin reglos da und blickt durch die Scheibe mit den Augen eines Adlers zu mir herüber – und ich weiß, dass sie mich gespürt hat …
Der Laternenanzünder zieht mit seiner Leiter und dem Feuer der Nacht durch die menschenleeren Straßen. Die Finsternis der Nacht tritt aus der Dunkelheit der Schatten hervor und wacht über der schlafenden Stadt.
Die Zigeunerin ruft nach mir und murmelt ihre Beschwörung über glühende Kohlen:
„Vor dem Zelt sitze ich, Geliebter, über glühenden Kohlen murmele ich,
Hände aus Weihrauch und getrockneten Kräutern im Brodeln der wüsten Flamme.
Mit Blut beschwöre ich den verlassenen Morgen, in den Augen das Aufblitzen des Feindes,
unter den Nägeln bewahre ich Erinnerungen an den Kampf – Stilett und Zigeunerherz …” Siedendes Blut | a.m.
Auf dem Weg nach Nirgendwo halte ich in der Ballgasse inne, öffne meine Handflächen und lese deine letzten, niedergeschriebenen Worte, die langsam und doch anmutig in das Weiß unseres Zufalls versinken, während im Tanzsaal das Licht der Kronleuchter in deinem Schweigen erlischt und gemeinsam mit der Erinnerung an unsere Reise verschwindet – jene Reise, die in den Armen des ewigen Langaus endete, bei unserem einzigen Rendez-vous im Redoutensaal.
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Die transluzente Kathedrale | Bruchstücke (an Stelle eines Epilogs)
„So wie bisweilen ein strahlendes Licht aufscheint, wenn eine Wolke auf eine andere trifft, so wünsche ich mir, dass du einen Lichtstrahl auf meinen einsamen Weg wirfst, von dem du dich einst schweigend abgewandt hast.” | Amadeo
Natürlich erinnerst du dich an unsere erste Begegnung.
Du saßt im Ferienzug Richtung Schwarzes Meer, die Knie an die Brust gezogen, den Blick fest auf das Fenster gerichtet, beobachtetest du den Tanz der Silhouetten – jenseits des Spiegels des dunklen Abteils – auf der Agora der eiligen Reisenden, unterwegs nach irgendwohin oder zurück von irgendwoher, an dem du auch gerne gewesen wärst!
Ich war für eine letzte Zigarette aus meinem Zug ausgestiegen.
In dem Augenblick, als ich dich erblickte, dich erkannte, trat ich aus dem Halbdunkel des Bahnsteigs. Du hast mir einen Moment lang in die Augen gesehen und darin ein verborgenes Wesen erkannt, das tief in meiner Einsamkeit verbannt, darauf wartete, in deinen Worttanz aufzusteigen!
„Hey!”, las ich auf deinen Lippen, „Kannst du auf den Schienen balancieren? Zeig es mir!” … „Komm, lass uns Hand in Hand davonlaufen! Komm, lass uns laufen!”
Reglos stand ich am Bahnsteigrand und sah dir in die Augen, während ein heranrasender Zug mit dröhnendem Signal seine Ankunft im Bahnhof ankündigte.
Du warfst mir einen letzten Blick zu und warst überrascht zu sehen, wie ich dastand und langsam meine gefalteten Handflächen vor meiner Brust öffnete, die Finger leicht nach oben gerichtet.
Eine schwarze Silhouette durchschnitt unseren Blick, während dein Zug knarrend in Richtung Meer davonfuhr.
Du wandtest deinen Blick dem leeren Abteil zu und entdecktest ein Buch auf dem ausklappbaren Tisch.
In diesem Moment verstandest du, was ich dir mit meinen Händen gesagt hatte.
Du nahmst das Buch blättertest neugierig darin. Da die Seiten alle leer, weiß waren, warfst du es wütend zurück auf den Tisch und holtest deine Zigarettenschachtel hervor.
Bevor du zum Rauchen auf den Gang hinausgingst, nahmst du das Buch noch einmal in die Hand, schlugst es diesmal aber auf der Titelseite auf. Auf dem weißen Papier erschien langsam, Buchstabe für Buchstabe, die Worte: „ӔQUILIBRIUM”, geschrieben in goldenen Großbuchstaben, gefolgt vom Untertitel: „Die Alchemie der Worte und weitere Zehntausend Geschichten”. Oben, nahe am Rand des Blattes, hatte jemand folgende Zeilen geschrieben: „Thank you for our life! Thank you for our love!”, gefolgt von einer Unterschrift, dem Datum und einige unleserliche, handgeschriebene Zeichen in schwarzer Tinte.
Du blättertest um, doch das nächste Blatt war ebenso weiß wie alle anderen Seiten. Langsam, ganz langsam, sog das Weiß vor deinen Augen deinen Blick in sich auf, und Buchstaben, Wörter, Sätze und Geschichten erschienen auf dem jungfräulichen Papier.
Ohne Eile und mit sanfter Stimme begannst du uns vorzulesen:
Sed fugit interea, fugit irreparabile tempus,
singula dum capti circumvectamur amore.
„Man sagt, die Zeit ‚fließt‘ durch uns hindurch und verändert unaufhörlich unsere Welt, unser Innerstes und unsere Umgebung. Ich weiß nicht, ob sich die ungezähmte Zeit im Spiel der Wolken oder im Flug der Vögel sichtbar offenbart, doch ich weiß, dass irgendwo, verborgen in einem transzendentalen Universum, ein unsterbliches Wesen schwebt und über dich und deinen Träumen wacht.
Diese, «von Flammen verzehrte und durch Gebete ans Licht gebrachte», Erscheinung besitzt die Macht, die Zeit für einen märchenhaften Augenblick des Glücks anzuhalten und sie sogar zurückzudrehen – durch die Aussprache der Worte: «sed tempus nostrum non transit, dum in amore mutuo natamus.»
Hier und jetzt erschaffe ich dir allein durch die Macht meiner Worte ein wundersames Universum, in dem die närrische, nun umkehrbare Zeit dich aus einer wirklichen Welt in ein fantastisches, magisches Universum tanzen wird, entsprungen meiner Vorstellungskraft.
Zweifellos hat alles irgendwann einen Anfang, und hinter jedem Anfang stehen eine Ursache und ein Grund. Diese können von uns selbst oder von anderen ausgehen. Wenn solche Ereignisse eintreten, beginnt jedes Mal ein neuer Weg, der eine ‚Reise‘ und eine neue Form des Daseins in der Zeit hervorbringt.
Diese ‚Ereignisse‘ können wundersame, fantastische Wege sein, von denen die meisten Menschen glauben, dass sie nicht existieren, obwohl sie wissen, dass sie existieren sollten. Dennoch hoffen sie, dass jemand sie beschreiten kann.
Selbst wenn es in unserem leben Weggabelungen gibt, die uns nicht die Möglichkeit bieten, die von uns gewünschten Pfade zu wählen, sollten wir nicht aufhören zu träumen und nach ihnen zu suchen, und vor allem nicht aufhören, uns zu fragen, warum und für wen wir lebt, wen wir vermissen oder nach wem wir uns sehnen, wen wir mit brennender Leidenschaft begehren.
In dem Augenblick, in dem wir damit aufhört, endet die Liebe und verschwindet aus unserem Leben.
Gibt es ein Schicksal oder einen Zufall, der kraftvoller und schöner ist als das Erscheinen eines solchen wundersamen Weges in unserem wirklichen Leben, der angeblich jeden unsere Träume zerstören könnte? Ich sage, es gibt nur eine einzige Wirklichkeit, die schöner ist als jede noch so wundersame Vorstellungskraft: Du!”
Nachdem du das Vorwort gelesen hattest, schlugst du das Buch zu und unterbrachst die Geschichte für eine Zigarette – aber nicht, ohne vorher die nächste Seite umzublättern, wo dich das erste Gedicht unserer in Worte gefasste Reisen erwartete …
* * *
Die Hauptfigur der Geschichte Rendez-vous im Redoutensaal ist die ewige Femme fatale, verkörpert von der schönen Eva, der unschuldigen Jungfrau ; Johanna, der verführerischen Frau ; Eviana, der rassige Zigeunerin ; und natürlich von Hanna, der kleinen trügerischen Erscheinung, dessen Teint in tausend perlmuttartigen Schattierungen schimmert.
Die Magie der Fiktion gab mir die Möglichkeit, mich von einem treuen Leser in einen mehr oder weniger abstrakten Geschichtenerzähler namens Amadeo zu verwandeln ; in die Chimäre Gýom, ein sine corpore Wesen ; und selbstverständlich in den bescheidenen Zecher – den alten Kutscher mit dem weißen Haar.
Die Geschichte erzählt von einer kurzen Episode aus dem Leben der wunderschönen Eva von Sachsenheim, einer jungen Frau, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts jenseits des Waldes, in der Roten Stadt lebte; unweit des Gartens der Versuchungen, der am Fuße des kleinen Monte Sancti Michaelis lag.
Auch wenn Evas Existenz nicht bewiesen werden kann, da sie eine von mir erfundene Person ist, lebte zu jener zeit tatsächlich eine Familie namens Sachsenheim in Hermannstadt.
Laut den Aufzeichnungen des Hermannstädter Ethnographen Emil Sigerus, in seinem Buch „Vom alten Hermannstadt” (Band 3), wohnte die Familie Sachsenheim, Anfang des 19.Jh., in dem Gebäude, das als „Haus mit den Karyatiden” bekannt war. Angeblich haten sie das Haus von der Gräfin Gergely, der Witwe des Grafen Gregorius Bethlen, erworben, die das kleine Palais im Jahre 1787 errichtet haben soll und dabei die zur Strasse gewandte Fassade mit einem schönen, von zwei Steinstatuen ( Karyatiden ) getragenen Erker versah.
Meine Eva, ein schönes und kluges Fräulein von außergewöhnlicher Eleganz und Zartheit, war eine Frau, wie ihr sie kein zweites Mal in eurer Welt antreffen werdet.
Im Alter von neunzehn Jahren begann sie sich aus dem Korsett der von der „kleinen örtlichen Bourgeoisie” auferlegten Verhaltensnormen loszulösen.
Von Zeit zu Zeit schlich sie sich durch das kleine Tor aus dem Elternhaus, das vom Garten zur Ballgasse führte, und verschwand im Labyrinth der schmalen Gassen der Stadt, deren Pflaster mit Geschichten bedeckt war.
Während dieser Eskapaden entdeckte sie einen verborgenen Durchgang, Steg, Brückenkopf in ein unbekanntes, fremdes und geheimnisvolles Universum, voller verlockender Reize und gefährlicher Versuchungen – eine Welt jenseits des roten Schutzwalls, errichtet aus gleichförmigen Mauer- und Dachziegeln …
* * *
An einem heiteren Sommertag des Jahres 1819 verlässt unsere schöne Eva gemeinsam mit ihrem kleinen, kostbaren Hündchen Gemme das Haus und begibt sich auf die Platea carnificum, mit der Absicht, auf den Hundsrücken zu schleichen, von wo aus sie einen umfassenden Blick über die Unterstadt hat und weiter, über die Sag-Bastei hinaus, bis an den Rand des Horizonts, der sich jenseits des wilden Flusses erstreckte.
Vor den steinernen Jungfrauen wartete eine elegante Kutsche.
Eva wirft einen kurzen Blick auf die wunderschöne Berline mit ihren vier Sitzplätzen, während das Hündchen neugierig auf den Kutscher zugeht, der vom Bock vor der Kabine herabgestiegen war und zur Wagentüre begibt, die mit einem seltsamen, vergoldeten Wappen geschmückt war.
Eva macht einige Schritte auf die Kutsche zu und ruft dabei ihren kleinen Hund zurück.
Der Kutscher nimmt mit der linken Hand den Zylinder vom Kopf, öffnet die Wagentür, klappt das Trittbrett herab und ladet die junge Dame mit einer Bewegung seiner rechten Hand ein, in die Kutsche einzusteigen.
Im nächsten Augenblick verschwindet das schwarze Kleinod mit einem Sprung in der Kutsche.
Eva, sichtlich erschrocken, steigt hastig hinterher in die Kabine und ruft dabei den Namen der Hündin.
In dem Augenblick, als die Schöne die Kabine betritt, setzt sich der Kutscher den Zylinder wieder auf, hebt das Trittbrett an und schließt die Tür der Berline.
Die Märchenkutsche verschwindet.
Die Frau beugt sich vor, hebt die auf der Rückbank erstarrte Hündin auf und drückt sie an ihre Brust. Instinktiv dreht sie sich um, denn sie spürt die Gegenwart eines Wesens in ihrer Nähe und erkennt den Umriss einer Gestalt auf der gegenüberliegenden Sitzbank.
Die Erscheinung, die sich aus dem Halbdunkel der Kabine gelöst hat, beugt sich in den Sonnenstrahl, der durch das kleine Seitenfenster fällt, und sagt:
„Johanna, endlich bist du erschienen! Ich bin unendlich glücklich, dich hier zu treffen, in deiner Welt, deinem vertrauten Universum.”
Verunsichert streckt Eva die linke Hand zur Türe aus und deutet an, dass sie die Kutsche verlassen möchte. Der Mann erhebt sich rasch, verneigt sich kurz aus Respekt und sagt:
„Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle: Mein Name ist Amadeo.”
Er deutet auf die Rückbank und lädt die junge Dame ein, Platz zu nehmen. Eva folgt seiner Aufforderung ohne Zögern und setzt sich langsam – wie im Trance – mit dem Hündchen auf dem Arm auf die Sitzbank.
Der Mann beginnt ihr, mit gedämpfter Stimme von fantastischen Reisen durch unsichtbare Pforten zu erzählen, Tore, die im Schatten der tellurischen Zeit verborgen liegen; er spricht von Universen voller Sphären und wundersamen Welten, bevölkert von Fabelwesen – Welten, in denen jene Zeit der Chimären, die die Sterblichen so sehr fürchten, nicht existiert.
Eva ist fasziniert von den fantastischen Bildern, die der unbekannte Erzähler in Worte kleidet. Die Bilder strömen aus dem Mund dieses wundersamen Wesens in die Seele der Frau, wo sie mit ihren eigenen, tief verborgenen Bildern verweben – jenen Bildern, die im Geheimen Eva erträumt hatten und sich unter ihrem Kopfkissen in Schweigen gehüllt verbargen.
„Eva, deine Welt, in der du geboren wurdest und lebst, ist nicht singulär. Sie ist nur eine von zwei identischen Welten, die – hier und jetzt – in deinem Raum und deiner Zeit existieren. Deine Welt, mit allem und jedem, was in ihr existiert, existiert gespiegelt in der anderen, der Zwillingswelt. Und so existierst auch du, Eva, in der anderen Welt. Ich weiß, dass du dies gespürt hast, seit deine Welt dich geboren hat! Die beiden Welten sind identisch, mit nur einem einzigen Unterschied: In deiner Welt ordnet sich das Unmögliche dem Möglichen unter, während in der anderen Welt alles möglich ist und geschieht – solange es aus deinem Wunsch hervorgeht! Alles, was du dir gewünscht hast zu sein und wozu du nicht die Möglichkeit hattest zu werden, existiert durch dein Zwillingswesen – und umgekehrt.
Der gewöhnliche Sterbliche besitzt nicht die Fähigkeit, die Existenz der Zwillingswelten wahrzunehmen – und du Eva, ebenfalls nicht. Doch es gibt die Möglichkeit in die jeweils andere Welt zu gelange – denn es existiert ein Übergangsweg, eine Pforte, die man ohne magische Formeln und ohne Zauber oder Hexerei durchschreiten kann.
Der Weg und das Tor bin ich. Dein Zwillingsname – von dir selbst vor dem Durchgang ausgesprochen, ist der Schlüssel, der die unsichtbare ‚Blaue Pforte‘ aufschließt! Gemeinsam mit mir kannst du jederzeit in die andere Sphäre hinübergehen. Allein aber kannst du die andere Seite nicht erreichen, denn die Übergangspforte existiert ohne mich nicht in deiner Zeit und deinem Raum.
In der Zwillingswelt lautet dein Name Johanna. Dort, jenseits der Zeit, kannst du die verführerische Johanna sein, die kleine Hanna und die bezaubernde, rassige Zigeunerin Eviana, jene mit dem schwingenden Schritt und dem geschmeidigen Dolch.
Ich bin alles oder nichts. In der anmutigen Welt der Hanna bin ich der See aus dem Märchen, der Felsen am Ufer des Wassers, der verwunschenen Wald, die Geschichte – und er …”
* * *
Und dennoch wäre es nicht wahr, würde ich behaupten, dass wir uns kennen!
Die Rahmengeschichte Rendez-vous im Redoutensaal umfasst fünf Skizzen und Textfragmente. Meine sogenannten Prosaskizzen, die ohne Berücksichtigung der klassischen Kriterien einer Erzählung entstanden sind, sind natürlich nichts weiteres als pseudoliterarische Entwürfe – naiv, arm an Nuancen und Ausdrucksmitteln – im Vergleich zur literarischen Kunst der Dichterin Eva Ana Mein. Der Versuch, diese Mängel durch klischeehafte, träge sprachliche Konstruktionen auszugleichen, verwandelt mich nicht von einem Salvatore, in einen Adson, geschweige denn in einen Guglielmo.
Obwohl mir die schriftstellerische Begabung nicht in die Wiege gelegt wurde, wagte ich es, mich auf die Bühne der schönen Worte zu begeben um meine Gedanken der virtuellen Agora zu offenbaren, denn nur so hatte ich die Möglichkeit, dir, euch diese Geschichte zu schenken!
Mein Verschwinden aus den Mioritischen Gefilden vor Jahrzehnten kann keineswegs als mildernder Umstand für meine Unfähigkeit gelten, mich in deiner, eurer, Sprache korrekt auszudrücken.
Die Idee zu dieser fiktiven Erzählung kam mir beim durchblättern eine Sammlung literarischer Texte in Versen und Prosa; zusammengetragen und zu einem Bouquet wundervoller Filigrane verwoben, wahre Beschwörungen güldenen Worten, gewoben aus bezaubernden Bildern, bemerkenswert in der Tiefe poetischer Gedanken und die Schönheit des gewählten Worte!
Die Sammlung umfasste fast zweihundert handgeschriebene Texte auf losen Blättern, vermutlich aus einem Notizheft gerissen.
Obwohl einige der Gedichte offenbar reale, datierbare Augenblicke, Empfindungen und Ereignisse widerspiegelten, ließen sich die meisten Texte nicht in der Zeit verankern.
Die Blätter waren mit «a.m.» oder «Eva Ana Main» signiert, vermutlich ein Pseudonym, hinter dem jemand seine wahre Identität schützte.
Mit jedem Textfragment, das ich las und genoss, mit jedem Satz, jedem Vers und jedem Wort drang ich tiefer in das Labyrinth der Gedanken ein, das unter der goldenen Oberfläche der Worte verborgen lag. Dieser Prozess schuf eine mystische Verbindung zwischen Leser und Autor und weckte in mir den Wunsch, dem prachtvollen Wortgemälde mit meinen eigenen Farben der Fantasie zu antworten.
Um die fiktive Erzählung Rendez-vous im Redoutensaal mit einem bereits existierenden Text zu zu verbinden, miteinander zu verknüpfen, habe ich mir die Freiheit genommen, das letzte Fragment des „ӔQUILIBRIUM” fortzuführen, indem ich der Skizze „Die transluzente Kathedrale” mein Nachwort hinzufügte.
Tatsächlich ist die imaginäre Reise Rendez-vous im Redoutensaal nicht das Gemälde selbst, sondern lediglich sein Rahmen, die Umhüllung des Bildes, in dessen Innerem unsere Geschichte eingebettet ist – verriegelt in der Skizze „Der Wolkenvertreiber”.
Vor einigen Jahren hast du mich gefragt, was die Metapher des Schweigens bedeute. Ich nahm dich bei der Hand, schritt durch das Schloss meiner Einsiedelei in die Hallen deines Herrn, öffnete unser Buch und bat dich, deinen Wunsch in das Marmorweiße Antlitz des Altars zu meißeln. Deine Worte waren die Antwort auf deine eigene Frage.
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Unsere Reise endet mit dem Anfang des „Dàodéjīng”, der klassischen chinesischen Textsammlung die dem daoistischen Philosophen Lǎozǐ zugeschrieben werden: „Dào kě dào, fēicháng dào. Míng kě míng, fēicháng míng.”
In der Geschichte des alten Meisters Lǎozǐ besitzt der Begriff „dao” eine abstrakte Bedeutung, kann jedoch auch als Weg verstanden werden – von dem der Autor in Kapitel 53 als dem großen, äußerst ebenen Weg spricht, einem Weg, den die meisten Sterblichen meiden und stattdessen die Seitenpfade bevorzugen!
Das Wort „míng” lässt sich mit Name übersetzen und bezieht sich auf die sprachliche Bezeichnung und auf das, was durch Worte ausgedrückt und verstanden werden kann.
Doch ein Wort, das verwendet wird, um auf etwas zu verweisen, ist nicht identisch mit dem, worauf es verweist. Denn das, was ist, kann durch Sprache weder vollständig ausgedrückt noch anschließend tatsächlich in ihr erfasst werden.
Das bedeutet, dass praktisch keine Ideologie und keine von uns angewandte Methode für sich beanspruchen kann, absolut zu sein. Was wir durch Worte ausdrücken, ist und bleibt eine relative Sicht auf die Welt, in der wir leben.
Ich muss gestehen, dass ich nicht weiß, ob ein Weg [ dào ], über den man „sprechen” kann, ein besonderer bzw. beständiger Weg ist [ dào kě dào, fēicháng dào ], und ich weiß auch nicht, ob ein Name [ míng ], der „benannt” werden kann, ein besonderer bzw. beständiger Name ist [ míng kě míng, fēicháng míng ].
Doch ich weiß, dass ein Weg in dem Augenblick zur Wirklichkeit wird, in dem derjenige, der ihn beschreitet, benannt werden kann!
Die Reise durch die Zeit hat einen märchenhaften Weg hervorgebracht, auf dem wir zu Wort geworden sind!
Doch Worte können die Vergangenheit nicht verändern, nur die Gegenwart und folglich die Zukunft.
Und dennoch wurde unsere Geschichte in dem Augenblick Wirklichkeit, als du begannst, uns mit sanfter Stimme die ersten Worte des Vorworts des Zyklus erneut vorzulesen.
Deine Stimme verlieh dem gesprochenen Wort Gestalt. Durch den Sprechakt wurde es performativ für die gesamte Geschichte.
In diesem Zusammenhang unterwarf sich die Zeit deinem Wort, ignorierte ihre eigene Unumkehrbarkeit und führte uns so zurück in die Vergangenheit – an jene Kreuzung, an der wir uns entschieden hatten ad ein sof zu sein.
„Einst lachten wir, tanzten und träumten gemeinsam vom Leuchten in den Augen des anderen. Wir sahen nur das, was wir sehen wollten. Wir waren ein einsames Wort zwischen zwei Worten, ein nächtlicher Tanz zwischen zwei Hochzeiten. Unsere Poesie, niedergeschrieben auf einem Stückchen ad ein sof, wurde vom närrischen Wind davongetragen, der sich durch das Dornengestrüpp hindurch zum Mittelmeer geschlichen hatte. Vielleicht bist du deshalb ohne Zögern fortgegangen. Morgen wird es uns schwerfallen, uns nach etwas zu sehnen, dessen Fehlen wir nicht mehr spüren werden, selbst wenn wir irgendwo am Rand der Zeit im Gleichgewicht dahinschreiten.”, sagt Amadeo mit gedrückter Stimme.
„Nichts hat sich verändert, alles ist genauso, wie es vorher war”, antwortet Eva.
„Hebe deinen Blick. Der Sternenhimmel lässt fremde Geschichten erstrahlen”, flüstert Amadeo.
„Es sind nur Glühwürmchen. Was ist anders als zuvor?”, fragt die Frau.
„Zuvor… Eva, wirst du hier allein sein”, antwortet der Fuhrmann der güldenen Worte, schließt das Buch, wendet seinen Blick Lilith zu, und fragt dich: „ubi eamus, domina mea?”
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Post Skriptum
Das pastellfarbene Phantasiegebilde Rendez-vous im Redoutensaal ist reine Fiktion. Jenseits des Schleiers der Fiktion, dort, wo Worte aufhören, nur noch das Spiel einer Geschichte zu sein, beginnt die Realität. Was nun folgt, ist wirklich geschehen – eine Begebenheit aus dem Leben, in meiner Erinnerung bewahrt wie eine Spur, die die Zeit, so sehr sie es auch versucht, nicht auslöschen kann!
Ursprünglich hatte ich die pastellfarbene Geschichte Rendez-vous im Redoutensaal mit folgendem Satz beendet: „…antwortet der Fuhrmann der güldenen Worte, schließt das Buch, wendet seinen Blick dir zu und fragt dich: „quo vademus, domina mea?”
In dem Augenblick, als ich das Ende der Geschichte verändert hatte, indem ich das Wort „dir” durch „Lilith” ersetzt hatte, öffnete sich der Himmel und ein Blitz, fest umschlungen von einem furchterregenden Donnerschlag, wie ich ihn noch niemals zuvor gehört hatte, schlug in unser Haus ein. Ich trat auf den Balkon hinaus, weil ich der Meinung war, dass etwas Ungeheuerliches auf das Dach des Gebäudes gestürzt sein müßte. Draußen herrschte tiefste Finsternis. Ein Hund aus der Nachbarschaft bellte, und im Haus gegenüber schaltete jemand das Licht ein.
Es war beinahe Mitternacht, und es begann zu regnen.
Ich hob den Kopf zum schwarzen Augusthimmel und spürte die Tränen der Amsel auf das Antlitz meiner Einsamkeit tröpfeln – Wir sind dào !
Amadeo Gýom, 2015 / 2026
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„Der Redoutensaal”
Durch die Eingangstür zum Redoutensaal, die sich auf der rechten Seite der Lithografie befindet, sind der Gartenzaun und die Rückfassade des Gebäudes zu sehen, das sich neben dem Haus mit den Karyatiden befand, in dem angeblich die Familie von Sachsenheim zu Beginn des 19. Jahrhunderts gewohnt haben soll.
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